https://www.faz.net/-gxh-9r6ro

Usbekistan : Ein Land mit vielen Helden

Amir Timur hoch zu Ross in Taschkent

Wieso begegnet einem dieser Mann, der nach allem, was man von seinem Leben weiß, alles andere als ein Vorbild ist, sondern ein abschreckendes Scheusal, bei einer Reise durch Usbekistan auf verehrungswürdigen Sockeln? In nahezu jeder Stadt gibt es einen Amir-Timur-Park, im Land eine ganze Reihe von Amir-Timur-Museen, und die Denkmäler stechen hervor: Mitten in Samarkand thront Timur majestätisch und überlebensgroß, in seinem Heimatort Shahrisabz steht er auf einem überdimensionierten Sockel, und in Taschkent gibt es ein Reiterstandbild von ihm am zentralen Platz der Hauptstadt. Doch Timur stand nicht immer hier: Bis Anfang der neunziger Jahre standen auf dem Sockel Statuen von Marx und Engels und noch früher der zaristische Gouverneur Konstantin von Kaufmann, gefolgt von einer Skulptur „Befreiung der Arbeit“, die 1940 durch Josef Stalin ersetzt wurde.

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, sagt Galileo in Bert Brechts gleichnamigem Stück. Usbekistan scheint zu seinem Glück Helden dringend nötig zu haben. Timur passt nicht schlecht in die zwielichtige Gesellschaft seiner Vorgänger. Als das Land ungefragt und gegen seinen Willen nach der Auflösung der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre sich plötzlich in der Unabhängigkeit fand, brauchte es dringend eine nationale Identität. Mit Marx und Engels war kein Staat mehr zu machen. Schon geographisch ist Usbekistan eigentlich ein Unding, ein Staat, den es historisch nie gegeben hat und dessen Grenzen von Stalin angeblich in einer Nacht künstlich mit dem Lineal gezogen wurden.

Eine Moschee für die Lieblingsfrau

Helden stiften nationale Identität, das hat Brecht übersehen. Helden brauchen lokale Wurzeln. Und da kam Islam Karimow, dem ersten Präsidenten des neuen und unabhängigen Staates, Timur gerade recht. Eine „phänomenale Neubewertung des legendären Herrschers von Samarkand“ hat Bodo Thöns in den vergangenen zwanzig Jahren in Usbekistan beobachtet. Thöns, ein deutscher Finanzexperte, lebt seit langem in Zentralasien und hat gerade einen lesenswerten Usbekistan-Führer veröffentlicht. Tadschikistan hat sich aus denselben Gründen lokaler Identitätsbildung Ismail Samani, den Begründer des Samaniden-Geschlechts, zum Nationalheiligen gewählt. Und in der Mongolei haben sie ihren Dschingis Khan wiederentdeckt. Allemal ist es dasselbe Erzählmuster: Einer von uns hat uns einmal zu einer großen und mächtigen Nation gemacht. Timur spiegelt nicht nur den Stolz darüber, vor siebenhundert Jahren im Mittelpunkt eines Weltreiches gestanden zu haben, er liefert auch eine Art symbolischen Ausgleich dafür, lange Jahrhunderte kolonialisiert worden und nun zwar frei, aber auch in einer geopolitischen Randlage gestrandet zu sein.

Siyob Bozori ist Samarkands größter Basar, auf dem es alles für das tägliche Leben gibt.

Zugleich ist er verantwortlich für den kulturellen Weltruhm, die Moscheen, Medresen (Koranschulen) und Mausoleen, derentwegen die Leute immer schon nach Buchara, Samarkand oder Chiwa gereist sind und – geht es nach dem Willen der Tourismusplaner – bald noch viel zahlreicher kommen werden. Timurs berühmtester Satz nämlich, gerichtet an die ganze Welt und insbesondere seine Gegner, lautet: „Wenn ihr an unserer Macht zweifelt, schaut auf unsere Bauwerke.“

Weitere Themen

Audi A4 Limousine Video-Seite öffnen

Fahrbericht : Audi A4 Limousine

Audi setzt bei seinem ewigen Bestseller auf Muskeln und Mild Hybrid. Komfort, Design und Stil gibt es aber nicht als Sonderangebot.

Topmeldungen

Erdogan bei Trump : Offene Worte an einen guten Freund?

Trotz der diplomatischen Reibereien beider Länder dürfte Donald Trump den türkischen Präsidenten Erdogan in Washington herzlich empfangen. Aber bei dem Besuch könnte es auch um Menschenrechtsverletzungen gegen Kurden gehen, für die die Amerikaner Videobeweise haben sollen.
Medial überpräsent: die sogenannten Snowflakes.

Politische Korrektheit an Unis : Die Legende vom Meinungsdiktat

Die ach so sensiblen „Schneeflocken“, die dem Ernst des Lebens nicht gewachsen sind, sind derzeit medial überpräsent. Doch dominiert an amerikanischen Universitäten wirklich die politische Korrektheit? Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.