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Usbekistan : Ein Land mit vielen Helden

Sichtschutzmauern statt Sehenswürdigkeiten

Das alles hat seinen Preis. Nennen wir ihn, vorsichtig, Musealisierung. Oder, härter, Sterilisierung. Ein von Google Maps vorgeschlagener Spaziergang am Nachmittag von unserem an einer lauten Straße gelegenen Hotel in Buchara zum historischen Zentrum führte zu meiner Überraschung durch ärmliche städtische Quartiere mit unbefestigten Straßen. Davon war beim morgendlichen Gang durch die prächtige Stadt nichts zu sehen gewesen. Selbst als Google schon meldete, man sei am Ziel angekommen, war vom Unesco-Kulturerbe immer noch nichts zu sehen, bis ein freundlicher Bewohner den Weg vorbei an einer Sichtmauer wies, hinter der mit einem Mal die Architektur von Tausendundeiner Nacht farbenfroh erstrahlte. Kein Zufall und wohl auch kein Einzelfall, wie Jens Jordan, Mitglied im internationalen Rat für Denkmalpflege, in einem aufrüttelnden Aufsatz in der F.A.Z. Mitte Juni geschrieben hat: „Buchara verliert seit einigen Jahren ihre authentische Atmosphäre und verwandelt sich schrittweise in einen sterilen Freizeitpark.“ Überall, nicht nur in Buchara, führt die Forcierung des Tourismus dazu, dass die Sehenswürdigkeiten durch Sichtschutzmauern abgeschirmt werden. Verbindungswege werden von Souvenirgeschäften eingerahmt und verdecken die Wohnquartiere der Armen. Deren Anblick soll den Touristen nicht zugemutet werden.

Für die Hotelneubauten werden gewachsene Wohnquartiere von Bulldozern zertrümmert, wie Jens Jordan berichtet und der Reisende überall nachprüfen kann. Die Zerstörung ist nicht sehr schwierig: Grund und Boden gehört im Land bis heute wie zu sowjetischer Zeit dem Staat. Für die Abrissbirne ist also noch nicht einmal eine Enteignung nötig, weil Marktfreiheit und Rechtsstaatlichkeit im Bodenrecht Usbekistans noch gar nicht angekommen sind. Mehr noch: Auch mit der Denkmalpflege nimmt man es nicht so genau. Bei Restaurierungsarbeiten der Moscheen, Medresen, Mausoleen wird schon mal kurzerhand das ganze Gebäude abgerissen. Nach dem Abbruch tritt an die Stelle des Denkmals ein Simulakrum, ein Kunstgebilde, das nur grob an das Original erinnert. Das macht die Sache billiger und beruht offenbar auf der Annahme, die Touristen nähmen es ohnehin nicht so genau, was vielleicht gar nicht falsch ist. Hauptsache, es sieht alles schön, prächtig und ordentlich orientalisch aus. Das führt jetzt nach dem Bericht von Jens Jordan sogar zu der äußerst seltenen Drohung, Shahrisabz, den Geburtsort von Amir Timur, aus der Liste des Weltkulturerbes zu streichen, was ein blamabler Schaden für das Image des Landes wäre – und seinen Helden Timur.

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