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Vereinigte Staaten : Aus der Zukunft

Make America red, white and blue: Sonnenaufgang über Pittsburgh, wo der Allegheny und der Monongahela River sich zum Ohio River vereinen. Bild: Dave DiCello/Bearbeitung F.A.S

Pittsburgh ist nicht Paris, aber seit hier kein Stahl mehr produziert wird, lebt es sich immer besser. Unterwegs in einer typisch amerikanischen Stadt.

          5 Min.

          Da steht ein Monster am Fluss. Zehn Tonnen schwer. Riesengroß, dunkel und mit Nieten gepanzert. Ein Ding von reiner Gewalt und brutaler Kraft. Aus einer anderen Zeit.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man nennt dieses Monster die Bessemerbirne. Aber das klingt viel zu nett, wenn man eingeschüchtert davorsteht, am Ufer des Monongahela River von Pittsburgh. Auf Englisch heißt das Monster, das wie eine Urne aussieht und hier zum Denkmal gebändigt auf dem Station Square steht, Bessemer Converter. Es soll an eine Zeit erinnern, die kein Mensch in Pittsburgh mehr zurückhaben will. Auch wenn der Preis, sie hinter sich zu lassen, hoch war. Im Bessemer Converter wurde früher flüssiges Roheisen durch Luftzufuhr zu Stahl. Bei Temperaturen von bis zu 1500 Grad. Pittsburgh ist einmal die Metropole der amerikanischen Stahlindustrie gewesen – und auch die des Rußes und des Drecks und härtester körperlicher Arbeit, erledigt von Generationen von Einwanderern: Deutsche, Polen, Slowaken. Sie kamen, ertrugen die Hitze des Bessemer Converter und bauten Pittsburgh auf – und damit die Vereinigten Staaten. Denn aus Stahl – wer „Mad Men“ gesehen hat, erinnert sich – ist das Rückgrat Amerikas gemacht, the backbone of America.

          Bis die Industrie in den siebziger Jahren in die Krise geriet. Ein Werk nach dem anderen musste damals schließen. Fast hundertfünfzigtausend Jobs gingen verloren. Mitte der Achtziger hatte sich Pittsburgh mehr oder weniger halbiert, so viele Menschen waren weggezogen. Nur dreihunderttausend sind geblieben. Wo der flüssige Stahl geleuchtet hatte, gingen jetzt die Lichter aus.

          Dort, wo heute die Bessemerbirne steht, um an den Aufstieg und Fall einer ganzen Industrie zu erinnern, lag damals die Brache der Pittsburgh & Lake Erie Railroad. Entlang der Schienen waren Clubs eingezogen, hier ging man zum Tanzen hin – ein typischer Ort des Nachtlebens, das sich, um laut sein zu können, dorthin zurückzieht, wo keiner sein will, vor allem nicht, wenn es dunkel wird.

          Das Mantra „Tomorrow“

          Heute laufen am Station Square Kinder herum, ist das ganze Areal zum Ausflugsziel aufpoliert, samt Shopping Mall und jenen Restaurants, die man immer dort findet, wo Stadtrundfahrten starten und die nur für Leute da sind, die nicht von hier sind. „Free Crab Tomorrow“, steht an der Balustrade von „Joe’s Crab Shack“, wenn du morgen wiederkommst, soll das heißen, kriegst du die Krabben geschenkt: Und das ist einerseits nur ein lustig-blöder Werbespruch. Andererseits wirkt dieses große Tomorrow wie das Mantra dieser Stadt, wie das Versprechen, auf dem sie aufgebaut ist: dass es immer weiter geht und morgen, tomorrow, die Welt schon wieder etwas besser aussieht als heute. Anders hätte Pittsburgh, das vor dreißig Jahren ausgeknockt am Boden lag, nicht wieder so zurückkommen können: als optimistische, grüne Stadt, in der an der Zukunft geforscht wird.

          Man kann das hier tatsächlich auf der Straße sehen. In Pittsburgh probiert der Uber-Konzern selbstfahrende Taxis aus. Und hin und wieder fahren die sogar an einem vorbei, im Strip District zum Beispiel, da biegt plötzlich so ein graues, großes Gefährt auf die Penn Avenue, und man wundert sich kurz, weil ja doch ein Fahrer am Steuer sitzt, aber der passt vielleicht nur auf seinen Passagier auf.

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