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Usbekistan : Ein Land mit vielen Helden

Um sich von Timurs Bauwerken einen Eindruck zu verschaffen, sollte man sich die Bibixonim-Moschee in Samarkand anschauen. Der Herrscher ließ sie auf der Höhe seiner Weltherrschaft erbauen, gedacht als größte Freitagsmoschee der islamischen Welt, die den Gläubigen einen Vorgeschmack auf das Paradies vermitteln sollte. Bibi, der das Gotteshaus geweiht ist, war unter den achtzehn Gemahlinnen (zuzüglich 23 Konkubinen) Timurs Lieblingsfrau. Wie es sich für einen anständigen Despoten gehört, hatte er aus seinem ganzen Reich die besten Baumeister, Handwerker und Künstler – außerdem hundert Elefanten als Lastenträger – zusammengeholt, die das gigantische Bauwerk in relativ kurzer Zeit erstellen mussten. Später dann stand das Prachtwerk ziemlich ruinös herum. Erst die späte Sowjetunion, die viel für die Erhaltung des orientalischen Erbes tat, ließ die Moschee aufwendig restaurieren. Unser Reiseführer, der in Samarkand seine Kindheit verbracht hat, erzählt, er kenne die Bibixonim-Moschee eigentlich nur als Baustelle. Erst 2003 wurden die Arbeiten abgeschlossen. Wenn man jetzt an einem Sonntagmorgen hierherkommt, sieht man durch das monumentale Eingangsportal viele Einheimische schlendern, die sich sonntäglich herausgeputzt haben und sichtlich stolz sind auf ihre Stadt und ihr Land. Heldenkult als Instrument nationaler Identitätsbildung: Timur eint das Volk und zieht Touristen an.

Keine Überraschung ist es da, dass sich auch der erste Präsident Islam Karimow – gestorben 2016, ein ziemlich autokratischer Herrscher, der vor grausamer Folter nicht zurückschreckte – inmitten der Nekropole Shohizinda an der Rückseite einer Moschee sein eigenes Mausoleum erbauen ließ. Der tote Held braucht heilige Orte, an denen man seiner gedenken kann. Sepulkralkultur geht zusammen mit Sepulkralarchitektur: Daran herrscht in Usbekistan kein Mangel. Dieselben stolzen Frauen und Männer Samarkands, die die Bibixonim-Moschee besuchen, pilgern anschließend noch zum Grab ihres Präsidenten, der sich damit selbst in die Reihe der Timuriden stellt. Karimow hat den Timur-Kult erfunden, um sich selbst zu seinem vorerst letzten Erben krönen zu können. Dass sein Despotismus am Ende dazu geführt hat, dass sein Land im Demokratie-Index des britischen „Economist“ unter 167 Staaten auf Platz 161 landete, mag das Ausland empören. Der Verehrung des Mannes in der Bevölkerung Usbekistans tut das keinen Abbruch.

Ein Despot und ein Missionar

Spricht man die Leute auf Karimows Grausamkeiten an, die auch der Grund dafür sind, dass das Land lange vom Ausland gemieden wurde, kontern sie mit der Geschichte des Ferghanatals. Der mit zehn Millionen Menschen ganz im Osten des Landes am dichtesten besiedelte Teil Usbekistans war in den neunziger Jahren kurz davor, zur Beute der Islamisten zu werden. Ferghana bedeutet „die Großartige, die wunderbar Abwechslungsreiche“. Die fruchtbare Ebene des Tales galt immer schon als kulturelles Zentrum Asiens. Aus dem Ferghanatal stammen besonders viele Dschihadisten, die sich in Syrien, im Irak und in Libyen radikalen Kämpfern angeschlossen haben. Dort hatte sich in den neunziger Jahren die Islamische Union Usbekistans mit den Taliban Afghanistans und den Vorläufern des Islamischen Staats zusammengeschlossen; eine brandgefährliche Opposition des Terrors formierte sich. Karimow, der nur knapp zwei Attentate überlebte, ging daraufhin mit großer Härte gegen die Dschihadisten vor.

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