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Valendas in der Schweiz : Wir haben vergessen, wie schön es hier ist

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Es musste erst ein junger Architekt kommen, um den Bewohnern von Valendas klarzumachen, welchen Schatz sie hüten. Bild: Picture-Alliance

Mit der Abwanderung der Jungen drohte Valendas in Graubünden das Schicksal vieler Bergdörfer. Dann taten sich Einheimische und Auswärtige zusammen, um den architektonischen Schatz des Ortes zu retten. Seitdem geht es aufwärts.

          In der schlichten Stube des Gasthofs am Brunnen gibt es zwei runde Tische. An einem sitzen jeden Abend die Einheimischen: Männer aus dem Dorf, Bauern und Rentner, alle stecken in robusten Schuhen, die Jungen tragen Pullover und Ohrring, die Alten haben ihre Filzhüte neben sich auf die Bank gelegt. Während es draußen schneit und schneit, wobei bereits jetzt so viel Schnee liegt wie schon lange nicht mehr und auch die Männer den halben Tag mit Schaufeln verbrachten, unterhält man sich in gedämpftem Ton über jüngste Ereignisse: Man wird auf das Dach der alten Scheune klettern müssen, damit es unter der wachsenden weißen Last nicht zusammenbricht. Mittlerweile hat sich am anderen Tisch eine Gruppe aus dem Zürcher Unterland niedergelassen. Als sie mit den Gläsern anstoßen, blitzen am Hals und an den Händen der Damen Juwelen. Ihre Geländewagen haben die Unterländer in der Zufahrt vor einer Scheune geparkt, die vermutlich einer der Männer vom Stammtisch am Nachmittag frei geschaufelt hat. Strafzettel wegen Falschparken werden in dem abgelegenen Ort höchst selten verteilt.

          Im Dreihundert-Einwohner-Dorf Valendas, das Wort wird auf der letzten Silbe betont, gibt es kein Hotel. Lange war auch das alte Wirtshaus geschlossen. Dass sich dort heute die Dorfleute und die Fremden begegnen, ist ein kleines Wunder. Daran mitgewirkt hat Beni Bühler, einer der Weißbärte vom Stammtisch. Ich habe den langjährigen Gemeindepräsidenten gleich nach meiner Ankunft im renovierten, in ein Besucherzentrum umgewandelten ehemaligen Schulhaus gegenüber getroffen. Dort legte Bühler, während er tief durchatmete, seine Beine auf eine Nachbildung des Brunnens draußen, von dem der Gasthof seinen Namen hat, und erzählte, wie alles gekommen ist.

          Ein Ruck ging durchs Dorf

          Während der Jahre, in denen er als Grenzbeamter tätig war, haben immer mehr Bewohner ihr Heimatdorf verlassen. „Als ich weit weg die Leute schikanierte“, sagt Bühler, keineswegs schuldbewusst, sondern mit einem amüsierten Lächeln, „verfielen die alten Bauernhäuser, und der Platz mit dem Brunnen verwaiste.“ Dabei habe er den Dorfmittelpunkt gebildet, an dem die Bauern gemeinsame Arbeiten besprachen und die Alten auf ihren Bänken dem Treiben zusahen. „Wehe, ein Ahnungsloser besetzte einen Stammplatz!“

          Dutjen liegt auf tausendfünfhundert Metern – wer es hier aushält, muss einem bestimmten Schlag Mensch angehören.

          Als dann die Arbeit eines jungen Architekten über Valendas in Fachkreisen Anerkennung fand und immer häufiger Architekturinteressierte vorbeischauten, sei ein Ruck durch das Dorf gegangen. Die Bewohner gründeten einen Verein, und zusammen mit auswärtigen Unterstützern gelang es ihnen, viel Geld aufzutreiben und damit einige Gebäude zu renovieren. „Der Optimismus kehrte allmählich zurück“, sagte Bühler. Mittlerweile fänden immer mehr Gäste von Laax und Flims, die auf der anderen Seite der Rheinschlucht in teuren Hotels logierten, nach Valendas. „Sie erzählen uns, was wir beinahe vergessen hatten: nämlich wie schön es hier ist.“

          Gemeinsam drehten wir eine Dorfrunde. Während die körnigen Flocken wie Schrotkugeln auf seinen grauen Filzhut einprasselten und auf der Windjackenkapuze, die ich mir über Kopf gezogenen hatte, Häufchen bildeten, stapften wir durch enge, hüfthohe Schneisen, die die Dorfbewohner zu ihren Wohnhäusern gegraben hatten. Bühler grüßte leutselig nach links und rechts. Wenn wir an einem Stall vorbeikamen, konnte man durch die geöffnete Tür das Mampfen und Schnauben der Kühe hören. Ansonsten war alles in eine tiefe Stille gehüllt. Vor Hauseingängen mit geschnitzten Wärterfiguren lehnten Schlitten und Skier an den Mauern. In tönerne Schilder neben den Klingeln waren die Namen von Vater, Mutter und meist mehreren Kindern geritzt – die in Valendas, kein Zweifel, eine Bullerbü-Kindheit erleben. Als wir durch einen tunnelartigen Durchgang zwischen zwei Gehöften mit ineinander verschachtelten Dächern zur „Pfisteri“ schlüpften, rief Bühler einer Frau, die in Stiefeln und Wollfäustlingen beim Schneeschippen war, im mir unverständlichen Dialekt der Gegend einen Scherz zu, den die Frau mit einem grimmigen Lachen beantwortete. „Pfisterei“ wird die Dorfbäckerei genannt, ein fünfhundert Jahre altes, unten steingemauertes, oben aus wettergebeizten Balken gezimmertes Hexenhäuschen, in dem heute wieder regelmäßig Holzofenbrot gebacken wird.

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