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Tolle Tage in Valencia : Glühende Teufel und barbusige Kleopatras

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Mal zensiert, mal mit Steuern belegt

Angeblich verdankt die Stadt ihr größtes Fest der Ordnungsliebe ihrer Zimmerleute. Die gingen schon im fünfzehnten Jahrhundert am Ende jedes Winters daran, die hölzernen Ständer, auf denen ihre Öllampen die Werkstätten erleuchtet hatten, hinauszustellen und zu verbrennen. Später hing man ein paar zerschlissene Hosen und durchgescheuerte Jacken dazu, irgendjemand verfasste ein paar lustige Verslein – und der alljährliche Frühjahrputz entwickelte sich nach und nach zum immateriellen Kulturgut der Menschheit, als das das Fest heute anerkannt ist. Wie der Karneval waren auch die Fallas immer eine Möglichkeit, den Oberen ein wenig die Meinung zu geigen – und den verpönten Sex ins Bild zu setzen. Und wie der Karneval wurden sie von oben kritisch beäugt, mal zensiert, mal mit Steuern belegt, aber nie verboten. Ganz entfielen sie nur während der Bürgerkriegsjahre. So konnte sich über die Jahrhunderte ein bestimmter Ablauf herausbilden, eine Reihe von Ritualen, die fast alle verbunden sind mit einer tiefen, kindlichen Freude an allem, was blitzt und donnert, funkelt und kracht.

Schöne Römerin, wilde Hunnen: „Wenn jemand durchzieht, ist alles kaputt“, lautet das Thema der Falla Sueca Literato Azorín.
Schöne Römerin, wilde Hunnen: „Wenn jemand durchzieht, ist alles kaputt“, lautet das Thema der Falla Sueca Literato Azorín. : Bild: Franz Lerchenmüller

Am Abend des 17. März wartet im Stadtviertel Ruzafa eine dicht gedrängte Menge gespannt auf den Glockenschlag um 19 Uhr. Musik dröhnt aus Lautsprechern, am liebsten der Pasodoble „Valencia“, dann wird heruntergezählt. Und pünktlich mit der Null geht das Licht an, ach was, gehen Millionen von Lichtern an und formen sich zu einer zehnminütigen Choreographie glitzernder Herzen, Wellen und Kugeln. Glücksräder flammen auf, Diademe strahlen, Leuchtfinger tasten sich Fassaden entlang – und am Ende prasselt der Beifall. Die Restaurants der Innenstadt sind anschließend bis auf den letzten Platz besetzt und die Buden mit Churros, Buñuelos und anderem Fettgebäck dicht umlagert. Auch die Frauen, die Horchata ausschenken, die typische spanische Erdmandelmilch, haben gut zu tun. Schließlich hat die Nacht gerade erst begonnen.

Nur eine Figur darf ins Museum

Der Motor der Fallas sind die Comisiónes, die Vereine aus den Stadtteilen mit zum Teil langer Tradition. Fast vierhundert gibt es. Ihre Mitglieder treffen sich jede Woche, sammeln Geld, legen das Thema der nächsten Saison fest, engagieren einen der Künstler, schleifen und pinseln, wenn die Rohform der Figuren steht, und kümmern sich am Ende um das Aufstellen des Ensembles. Da die Fallas bewertet werden und nur eine der Figuren die tollen Tage übersteht und ins Fallas-Museum wandert, herrscht unter den Clubs ein reger Wettbewerb. Aber viel wichtiger ist das soziale Miteinander, die Freude an Nachbarschaft und Zusammenhalt, die allen Spaniern gemeinsam ist.

Es darf auch gerne etwas abstrakter sein: Falla des spanischen Künstlers Okuda
Es darf auch gerne etwas abstrakter sein: Falla des spanischen Künstlers Okuda : Bild: EPA

Das wird vor allem bei den kleineren, überschaubareren Festen während der Fallas deutlich. Auf der Plaza Honduras zum Beispiel prasseln ein Dutzend offener Feuer in der Dunkelheit. Die Falla Plaza Honduras veranstaltet einen Paella-Wettbewerb. Männer und Frauen braten in den großen, flachen Pfannen Kaninchen- und Hühnerstücke an, schütten Safran und Reis dazu, geben Wasser oder Brühe daran und verfolgen mit Argusaugen, wie das Nationalgericht von Valencia vor sich hin köchelt. Kinder zünden derweil in der Dunkelheit Kracher und Heuler, und niemand meint, sie zurechtweisen zu müssen. Der Umgang mit Feuerwerk ist in Valencia schließlich menschliches Grundwissen, eine Kulturtechnik wie Lesen und Schreiben, und sie soll genauso selbstverständlich erlernt werden. Deswegen erteilt die Provinz, abweichend von EU-Richtlinien, eine Sondergenehmigung, die Kindern ab acht Jahren das Hantieren mit Krachern erlaubt.

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