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Zum Angeln an der Schlei : Fische sind geduldiger als Menschen

Die Gegend stimmt, das Wetter und die Laune auch: Doch vom Boot aus will es in der Schlei nicht beißen. Bild: Fridtjof Küchemann

Warum beißen sie denn nicht? Und warum stellt sich der Kleine viel geschickter an als der Große? Wer mit seinem Kind zum Angeln fährt, steht unversehens vor großen Fragen. Ein Selbstversuch in Kappeln an der Schlei.

          7 Min.

          Der Mond und die Lichter der Altstadt bescheinen im Hafen von Kappeln an der Schlei die Ausflugsdampfer, die Kutter und den altehrwürdigen, hölzernen Heringszaun draußen im schleswig-holsteinischen Ostseefjord. Und uns.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Während ich in größtmöglicher Ruhe beginne, die Angel langsam einzuholen, dreht sich die Frage in meinem Kopf, die dort herumspukt, seit wir vor zwei Tagen in Kappeln angekommen sind: Was mache ich hier eigentlich? Die Schnur spannt sich, die Rute krümmt sich, der Haken hängt fest. Ich beginne mit sanftem Ruckeln und steigere mich schnell zu gereiztem Reißen. „Soll ich mal?“, fragt der Junge. Ich schnaube nur. „Man weiß ja, wie das ausgeht“, sagt ein Radfahrer hinter mir, der die Szene schon eine ganze Weile verfolgt, und wendet sich ab. Ich greife direkt nach der Schnur und ziehe immer stärker, bis es auf einmal wieder ganz leicht geht und sich schließlich das abgerissene Ende traurig in der Abendbrise dreht.

          Was ist eigentlich so toll am Angeln?

          Also noch einmal von vorne. Was dem Golfer der Abschlag, ist dem Angler der Auswurf. Ganze Bücher sind geschrieben worden über Beinstellung und Körperhaltung, den richtigen Winkel, Schwung und Augenblick. Ich schließe kurz die Augen, atme tief ein, hole mit der Angelrute aus. Und pfeffere fünfzig Gramm Blei und ein paar Heringshaken mit lautem Platschen keine fünf Meter vor mir ins Wasser. „Passiert mir auch“, sagt mein Junge neben mir leise, den Blick starr aufs Wasser gerichtet. „Manchmal.“ Es soll Trost in seinen Worten liegen, ich weiß das. Aber es liegt auch einige Distanz darin.

          Kindheitstraum Angeln: Der erste Morgen am Strand hinter dem Wald
          Kindheitstraum Angeln: Der erste Morgen am Strand hinter dem Wald : Bild: Fridtjof Küchemann

          Was ich hier eigentlich mache? Ich erfülle meinem zehn Jahre alten Sohn einen Traum, der seit ein paar Jahren immer wieder in ihm wach wird. Ich hatte ihm so viel vom Angeln in meiner Kindheit erzählt. Jetzt will er es auch einmal versuchen. Außerdem suche ich nach der Antwort auf eine Frage, die mir als Kind absurd vorgekommen wäre: Was ist überhaupt so toll am Angeln? Als Erwachsener fällt mir keine gute Antwort mehr darauf ein. Dass man stundenlang draußen ist? Die Ruhe, die Natur? Dass man dabei mit Gerät hantiert, mit dem man sich einigermaßen auskennt, aber noch viel besser auskennen könnte? Der kurze Moment der Aufregung, wenn man einen Fisch am Haken hat und ihn herausbekommen muss? Der Fang an sich, das Gefühl der Ursprünglichkeit, wenn man in der Natur etwas erbeutet, das man essen kann? Ich weiß es nicht und frage den Jungen. Er schaut mich verständnislos an.

          Früh um fünf am Waldrand

          Kappeln hat eine Klappbrücke, ein Kino, eine Kirche, eine Windmühle und einen Museumshafen mit den schönsten Zweimastern, ein Wappen, auf dem Christophorus das Jesuskind, von Heringen umgeben, durch die Wellen trägt, eine entzückende Altstadt voller Fischlokale, Ferienwohnungen und eine Jugendherberge direkt auf der anderen Schleiseite. Dort lädt man zum Angelwochenende, kümmert sich um die Angelerlaubnis, bietet Proviant für den Tag, abends eine warme Mahlzeit und eine riesige Tiefkühltruhe im Keller für den Fang. Deren Leere hat etwas Erwartungsvolles. Jetzt sind wir die einzigen Angelgäste. Manche, erzählte der Herbergsvater zur Begrüßung, brächen schon morgens um fünf zum Angeln auf, an den Waldrand nördlich von Ellenberg. Man könne sich natürlich auch ein Boot leihen, gleich nebenan. Der Nachbar sei allerdings, er wolle das nur gesagt haben, vielleicht ein bisschen komisch.

          Im Museumshafen geraten nicht nur Kinder ins Schwärmen.
          Im Museumshafen geraten nicht nur Kinder ins Schwärmen. : Bild: Fridtjof Küchemann

          Noch am Ankunftstag hatten wir auf dem Grundstück der Jugendherberge eine Lücke im Schilf gefunden und kurz vor dem Abendessen die Angeln ein erstes Mal montiert, in die Zweige einer mächtigen Weide verwickelt und dann doch ein, zwei Auswürfe geschafft.

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