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Venedig stirbt am Tourismus : Die Sache mit der Zwangsheirat

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„Und warum nicht dem Beispiel von San Francisco folgen, wo Wohnungen nicht länger als neunzig Tage im Jahr als Ferienwohnungen vermietet werden dürfen – wodurch eine langfristige Vermietung plötzlich wieder vorteilhaft wurde?“, fragt Paolo Lanapoppi. Wir sitzen bei strömendem Regen in einer Bar unweit des Arsenale und blicken auf die beiden Löwen, die das Arsenale bewachen. Hinter ihnen hängt ein in Stein gefräster Vers aus dem Inferno der „Göttlichen Komödie“: „Gleich wie man in Venedigs Arsenal / Das Pech im Winter sieht aufsiedend wogen / Womit das lecke Schiff, das manches Mal / Bereits bei Sturmgetos das Meer durchzogen / Kalfatert wird – da stopft nun der in Eil’ / Mit Werg die Löcher aus am Seitenbogen.“

Nein, die letzten Venezianer werden sich nicht kampflos ergeben, selbst wenn der Sturm tobt und das Schiff leckt. Als Poveglia wie so viele Inseln der venezianischen Lagune zum Spekulationsobjekt wurde und an den jetzigen Bürgermeister und Investor Luigi Brugnaro für den Preis einer Zweizimmerwohnung in San Marco verkauft werden sollte, warf sich die Widerstandszelle „Poveglia für alle“ in den Weg: eine Bürgerinitiative, die auf der Insel Giudecca entstand und in Poveglia ein Zukunftsprojekt venezianischer Bürger sieht, ein Modell für ökologisch wertvollen Tourismus in der Lagune. Venezianer und Venedig-Liebhaber – insgesamt fast fünftausend Unterstützer – schafften es, in einer Crowdfunding-Aktion eine halbe Million Euro aufzutreiben und den Verkauf an Brugnaro zu verhindern. Zumindest vorerst.

Rebellische Venezianer organisieren Flashmobs

Dennoch kann sich „Poveglia für alle“ keineswegs sicher sein, dass der italienische Staat nicht am Ende doch den Interessen des Bürgermeisters und Investors nachgibt: Brugnaro hat gegen die Entscheidung Beschwerde beim obersten Verwaltungsgericht eingelegt. Bis es sein Urteil fällt, lädt „Poveglia für alle“ die Bürger regelmäßig zum Reinemachen auf die Insel ein.

Die letzten beiden Fischer, die 1976 unter Segeln in der Lagune fischten. Das Wasser ist inzwischen völlig verseucht.
Die letzten beiden Fischer, die 1976 unter Segeln in der Lagune fischten. Das Wasser ist inzwischen völlig verseucht. : Bild: Sammlung Luigi Divari, Venedig

Bei meinem letzten Besuch auf der Insel stolperte ich an keifenden Möwen vorbei durch das Brombeergebüsch – während Alberto, der Fischer, der mich mitgenommen hatte, in seinem Boot sitzen blieb und Muscheln aß, die er von den Fundamenten geklaubt hatte. Die Lagune schillerte wie ein Opal. Poveglia hatte uns zurück in die Kindheit katapultiert: zurück in die Zeit, als ich auf Grashalmen pfiff und von der Südsee träumte – und von Delphinen, die mich auf ihrem Rücken trugen, in einem glasklaren, türkisfarbenen Meer.

Die letzten rebellischen Venezianer betreiben Websites, organisieren Flashmobs und lassen bei der Eröffnung der Opernsaison Papierflieger auf das Publikum der Fenice herabregnen, auf denen „Schluss mit den Hotels, wir wollen Wohnungen“ steht oder „Kein neuer Kanal für die Kreuzfahrtschiffe“ oder „Befreien wir Venedig von Korruption und Vetternwirtschaft“ – wie es die Gruppe „25 aprile“ hingekriegt hat, die sich nicht zufällig nach dem Tag des heiligen Markus und der Befreiung Italiens vom Faschismus genannt hat.

„Residenti resistenti“ – Resistente Anwohner

Also haben die letzten Venezianer Anfang dieses Monats dreihundert Banner an ihre Fenster gehängt, auf denen „Venedig ist kein Hotel“ steht oder „Venedig will respektiert werden“ oder „Residenti resistenti“, wofür ich mich entschieden hatte, weil es so schön klingt – aber mit „bockige Bewohner“ nur unzureichend übersetzt ist.

„Man fühlt sich nicht länger allein“, sagt Matteo Secchi. Und Paolo Lanapoppi sagt: „Man kann auch mit der Fahne in der Hand sterben.“

So schnell kriegt ihr uns nicht tot.

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