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Valendas in der Schweiz : Wir haben vergessen, wie schön es hier ist

  • -Aktualisiert am

Die Rinder reichen als Sozialkontakt

Das erste Geräusch, das mich am nächsten Morgen weckt, ist ein stählernes Schaben und Kratzen auf dem Asphalt. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt, dass der Schneepflug seine Arbeit verrichtet. Es schneit noch immer, volles Rohr. Später kutschiert mich Jolanda Rechsteiner, die manchmal Fremde herumführt, mit ihrem Vierradwagen zum Weiler Dutjen hinauf. „Das ist hier wie in einer Bobbahn“, sagt die blonde Frau angesichts der hohen Schneewände seitlich der Fahrbahn – die man schwer erkennt, weil alles in ein diffuses Weiß gehüllt ist. Und dort unten winde sich der Vorderrhein durch sein tief in die Felsen gegrabenes Bett, sehen kann man das in der Nebelsuppe aber auch nicht. Farbtupfer bilden senkrechte Felswände. An manchen hängen meterlange Eiszapfen wie Orgelpfeifen. Andere glänzen vor Feuchtigkeit schwefelgelb und rostbraun, sie bilden Wellenmuster wie die Seiten eines nass gewordenen Buches.

Blick von der Dutjer Alm nach Brün und etwas weiter nach Chur.

In Dutjen bewirten uns Myrtha und Georg Joos in ihrem neu errichteten Wintergarten, während gegenüber ein paar zottelige Rinder stoisch ihre dampfenden Nüstern in die Luft halten. Der Tisch biegt sich unter den hausgemachten Delikatessen. Sie arbeitet in Teilzeit als Krankenschwester, er ist Biolandwirt. Myrtha sagt, dass sie zwar selbst in „einem Kaff“ aufgewachsen sei. Aber hier in der Einöde auf tausendfünfhundert Metern fehle ihr doch manchmal die Geselligkeit. „Da ich selten weg kann, lade ich die Leute zu mir ein.“ Georg, der die meiste Zeit geschwiegen hat, erklärt hingegen, dass er vom gleichen Schlag sei wie der Nachbarbauer. „Wenn wir morgens und abends die Rinder füttern, reicht uns das als Sozialkontakt.“ Später wandern wir von Brün, wo sich ein paar hölzerne Bauernhäuser an den Berg kauern, hinauf zum Maiensäss Imschlacht. Es geht vorbei an Obstbäumen, die ihre schneeverklebten, leichenblassen Äste wie Gespenster ausstrecken. Bald sieht man nurmehr die dunklen Rückseiten der Häuser, der Wind wirbelt Schneefahnen über die Dächer. Auch unsere Gesichter werden vom Wetter bearbeitet.

Eine Stunde später sitzen wir in Decken gewickelt an langen Biertischen in der Hütte von Georg Buchli und trinken Bergkräutertee. Sein Großvater habe die Blockhütte vor hundert Jahren eigenhändig mit der Axt erbaut, erzählt Buchli. Er ist einer von vier Bauern von Brün, alles Nachfahren von Walsern, einem zähen Menschenschlag, der im Mittelalter die entlegensten Alpentäler besiedelte. Den Höhepunkt des Tages bildet die Abfahrt auf dem für fünf Euro von Buchli gemieteten Schlitten zurück nach Brün. Lautlos gleitet das hölzerne Gefährt über den weichen Boden. Das Körpergewicht verlagernd, sause ich im Schlangenkurs dahin. Bei Bremsmanövern klatschen Schneefontänen nieder, als hätte der Himmel zusätzlich ein paar Schleusen geöffnet. Und wie dann vor mir aus dem farblosen Nichts einige Krähen emporsegeln, glaube ich selbst kurz, ich könnte fliegen. Zurück in Valendas erfahre ich, dass Straßen und Zugstrecken außerhalb des Tales wegen Lawinengefahr gesperrt seien. Es gab schon schlimmere Nachrichten.

Graubündner Dörfer

Das Doppelzimmer im Gasthaus am Brunnen kostet um 200 Franken, je nach Größe und Saison. Informationen und Buchung unter www.gasthausambrunnen.ch. Das Türalihus ist hier zu mieten. Allgemeine touristische Informationen unter www.safiental.ch.

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