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Usbekistan : Ein Land mit vielen Helden

Die Dämmerung bricht an in Samarkand, und der Registan versinkt in Pastelltönen. Bild: Markus Kirchgessner

Moscheen, Medresen, Mausoleen: Das märchenschöne Usbekistan öffnet sich dem Tourismus, springt mit seiner Geschichte aber nicht gerade sanft um.

          12 Min.

          Beginnen wir mit Gur Emir. Gur Emir ist eine Begräbnisstätte. Sie liegt in Samarkand, jener Stadt im Südosten Usbekistans, die für viele die schönste Stadt des Erdballs ist. Man könne durch die ganze Welt reisen, das Lächeln der Sphinx bewundern, ehrfurchtsvoll vor dem Parthenon knien und entzückt sein von Notre-Dame in Paris, sagen ihre Verehrer: Aber wenn du einmal Samarkand gesehen hast, wirst du immer von seiner Magie verzaubert sein.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An diesem Sommertag, als wir Samarkand besuchen, ist es mit knapp vierzig Grad zu heiß dafür, verzaubert zu werden. Zudem ist das moderne Samarkand mit seinen übergroßen Boulevards, seiner spätzaristischen, spätstalinistischen und spätmodernen Architektur insgesamt zu unübersichtlich für orientalische Magie. Aber drinnen in Gur Emir, dem Mausoleum, werden wir dann doch überwältigt: von der Intensität der Farben Blau und Gold in dem von einer phänomenalen Kuppel überwölbten quadratischen Innenraum. „Allah allein ist ewig“ steht auf den Majolika-Fliesen, die über dem Eingang der Grabstätte prangen.

          Fast so ewig wie Allah ist auch Amir Timur, der von 1336 bis 1405 gelebt hat und hier in Gur Emir unter einer schweren Platte aus Nephrit liegt. Dem Grabstein, so erzählt unser Führer, ist ein Fluch eingraviert: „Jeder, der meine Ruhe in diesem oder einem anderen Leben stört, wird dem Leiden unterzogen und stirbt.“

          Hierzulande ist dieser Amir Timur – falls überhaupt – besser bekannt unter dem Namen Tamerlan. Historiker stellen ihn in eine Reihe mit Alexander dem Großen – dem Begründer eines bis nach Indien reichenden Weltreiches – oder mit Dschingis Khan, dem grausamen Mongolenherrscher, der ein Jahrhundert vor Timur halb Zentralasien zerstörte und unterjochte. Timur steht Dschingis Khan weder in Größenwahn noch Zerstörungswut nach, in puncto Grausamkeit übertrifft er ihn sogar.

          Von Konstantinopel bis Delhi

          Timur hat uns auf unserer Reise durch Usbekistan nicht losgelassen. Anfangs in Taschkent haben wir nur wenig Notiz von ihm genommen. Doch dann wurde der kleine Mann plötzlich allgegenwärtig. Zorn oder Scham angesichts seines körperlichen Makels – ein gelähmtes rechtes Bein und eine Verwachsung an der rechten Schulter – müssen ihn sehr in Rage versetzt haben. Er wollte Rache nehmen an allen, denen Allah körperliche Unversehrtheit geschenkt hatte. In seinen erfolgreichsten Zeiten beherrschte Timur ein Reich von Konstantinopel weit im Westen bis Delhi im Osten. Seine „goldenen Horden“ wüteten mit größter Lust. Bei der Eroberung von Isfahan in Persien zeugten 28 Schädeltürme von 70.000 Bürgern, die im Namen Timurs niedergemetzelt worden waren.

          Amir Timur hoch zu Ross in Taschkent

          Wieso begegnet einem dieser Mann, der nach allem, was man von seinem Leben weiß, alles andere als ein Vorbild ist, sondern ein abschreckendes Scheusal, bei einer Reise durch Usbekistan auf verehrungswürdigen Sockeln? In nahezu jeder Stadt gibt es einen Amir-Timur-Park, im Land eine ganze Reihe von Amir-Timur-Museen, und die Denkmäler stechen hervor: Mitten in Samarkand thront Timur majestätisch und überlebensgroß, in seinem Heimatort Shahrisabz steht er auf einem überdimensionierten Sockel, und in Taschkent gibt es ein Reiterstandbild von ihm am zentralen Platz der Hauptstadt. Doch Timur stand nicht immer hier: Bis Anfang der neunziger Jahre standen auf dem Sockel Statuen von Marx und Engels und noch früher der zaristische Gouverneur Konstantin von Kaufmann, gefolgt von einer Skulptur „Befreiung der Arbeit“, die 1940 durch Josef Stalin ersetzt wurde.

          „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, sagt Galileo in Bert Brechts gleichnamigem Stück. Usbekistan scheint zu seinem Glück Helden dringend nötig zu haben. Timur passt nicht schlecht in die zwielichtige Gesellschaft seiner Vorgänger. Als das Land ungefragt und gegen seinen Willen nach der Auflösung der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre sich plötzlich in der Unabhängigkeit fand, brauchte es dringend eine nationale Identität. Mit Marx und Engels war kein Staat mehr zu machen. Schon geographisch ist Usbekistan eigentlich ein Unding, ein Staat, den es historisch nie gegeben hat und dessen Grenzen von Stalin angeblich in einer Nacht künstlich mit dem Lineal gezogen wurden.

          Eine Moschee für die Lieblingsfrau

          Helden stiften nationale Identität, das hat Brecht übersehen. Helden brauchen lokale Wurzeln. Und da kam Islam Karimow, dem ersten Präsidenten des neuen und unabhängigen Staates, Timur gerade recht. Eine „phänomenale Neubewertung des legendären Herrschers von Samarkand“ hat Bodo Thöns in den vergangenen zwanzig Jahren in Usbekistan beobachtet. Thöns, ein deutscher Finanzexperte, lebt seit langem in Zentralasien und hat gerade einen lesenswerten Usbekistan-Führer veröffentlicht. Tadschikistan hat sich aus denselben Gründen lokaler Identitätsbildung Ismail Samani, den Begründer des Samaniden-Geschlechts, zum Nationalheiligen gewählt. Und in der Mongolei haben sie ihren Dschingis Khan wiederentdeckt. Allemal ist es dasselbe Erzählmuster: Einer von uns hat uns einmal zu einer großen und mächtigen Nation gemacht. Timur spiegelt nicht nur den Stolz darüber, vor siebenhundert Jahren im Mittelpunkt eines Weltreiches gestanden zu haben, er liefert auch eine Art symbolischen Ausgleich dafür, lange Jahrhunderte kolonialisiert worden und nun zwar frei, aber auch in einer geopolitischen Randlage gestrandet zu sein.

          Siyob Bozori ist Samarkands größter Basar, auf dem es alles für das tägliche Leben gibt.

          Zugleich ist er verantwortlich für den kulturellen Weltruhm, die Moscheen, Medresen (Koranschulen) und Mausoleen, derentwegen die Leute immer schon nach Buchara, Samarkand oder Chiwa gereist sind und – geht es nach dem Willen der Tourismusplaner – bald noch viel zahlreicher kommen werden. Timurs berühmtester Satz nämlich, gerichtet an die ganze Welt und insbesondere seine Gegner, lautet: „Wenn ihr an unserer Macht zweifelt, schaut auf unsere Bauwerke.“

          Um sich von Timurs Bauwerken einen Eindruck zu verschaffen, sollte man sich die Bibixonim-Moschee in Samarkand anschauen. Der Herrscher ließ sie auf der Höhe seiner Weltherrschaft erbauen, gedacht als größte Freitagsmoschee der islamischen Welt, die den Gläubigen einen Vorgeschmack auf das Paradies vermitteln sollte. Bibi, der das Gotteshaus geweiht ist, war unter den achtzehn Gemahlinnen (zuzüglich 23 Konkubinen) Timurs Lieblingsfrau. Wie es sich für einen anständigen Despoten gehört, hatte er aus seinem ganzen Reich die besten Baumeister, Handwerker und Künstler – außerdem hundert Elefanten als Lastenträger – zusammengeholt, die das gigantische Bauwerk in relativ kurzer Zeit erstellen mussten. Später dann stand das Prachtwerk ziemlich ruinös herum. Erst die späte Sowjetunion, die viel für die Erhaltung des orientalischen Erbes tat, ließ die Moschee aufwendig restaurieren. Unser Reiseführer, der in Samarkand seine Kindheit verbracht hat, erzählt, er kenne die Bibixonim-Moschee eigentlich nur als Baustelle. Erst 2003 wurden die Arbeiten abgeschlossen. Wenn man jetzt an einem Sonntagmorgen hierherkommt, sieht man durch das monumentale Eingangsportal viele Einheimische schlendern, die sich sonntäglich herausgeputzt haben und sichtlich stolz sind auf ihre Stadt und ihr Land. Heldenkult als Instrument nationaler Identitätsbildung: Timur eint das Volk und zieht Touristen an.

          Keine Überraschung ist es da, dass sich auch der erste Präsident Islam Karimow – gestorben 2016, ein ziemlich autokratischer Herrscher, der vor grausamer Folter nicht zurückschreckte – inmitten der Nekropole Shohizinda an der Rückseite einer Moschee sein eigenes Mausoleum erbauen ließ. Der tote Held braucht heilige Orte, an denen man seiner gedenken kann. Sepulkralkultur geht zusammen mit Sepulkralarchitektur: Daran herrscht in Usbekistan kein Mangel. Dieselben stolzen Frauen und Männer Samarkands, die die Bibixonim-Moschee besuchen, pilgern anschließend noch zum Grab ihres Präsidenten, der sich damit selbst in die Reihe der Timuriden stellt. Karimow hat den Timur-Kult erfunden, um sich selbst zu seinem vorerst letzten Erben krönen zu können. Dass sein Despotismus am Ende dazu geführt hat, dass sein Land im Demokratie-Index des britischen „Economist“ unter 167 Staaten auf Platz 161 landete, mag das Ausland empören. Der Verehrung des Mannes in der Bevölkerung Usbekistans tut das keinen Abbruch.

          Ein Despot und ein Missionar

          Spricht man die Leute auf Karimows Grausamkeiten an, die auch der Grund dafür sind, dass das Land lange vom Ausland gemieden wurde, kontern sie mit der Geschichte des Ferghanatals. Der mit zehn Millionen Menschen ganz im Osten des Landes am dichtesten besiedelte Teil Usbekistans war in den neunziger Jahren kurz davor, zur Beute der Islamisten zu werden. Ferghana bedeutet „die Großartige, die wunderbar Abwechslungsreiche“. Die fruchtbare Ebene des Tales galt immer schon als kulturelles Zentrum Asiens. Aus dem Ferghanatal stammen besonders viele Dschihadisten, die sich in Syrien, im Irak und in Libyen radikalen Kämpfern angeschlossen haben. Dort hatte sich in den neunziger Jahren die Islamische Union Usbekistans mit den Taliban Afghanistans und den Vorläufern des Islamischen Staats zusammengeschlossen; eine brandgefährliche Opposition des Terrors formierte sich. Karimow, der nur knapp zwei Attentate überlebte, ging daraufhin mit großer Härte gegen die Dschihadisten vor.

          Samarkand: In der Koranschule Ulubeg beten Männer vor der Gebetsnische.

          Und hatte fortan einen guten Vorwand zur Legitimation seiner brutalen Despotie gegen alle, die ihm gefährlich zu werden drohten: Wollt ihr, dass wir hier afghanische oder syrische Zustände bekommen? Ähnlich fällt auch die Antwort der Touristenführer aus: Hätte Karimow nicht den Islamismus im Ferghanatal besiegt, könntet ihr heute nicht auf den Spuren der alten Seidenstraße unbehelligt und sicher vor Anschlägen reisen.

          Neunzig Prozent der Bewohner Usbekistans sind sunnitische Muslime. Aber die Religion ist qua Verfassung auf Kult und Barmherzigkeit beschränkt und zur unpolitischen Neutralität verpflichtet. Das wird ernst genommen. Die Freitagspredigten in den Moscheen würden heute zwar nicht mehr wie früher zentral in Taschkent erstellt, heißt es, doch das klingt nach Propaganda. Bis heute sorgen am sowjetischen Geheimdienst angelehnte Agenten dafür, dass kein politisches Wort die Münder der Imame und Mullahs verlässt. Bei Zuwiderhandlungen wird hart durchgegriffen. Religiöse Helden sind nicht erwünscht, es sei denn, sie wären bereit, zu Märtyrern zu werden.

          Das alles mag wohl auch ein Grund dafür sein, dass Amir Timur, der Grausame, zum Helden des Landes gewählt wurde und nicht etwa Qutaiba ibn Muslim, der es mindestens so sehr verdient hätte. Denn ohne Qutaiba gäbe es die ganze Pracht der Moscheen, Medresen und Mausoleen in Usbekistan nicht. Ohne ihn hätte das Land nie eine derartige Anziehungskraft für Reisende aus aller Welt erhalten können. Qutaiba (670–715) war es nämlich, der schon bald nach Mohammeds Religionsgründung jene Gegend missionierte, die damals Transoxanien genannt wurde, das „Land jenseits des Oxus“ zwischen den beiden Strömen Amudarja und Syrdarja, das damals weit über das heutige Usbekistan hinausreichte und auch Teile von Kasachstan, Tadschikistan, Kirgistan und Turkmenistan miteinschloss. Was Samarkand & Co. bis heute seine Größe verleiht, verdanken die usbekischen Städte in Wirklichkeit nicht dem Despoten Tamir, sondern den Missionaren Mohammeds. Qutaiba erbaute in Buchara, Samarkand und eben auch im Ferghanatal Moscheen und brachte die Bewohner der Städte mit einer Art fiskalpolitischer Verführung dazu, sich dem Islam anzuschließen: Wer Muslim wurde, musste weniger Steuern zahlen als die Anders- oder Ungläubigen. Ein sanfterer Zwang des Proselytenmachens ist kaum vorstellbar.

          Die Stabilität des „Arabischen“

          Nichts im Land ist bis heute so nachhaltig prägend wie die Arabisierung Zentralasiens im siebten Jahrhundert. Das Weltreich der Sowjetunion, so sehr es nicht nur koloniale Unterdrückung, sondern auch Bildung gebracht hat, ist nach siebzig Jahren wieder verschwunden. Wenn man in einer der unzähligen Moscheen Usbekistans – die sich alle irgendwie gleichen, weil kunsthistorischer Fortschritt in der religiösen Architektur des Islams nicht vorgesehen ist – die Farbenpracht aus Kobalt und Kupfer der ornamentalen Majolika-, Terrakotta- und Mosaik-Kunst bewundert, sind Gedanken über den Grund der jahrhundertelangen Stabilität des „Arabischen“ fast unausweichlich. Einzig das römische Reich oder das britische Empire in ihrer imperialen Ausdehnung wären der arabischen Welt vergleichbar. Aber auch diese Reiche sind längst untergegangen. Einiges spricht dafür, dass es der Aufstieg des Islams ist, der die Nachhaltigkeit der arabischen Welt bis heute garantiert.

          Das zumindest ist eine These, die der britische Reiseschriftsteller Tim Mackintosh-Smith in seinem schönen, kürzlich erschienenen Buch „Arabs. A 3000-Year History of Peoples, Tribes and Empires“ vertritt. Solch eine einheitsstiftende Religion wie den Islam hatten Römer und Briten gerade nicht. Lediglich die kommunistische Ideologie war wohl so etwas wie ein Religionsersatz. Aber womöglich ist der Jenseitsglaube, anders als die aufgeklärte Religionskritik meinte, letztlich haltbarer als der Diesseitsglaube, der – wie im Falle des Sowjetkommunismus – schon rein ökonomisch im Vergleich mit dem Kapitalismus der empirischen Falsifizierung unterlag. Wer hätte es dagegen jemals schon vermocht, den Glauben an das Paradies zu falsifizieren, dessen Vorgeschmack eben zum Beispiel in der Bibixonim-Moschee in Samarkand gespürt werden kann?

          Dass sich daraus auch touristisch Kapital schlagen lässt, hat Usbekistan erkannt. In noch größerem Stil als bisher schon will das Land jetzt mit dem muslimischen Pfund wuchern. Seit dem Regierungswechsel und der Ablösung von Präsident Karimow im Jahr 2016 durch den vormaligen Premierminister Schawkat Mirsijojew spricht man in Usbekistan von Tauwetter. Tatsächlich geht es um den Prozess vorsichtiger, staatlich verordneter Liberalisierung. Das schlechte Image aus der Zeit Karimows soll durch eine internationale Charme-Offensive zum Guten gewendet werden. Man wirbt um Investoren aus dem Ausland, verspricht Subventionen, wenn internationale Hotelketten sich niederlassen. Handelshürden wurden abgebaut, die Währung hat man mit einer schmerzhaften Abwertung stabilisiert. Mehr Transparenz und Rechtsstaatlichkeit verspricht die Regierung zwar, aber nach Ansicht vieler Beobachter ist es damit noch nicht sehr weit her. Das Ziel heißt: „unser Volk reich machen“. Das ist tatsächlich aller Anstrengung wert. Das Prokopfeinkommen des Landes liegt kaufkraftbereinigt bei 8000 Dollar. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 46 000 Dollar und auch eine Reihe der Nachbarländer Usbekistans stehen besser da.

          Die wichtigste Erleichterung für die Reisenden besteht darin, dass seit Anfang des Jahres die Visumpflicht bei einem Aufenthalt von bis zu 30 Tagen weggefallen ist. Die Grenzformalitäten sind dadurch unbürokratisch geworden. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Touristen aus Deutschland auf – bescheidene – 18 000 mehr als verdoppelt. In diesem Jahr soll sich diese Zahl abermals verdoppeln. Man darf nun auch (fast) überall ungehindert fotografieren.

          Die Moscheen, Medresen und Mausoleen, aufwendig herausgeputzt, leuchten in den schönsten Farben. Um sie herum werden Hotels aller Klassen aus dem Boden gestampft. Die Touristenstädte gleichen derzeit einer einzigen großen Baustelle. Stolz ist man auf die vielen Orte, die ins Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen wurden. Selbst das Nationalgericht Plow – ein hierzulande als Pilaw bekanntes wohlschmeckendes Reisfleisch mit gelben Rüben und Rosinen – wurde inzwischen zum Weltkulturerbe erklärt.

          Sichtschutzmauern statt Sehenswürdigkeiten

          Das alles hat seinen Preis. Nennen wir ihn, vorsichtig, Musealisierung. Oder, härter, Sterilisierung. Ein von Google Maps vorgeschlagener Spaziergang am Nachmittag von unserem an einer lauten Straße gelegenen Hotel in Buchara zum historischen Zentrum führte zu meiner Überraschung durch ärmliche städtische Quartiere mit unbefestigten Straßen. Davon war beim morgendlichen Gang durch die prächtige Stadt nichts zu sehen gewesen. Selbst als Google schon meldete, man sei am Ziel angekommen, war vom Unesco-Kulturerbe immer noch nichts zu sehen, bis ein freundlicher Bewohner den Weg vorbei an einer Sichtmauer wies, hinter der mit einem Mal die Architektur von Tausendundeiner Nacht farbenfroh erstrahlte. Kein Zufall und wohl auch kein Einzelfall, wie Jens Jordan, Mitglied im internationalen Rat für Denkmalpflege, in einem aufrüttelnden Aufsatz in der F.A.Z. Mitte Juni geschrieben hat: „Buchara verliert seit einigen Jahren ihre authentische Atmosphäre und verwandelt sich schrittweise in einen sterilen Freizeitpark.“ Überall, nicht nur in Buchara, führt die Forcierung des Tourismus dazu, dass die Sehenswürdigkeiten durch Sichtschutzmauern abgeschirmt werden. Verbindungswege werden von Souvenirgeschäften eingerahmt und verdecken die Wohnquartiere der Armen. Deren Anblick soll den Touristen nicht zugemutet werden.

          Für die Hotelneubauten werden gewachsene Wohnquartiere von Bulldozern zertrümmert, wie Jens Jordan berichtet und der Reisende überall nachprüfen kann. Die Zerstörung ist nicht sehr schwierig: Grund und Boden gehört im Land bis heute wie zu sowjetischer Zeit dem Staat. Für die Abrissbirne ist also noch nicht einmal eine Enteignung nötig, weil Marktfreiheit und Rechtsstaatlichkeit im Bodenrecht Usbekistans noch gar nicht angekommen sind. Mehr noch: Auch mit der Denkmalpflege nimmt man es nicht so genau. Bei Restaurierungsarbeiten der Moscheen, Medresen, Mausoleen wird schon mal kurzerhand das ganze Gebäude abgerissen. Nach dem Abbruch tritt an die Stelle des Denkmals ein Simulakrum, ein Kunstgebilde, das nur grob an das Original erinnert. Das macht die Sache billiger und beruht offenbar auf der Annahme, die Touristen nähmen es ohnehin nicht so genau, was vielleicht gar nicht falsch ist. Hauptsache, es sieht alles schön, prächtig und ordentlich orientalisch aus. Das führt jetzt nach dem Bericht von Jens Jordan sogar zu der äußerst seltenen Drohung, Shahrisabz, den Geburtsort von Amir Timur, aus der Liste des Weltkulturerbes zu streichen, was ein blamabler Schaden für das Image des Landes wäre – und seinen Helden Timur.

          Um in der Welt besser dazustehen, hat man inzwischen sogar die monopolistisch-monomane Heldenverehrung Amir Timurs gelockert in Richtung einer Multikulti-Heldenvielfalt: In Samarkand steht seit neuestem auch eine Statue von Konfuzius, rechtzeitig vor einem wichtigen Treffen der sogenannten Shanghai-Union im kommenden Jahr, einem unter chinesischer Führung gegründeten wirtschaftlichen Zusammenschluss zentral- und ostasiatischer Länder. Wer weiß: China hat ja nun die Initiative einer neuen Seidenstraße ausgerufen und bietet den Ländern großzügige Kreditfinanzierung für die nötigen Infrastrukturprojekte an. Usbekistan gibt sich, anders als viele Nachbarländer, bislang noch etwas spröde, auch aus der Sorge, am Ende dauerhaft in Abhängigkeit von China zu geraten. Aber verderben will man es sich mit dem Reich der Mitte auch nicht, das inzwischen Russland als wichtigstes Exportziel abgelöst hat.

          Konfuzius ist der neue Held in Samarkand. In Taschkent steht seit kurzem ein Denkmal Johann Wolfgang von Goethes – rechtzeitig errichtet vor einem Staatsbesuch des deutschen Bundespräsidenten. Verbreiterung der Heldenbasis könnte man das nennen, als Zeichen eines neuen Pragmatismus im Interesse internationaler Anerkennung. Goethe allerdings hat sehr zu Recht einen Platz in Taschkent gefunden. In seinem „West-östlichen Divan“ gibt es das „Buch Timur“ – das freilich nur zwei Gedichte enthält. Goethe war Timur, der grausame Mann, vertraut. Er vergleicht ihn mit Napoleon: Wie dessen Russlandfeldzug im Winter 1812/13 scheiterte, so scheiterte auch Timurs Größenwahn im extrem kalten Februar 1405 und damit sein Plan, sich die chinesische Ming-Dynastie zu unterwerfen. Timur, der greise Held, konnte am Ende nicht mehr, verstarb noch in Kasachstan, der Legende nach an übermäßigem Alkoholgenuss. Andere Quellen sprechen von einer Lungenentzündung. Es ist der Winter Asiens selbst, der in Goethes Gedicht spricht. Dieser Winter vermag noch die grausamsten Helden der Weltgeschichte in die Knie zu zwingen. „Nicht, o Greis, verteid’gen soll dich / Breite Kohlenglut vom Herde, / Keine Flamme des Decembers.“ Der Sommer wird glühend heiß, der Winter aber eiseskalt, das muss man wissen.

          Es traf sich, dass Anfang des Jahres 1405 in Samarkand das Mausoleum für Timur bereits vollendet war und man den Leichnam dort bestatten konnte. Sowjetische Wissenschaftler haben Timurs Grab am 19. Juni 1941, kurz vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni, geöffnet und seine Identität nachgewiesen. Die Menschen aber erinnerten sich an den bösen Fluch auf dem Grab, wer die Platte öffne, müsse sterben, und gaben der Grabesöffnung die Mitschuld am Kriegsausbruch. Dass Timur Anfang 1942 in seinem Mausoleum wieder seine Ruhe fand, gilt im Volksglauben konsequenterweise als Indiz für die zum sowjetischen Sieg führende Kriegswende in der Schlacht bei Stalingrad, in der ein anderer Despot dem gnadenlosen Winter unterlag. Und so endet dieser Reisebericht aus Usbekistan da, wo er begonnen hat: in Gur Emir, dem Mausoleum von Amir Timur in der Märchenstadt Samarkand.

          Der Weg nach Usbekistan

          Anreise Usbekistan Airlines fliegt dreimal die Woche (Montag, Donnerstag und Samstag) direkt von Frankfurt nach Taschkent, im Winter (November bis März) nur montags und donnerstags. Preise ab ca. 560 Euro; Flugzeit etwa sechs Stunden; mehr unter uzbekistan-airlines.de

          Einreise Deutsche Touristen können seit 15. Januar 2019 visumfrei für 30 Tage nach Usbekistan einreisen.

          Rundreisen Neben anderen Veranstaltern hat China Tours verschiedene Usbekistan-Reisen im Programm, z.B. „Höhepunkte der Seidenstraße“ (11 Tage, ab 1599 Euro), „Perle der Seidenstraße“ (15 Tage, ab 1749 Euro) und die Kombireise „China, Kirgistan, Usbekistan – Seidenstraße komplett“ (23 Tage, ab 3959 Euro). Mehr unter chinatours.de

          Beste Reisezeit ist von März bis Anfang Juni (im Juli wird es bis zu 40 Grad warm) und Ende August bis Oktober.

          Umtauschkurs Für einen Euro erhält man circa 10.000 Usbekische Sum.

          Literatur Bodo und Irina Thöns: „Usbekistan: Entlang der Seidenstraße nach Taschkent, Samarkand, Buchara und Chiwa“, Trescher-Verlag, 2019, 500 Seiten, 21,95 Euro

          Weitere Informationen auf der offiziellen Internetseite: uzbekistan.travel (englisch). Mehr zur aktuellen Sicherheitslage unter auswaertiges-amt.de

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