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Usbekistan : Ein Land mit vielen Helden

Samarkand: In der Koranschule Ulubeg beten Männer vor der Gebetsnische.

Und hatte fortan einen guten Vorwand zur Legitimation seiner brutalen Despotie gegen alle, die ihm gefährlich zu werden drohten: Wollt ihr, dass wir hier afghanische oder syrische Zustände bekommen? Ähnlich fällt auch die Antwort der Touristenführer aus: Hätte Karimow nicht den Islamismus im Ferghanatal besiegt, könntet ihr heute nicht auf den Spuren der alten Seidenstraße unbehelligt und sicher vor Anschlägen reisen.

Neunzig Prozent der Bewohner Usbekistans sind sunnitische Muslime. Aber die Religion ist qua Verfassung auf Kult und Barmherzigkeit beschränkt und zur unpolitischen Neutralität verpflichtet. Das wird ernst genommen. Die Freitagspredigten in den Moscheen würden heute zwar nicht mehr wie früher zentral in Taschkent erstellt, heißt es, doch das klingt nach Propaganda. Bis heute sorgen am sowjetischen Geheimdienst angelehnte Agenten dafür, dass kein politisches Wort die Münder der Imame und Mullahs verlässt. Bei Zuwiderhandlungen wird hart durchgegriffen. Religiöse Helden sind nicht erwünscht, es sei denn, sie wären bereit, zu Märtyrern zu werden.

Das alles mag wohl auch ein Grund dafür sein, dass Amir Timur, der Grausame, zum Helden des Landes gewählt wurde und nicht etwa Qutaiba ibn Muslim, der es mindestens so sehr verdient hätte. Denn ohne Qutaiba gäbe es die ganze Pracht der Moscheen, Medresen und Mausoleen in Usbekistan nicht. Ohne ihn hätte das Land nie eine derartige Anziehungskraft für Reisende aus aller Welt erhalten können. Qutaiba (670–715) war es nämlich, der schon bald nach Mohammeds Religionsgründung jene Gegend missionierte, die damals Transoxanien genannt wurde, das „Land jenseits des Oxus“ zwischen den beiden Strömen Amudarja und Syrdarja, das damals weit über das heutige Usbekistan hinausreichte und auch Teile von Kasachstan, Tadschikistan, Kirgistan und Turkmenistan miteinschloss. Was Samarkand & Co. bis heute seine Größe verleiht, verdanken die usbekischen Städte in Wirklichkeit nicht dem Despoten Tamir, sondern den Missionaren Mohammeds. Qutaiba erbaute in Buchara, Samarkand und eben auch im Ferghanatal Moscheen und brachte die Bewohner der Städte mit einer Art fiskalpolitischer Verführung dazu, sich dem Islam anzuschließen: Wer Muslim wurde, musste weniger Steuern zahlen als die Anders- oder Ungläubigen. Ein sanfterer Zwang des Proselytenmachens ist kaum vorstellbar.

Die Stabilität des „Arabischen“

Nichts im Land ist bis heute so nachhaltig prägend wie die Arabisierung Zentralasiens im siebten Jahrhundert. Das Weltreich der Sowjetunion, so sehr es nicht nur koloniale Unterdrückung, sondern auch Bildung gebracht hat, ist nach siebzig Jahren wieder verschwunden. Wenn man in einer der unzähligen Moscheen Usbekistans – die sich alle irgendwie gleichen, weil kunsthistorischer Fortschritt in der religiösen Architektur des Islams nicht vorgesehen ist – die Farbenpracht aus Kobalt und Kupfer der ornamentalen Majolika-, Terrakotta- und Mosaik-Kunst bewundert, sind Gedanken über den Grund der jahrhundertelangen Stabilität des „Arabischen“ fast unausweichlich. Einzig das römische Reich oder das britische Empire in ihrer imperialen Ausdehnung wären der arabischen Welt vergleichbar. Aber auch diese Reiche sind längst untergegangen. Einiges spricht dafür, dass es der Aufstieg des Islams ist, der die Nachhaltigkeit der arabischen Welt bis heute garantiert.

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