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Valendas in der Schweiz : Wir haben vergessen, wie schön es hier ist

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Einst wurden hier die Saumtiere gewechselt

Am Portal des Türalihuses, des Türmchenhauses, zückte Bühler einen Bartschlüssel. Dann kletterten wir über abgewetzte Steintreppen in die oberen Stockwerke des Patrizierhauses. Herrschaftliche Ansitze gibt es in Valendas einige. Das Dorf auf einer Sonnenterrasse über der Vorderrheinschlucht lag früher an einem wichtigen Handelsweg nach Italien. In Valendas wurden die Saumtiere gewechselt, Gebäude wie der hintere Trakt des Türalihuses dienten als Depots oder Unterkünfte für die Fuhrleute. Lange Zeit stand das Türalihus leer. Zuletzt, erzählte Bühler, habe darin der Ziegenhirte des Dorfes gewohnt. Seit der behutsamen Renovierung kann man hier zwei herrliche Ferienwohnungen mieten. Nachdem Bühler vorsichtig anklopfte – „vielleicht ist gerade jemand hier?“ –, inspizierten wir die Räume: Inmitten einer ehemaligen holzvertäfelten Schreibstube glänzt nun eine Badewanne. Im nach Süden ausgerichteten Prachtsalon speisen die Gäste unter barocken Deckengemälden. In der modern und funktional eingerichteten Küche hingegen kann man sich wie im Mittelalter fühlen: Ein speckiger, aus einem Wandschlitz schräg herausragender Stein diente als Spülbecken, als das Wasser noch mit Eimern vom Brunnen geholt werden musste. Daneben, in einem rußgeschwärzten Eck, könnte man theoretisch noch über einem offenen Feuer kochen.

Auch ohne Schnee schön: Valendas im Frühling

Zurück im Gasthaus am Brunnen, wo ich mein Quartier aufgeschlagen habe, sind mittlerweile weitere Säle in einem Anbau mit Besuchern gefüllt. Das hat mit den Wirtsleuten Elvira Solèr und Matthias Althof zu tun. Die Frau aus Valendas und der Koch aus der Gegend von Düsseldorf lernten sich im Tessin kennen, wo sie gemeinsam ein Restaurant übernahmen. Seit der Neueröffnung vor knapp drei Jahren lockt das Paar Gäste nach Valendas. Leicht vornübergebeugt, als ginge er über schwankenden Grund, trägt Matthias, ein Seemannslied brummend, seine Kreationen auf, etwa Kürbisrisotto mit Hirschschnitzelchen und Schoko-Chili-Schaum, oder confierten Zander mit Kardamomwirsing und Venere-Reis. Schmeckt alles fabelhaft.

Von Kirchenfürsten hält man hier nicht viel

Im Schlafbereich wird deutlich, wie sehr beim Umbau auf die Erhaltung der historischen Substanz geachtet wurde. Damit beauftragt war der renommierte Bündner Architekt Gion Caminada. „Bevor mit den Arbeiten begonnen wurde, stiefelten wir mit Caminada vier Tage durch das Dorf. Er machte uns darauf aufmerksam, wie harmonisch hier alles zusammengehört“, hatte Beni Bühler beim Rundgang gesagt.

Mein Zimmer befindet sich im zweiten Obergeschoss. Auf dem Weg dorthin, über graue, knarrende Dielenbretter, von tausenden Füßen poliert, dann über eine Art Hühnerleiter, passiere ich eine geschwärzte ehemalige Küche mit grob verlegten Steinplatten als Fußboden, in der man den Rauch immer noch riechen kann. Um in mein Zimmer zu gelangen, muss ich, obwohl keineswegs groß gewachsen, den Kopf einziehen. Karg, ohne Fernseher, ist das Zimmerchen eingerichtet. Grandios hingegen ist die Szenerie vor dem Fenster. Der Blick fällt auf das alte Schulhaus. Auf der grüngrauen Brunnenoberfläche schwimmen kleine Eisschollen. In den Neuschnee auf der Hauptstraße, die den Platz und den Brunnen zwischen den Häusern umschlängelt, sind die Reifenspuren eines Wagens gezeichnet. Die Nixe auf dem Brunnen, ein Schnitzkunstwerk aus dem achtzehnten Jahrhundert, trägt auf ihrem Kopf eine schief sitzende Schneemütze. Sie erinnert an eine Bischofsmütze – obwohl man von Kirchenfürsten im seit 1522 reformierten Valendas laut Beni Bühler „nicht gar so viel hält“. Er gab aber zu, dass das vielleicht mit der Aufteilung der ehemals kircheneigenen Wiesen rundherum unter den Dorfbauern zu tun haben könnte.

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