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Vegane Flusskreuzfahrt : Wir müssen ja nicht gleich die Welt retten

  • -Aktualisiert am

Gut, Burger gibt es nicht an Bord, aber sonst so ziemlich alles: Mit der Swiss Jewel über den Rhein von Amsterdam nach Basel. Bild: Vegan Travel

Wandern, schlemmen, entspannen: „Vegane Flusskreuzfahrt“ klingt erst einmal schwer vermittelbar, ist dann aber doch sehr angenehm – und der Abbau hartnäckiger Vorurteile inbegriffen.

          Wildwasserrafting der Stufe IV habe ich schon überstanden, knapp einen Sturm auf hoher See in einem winzigen Boot überlebt, einmal kroch in Thailand eine meterlange Würgeschlange aus unserer Toilettenschlüssel, die wir abends auf dem Speiseplan unseres Hostels wiederfanden. Aber keines meiner Urlaubserlebnisse hat jemals soviel Aufmerksamkeit erzeugt wie diese Ankündigung: „Ich habe eine vegane Flusskreuzfahrt gebucht!“

          Die Reaktion der mir nahestehenden Omnivoren war Fassungslosigkeit. „Warum tust du das?“ Weil meine Schwester als Veganerin im Werden mich gefragt hat, ob ich sie begleite. Weil ich fand, dass die Aussicht, sieben Tage lang von Basel nach Amsterdam in einer geräumigen Kabine mit französischem Balkon über den Rhein zu schippern, durch drei Länder und zwanzig Schleusen, ziemlich beschaulich und erholsam klang. Und irgendwie stellte ich es mir spannend vor, mitten in Europa einen für mich noch exotischen Planeten besuchen zu können. Mit Bewohnern, die statt Schnitzel oder Schweinsbraten angeblich immer gleich die Verantwortung für die Klimaerwärmung, die Massentierhaltung, den Umweltschutz und den Hunger in der Welt auf dem Teller haben und bei Tisch nicht etwa über das Wetter, sondern über blutiges Schlachten und das Schreien der Kälber reden wollen.

          Niemand hob missbilligend die Augenbrauen

          Ich dachte außerdem, sollte das alles zu trostlos werden, dann könnte ich auf einem der zahllosen Landausflüge immer noch heimlich einen Burger oder Spaghetti essen und meine Freunde anrufen, um ein paar Veganer-Witze zu reißen. War aber gar nicht nötig. Überhaupt zeichnete sich schon am ersten Abend bei der Einschiffung in Basel im süß verplüschten Bordrestaurant der Swiss Jewel, dem kleinen, aber sehr feinen Schiff der holländisch-schweizerischen Reederei Scylla, ab, dass dies vielleicht ein bloß kurzfristiger Abschied vom Fleisch, aber bestimmt ein längerer von ein paar Veganer-Klischees werden würde.

          Da saßen wir nämlich vor dem ersten von sieben sternereifen veganen Fünf-Gang-Dinners. Am Tisch mit Sylvia und Barbi aus dem Bergischen und 120 weiteren gutgelaunten Reisenden aus Portugal, Hawaii, Washington, England, Kanada, Österreich, Australien, Brasilien, Schottland, Japan. Niemand stellte inquisitorische Fragen nach meinem Beziehungsstatus zu Fleisch, Milch und Eiern. Keiner hob auch nur missbilligend die Augenbrauen angesichts meiner Lederstiefeletten.

          Hübsch verplüscht: Die Swiss Jewel ist ein kleines, aber feines Schiff.

          Veganer sind an den Plastiklatschen zu erkennen

          Die Einzige, die an diesem wie an allen Reisetagen offensive Überzeugungsarbeit leistete, war die aus der Steiermark stammende Köchin Daniela Münzer. Mit veganen Erweckungsgottesdiensten in Form von opulenten Frühstücksbuffets, je einem Vier- und Fünfgang-Menü pro Tag, mit Essenz vom Wurzelgemüse, Artischockensalat, mit Quinoarisotto, gebackenem Blumenkohl, Spinatklößen, Sauerrahmsüppchen und vor allem mit dem Neigungsfach der Vegetarierin: Desserts und Konditoreiwaren. Kurz, mit einer Küche, die nicht weiter entfernt sein könnte von dem ewigen Vorwurf, der Veganismus würde an Genuss-Anorexie kranken.

          Das eigentliche Problem an Bord, das zeigte sich bereits an diesem ersten Abend, würde keinesfalls ein Zuwenig, sondern höchstens ein Zuviel werden. Jeden Tag lag nämlich auch ein neues und üppiges Veranstaltungsprogramm in der geräumigen Kabine: Yoga, vegane Weinproben, ein Swing-Tanzkurs, Führungen durch Strasbourg, Mannheim, Cochem, Köln, Alken, Köln, Zutphen, Deventer, Urk, Hoorn, Karaoke, Quiz-Abende und die „vegane Back- und Kochshow“ der Food-Bloggerin und Kochbuch-Autorin Stina Spiegelberg. Nicht zu vergessen die Clubnächte einer ziemlich munteren und strapazierfähigen Partymeute, die oft bis in den Morgen dauern.

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