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Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

1. Januar 2022 · Wenn, ja wenn das mit der Pandemie wieder einmal im Griff ist und wir uns wieder mit gutem Gefühl aufmachen und unter Menschen begeben würden – wo führen wir hin? Redakteure über ihre Sehnsuchtsziele.


Fernando de Noronha

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Wer schon was von der Welt gesehen hat, ist während der Pandemie klar im Vorteil. Augen zu beim Anstehen vor dem Test-Center oder in einer der anderen Schlangen, ohne die der Alltag bald schon nicht mehr zu bewältigen war. Augen zu und schnell wegbeamen, vorzugsweise an den schönsten Ort, den wir je besucht haben: Fernando de Noronha. Der Archipel ist vulkanischen Ursprungs und liegt knapp vierhundert Kilometer nordöstlich vor Recife im Atlantik. Vespucci war Anfang des sechzehnten Jahrhunderts da, Drake ein bisschen später, Darwin kam mit der Beagle dann im neunzehnten Jahrhundert, danach liefen vor allem Gefangene auf der Insel umher, Leute, die man wirklich weit weg vom Festland haben wollte. Erst seit den Achtziger Jahren dürfen Touristen auf Fernando de Noronha landen – genauer gesagt auf einer der 21 Inseln; die anderen sind tabu.

Nach einer Woche wird’s teuer, wenn man kein Weißbauchtölpel ist: Fernando de Noronha
Nach einer Woche wird’s teuer, wenn man kein Weißbauchtölpel ist: Fernando de Noronha Bild: picture-alliance

Bei der Einreise wird eine tägliche Umweltabgabe fällig, die exponentiell ansteigt, was wiederum verhindert, dass Touristen hängenbleiben. Nach einer Woche kann man sich das Eiland kaum mehr leisten, nach einem Monat muss auch der Reichste wieder abreisen, mehr als vier Wochen geht nicht: so wollen es die strengen Gesetze im Weltnaturerbe. Mehr als vierhundert Besucher dürfen nicht gleichzeitig auf der Insel sein. Brasilien mag mehr als zweitausend Strände haben, die schönsten, so heißt es, sind auf Fernando de Noronha. Und damit das so bleibt, ist sehr vieles verboten. Und die Baía dos Golfinhos ist den Delfinen vorbehalten, die jeden Morgen zu hunderten in diese Bucht zurückkehren, um sich von der nächtlichen Jagd auszuruhen – nicht das einzige Naturspektakel hier, für das es sich lohnt, um vier Uhr morgens aufzustehen. Viertausend Meter tief ist das Wasser um das Archipel, nur die oberste Spitze des Gebirges ragt aus dem Atlantik, Taucher lobpreisen den Ort wegen seiner guten Sicht und der Artenvielfalt, die sich unter Wasser fortsetzt. Zuletzt ließen einen Nachrichten erzittern, die Regierung Bolsonaro wolle aus dem naturgeschützten Archipel ein „tourist hub“ machen, Ölfirmen würden bei ihren Erkundungstouren auch in den Meeresschutzpark eindringen – und dass erstmals Exemplare des Pazifischen Feuerfischs gesichtet wurden, einer invasiven Art, die schon in der Karibik nicht gefressen wird, sondern alles frisst, was bei drei nicht im Korallenblock ist. Höchste Zeit also, nach Flügen zu schauen, solange die Plätze noch limitiert sind, auf der paradiesischen Insel. (bali)


Bahnfahren in Russland

Draußen hundskalt, drinnen T-Shirt-Temperatur: mit der Bahn durch Sibirien.
Draußen hundskalt, drinnen T-Shirt-Temperatur: mit der Bahn durch Sibirien. Bild: Andrea Diener

Zugfahren ist ja meistens nur als theoretisches Konzept gut und scheitert dann krachend an der Praxis. In Russland ist das nicht so, hier hält die Bahnromantik, was sie verspricht. Die Züge sind langsam, aber pünktlich, und zwar auf die Minute genau. Die Waggons sind alt, aber bequem. Nirgendwo schläft man so gut wie in einem monoton rumpelnden Schlafwagen der russischen Bahn, von dem in regelmäßigen Abständen das Eis mit der Axt weggehackt wird. Falls man einen modernen Waggon erwischt hat, sieht der ganz genauso aus, nur dass es Strom aus USB-Buchsen gibt und man auch im Bahnhof auf die Toilette gehen darf. Die Mitreisenden sind höflich, um es sich nicht mit der Schaffnerin zu verscherzen, die eine strenge, mütterliche Oberaufsicht führt. In jedem Waggon gibt es einen Samowar mit heißem Wasser, man hat also besser immer Teebeutel dabei. Und bei meiner letzten Fahrt kurz vor der Pandemie kam ich in den Genuss eines Speisewagens, ein ausgemustertes Exemplar der DDR-Bahn, aber bestens in Schuss. Und mittlerweile wurden auch die Speisekarten überarbeitet. Während ich mir also ein Bier genehmigte, fuhr eine Köchin mit Haarnetz warmen Toast mit Kaviar, Zunge mit Meerrettich und dergleichen Klassiker auf. Ich hätte sogar veganen Borsch haben können. Draußen zog die sibirische Tundra in tiefverschneitem Zustand vorbei, und der Kellner erklärte sehr langsam und mit Rücksicht auf unsere mangelnden Sprachkenntnisse Wissenswertes über das Kraftwerk an der Angara, das wir soeben passierten. Wenn ein Land so groß ist, dass man tagelang im Zug sitzt, ist es gut, Meutereien unter Fahrgästen zu vermeiden. Wie man sie bei Laune hält, das weiß man hier. Und ich möchte so bald wie möglich wieder auf diese Weise bei Laune gehalten werden. (dien.)

Dieses Bild ist laut Beschreibung undatiert, aber die Waggons haben sich in den letzten fünfzig Jahren ohnehin nicht geändert. Es könnte also 1970 aufgenommen worden sein oder 2007, man weiß es nicht.
Dieses Bild ist laut Beschreibung undatiert, aber die Waggons haben sich in den letzten fünfzig Jahren ohnehin nicht geändert. Es könnte also 1970 aufgenommen worden sein oder 2007, man weiß es nicht. Bild: picture-alliance
Herrin über den Waggon: mit diesen Damen gilt es sich gutzustellen.
Herrin über den Waggon: mit diesen Damen gilt es sich gutzustellen. Bild: picture-alliance

New York

Schön, und hier jetzt bitte noch einen Bagel mit Cream Cheese: New Yorks Central Park
Schön, und hier jetzt bitte noch einen Bagel mit Cream Cheese: New Yorks Central Park Bild: picture alliance / Zoonar

In meiner Schublade liegt neben dem deutschen auch ein amerikanischer Pass. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber in der Nähe von New York City geboren. Meine Aufenthalte in die Vereinigten Staaten waren immer denkbar unkompliziert: Ich musste kein Esta beantragen, zeigte den Kontrolleuren bei der Einreise meinen amerikanischen Pass und manchmal gaben sie ihn mir mit einem freundlichen „Welcome home!“ zurück. Reisen nach Amerika, besonders nach New York, hatten für mich ein Gefühl von Unbeschwertheit. Seit Beginn der Pandemie packt mich immer wieder große Sehnsucht nach der Stadt. Ich will wieder durch Manhattan schlendern, Bagel mit Creme Cheese von einem dieser winzigen Cafés auf der Upper Westside essen oder Hotdogs vom Straßenstand, ich will mit der dreckigen, unfassbar lauten U-Bahn fahren, oder mit einem Taxi im Straßenverkehr stecken bleiben. Ich will wieder im Central Park sitzen und mir wünschen, diesen Park nach Frankfurt mitnehmen zu können. New York ist unbeschwert, weil man sich dort nicht mit sich selbst beschäftigen muss, man kommt überhaupt nicht dazu, und das kann ziemlich erholsam sein. Wenn diese Pandemie also irgendwann vorbei sein sollte, dann werde ich wieder dort sitzen, im Central Park, im Zentrum dieser überfordernden Stadt, und froh sein, dass sie zu all den Orten zählt, die für mich Heimat sind. (kjma.)

Erholungsziel Überforderung: im Central Park
Erholungsziel Überforderung: im Central Park Bild: picture alliance / Zoonar

In die Berge

Noch einmal auf die Piste, irgendwo in den Alpen, solange es noch geht.
Noch einmal auf die Piste, irgendwo in den Alpen, solange es noch geht. Bild: picture alliance / Zoonar

Nach New York, für einen Bagel oder um bei sweetgreen einen Caesar’s Salad zu essen, mit Grünkohl, vielleicht an der High Line. Und nach Wien, für ein Backhendl im Rebhuhn, im Sommer, draußen auf der Trottoir. An den Hafen von Chania, Freitagsabends, wenn die Bars voller Menschen sind und die Luft glüht. Oder Lissabon, auf ein eiskaltes Bier. Aber in Wahrheit, und am allerliebsten, am allerallerliebsten wieder auf die Berge, in den Schnee. So lange liegt der ja nicht mehr, und eigentlich sollte man es sich mit dem Skifahren ja besser heute als morgen abgewöhnen, und vielleicht hilft der zweite Pandemiewinter hintereinander ja sogar beim Entzug. Aber bis es so weit ist, und bis es gar nicht mehr geht, möchte ich, wenn es wieder geht: auf die Piste. Das erste Mal über Corona gehört und geredet hatte ich nach einem Tag auf den Hängen von Annaberg, Ende Januar 2020. Es könnte dort auch sehr gern das letzte Mal sein, aber meinetwegen auch ganz woanders, die Winteralpen sind groß. Und so weit weg, so weit, weit weg. (tob)

Groß und weit: Blick von der Zugspitze auf diverse Skigebiete
Groß und weit: Blick von der Zugspitze auf diverse Skigebiete Bild: picture alliance / Zoonar

Tokio

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Niemals hätten wir gedacht, dass wir jemals nach Gedränge und Gewusel solche Sehnsucht haben würden, nach Menschenmassen und Massenaufläufen, nach überfüllten Fischmärkten und vollgestopften U-Bahn-Zügen, nach Bahnhöfen, die jeden Tag ein paar Hunderttausend Passagiere durch ihre Gänge schleusen, und nach Straßenkreuzungen, die den Andrang der Passanten nur mit diagonalen Zebrastreifen bewältigen können. Natürlich suchen auch wir sonst Stille und Ruhe, natürlich bevorzugen auch wir Einsamkeit und Exklusivität. Doch nach fast zwei Schreckensjahren, in denen die Menschheit ihren Metabolismus auf den Stand eines Molches im Winterschlaf heruntergefahren hat, ist unsere Sehnsucht größer denn je: nach Japan, nach Tokio, dem Land und der Stadt, die besser als jedes andere Land und jede andere Stadt Menschenmassen zu organisieren wissen. Fünfunddreißig Millionen leben im Großraum Tokio, der größten Agglomeration auf dem Planeten, und doch gibt diese Megalopolis ihren Besuchern in jedem Moment das wunderbar beruhigende Gefühl, dass wir Menschen zum Zusammenleben erschaffen worden sind, nicht zum Dahindämmern auf dem Sofa vor dem Fernseher, dass wir soziale Wesen sind, keine Einzelhäftlinge im Quarantäneloch. Alles klappt wie am Schnürchen in Tokio, der öffentliche Transport und das öffentliche Leben, die flächendeckende Versorgung der Menschen mit den schönsten Delikatessen und das gemeinsame Wohnen auf engstem Raum ohne Preisgabe der Privatheit. Tokio ist ein riesenhaftes Laboratorium, das jeden Tag den Beweis dafür erbringt, wie sehr der Mensch dafür bestimmt ist, unter seinesgleichen zu sein – und wie pervers es ist, ein Leben als Einsiedlerkrebs zu führen. So wohl und so behütet, so entspannt und so glücklich unter Abermillionen Anderen kann man sich nirgendwo sonst auf Erden fühlen. Und der Schlüssel zu diesem Gefühl ist nichts Geringeres als der gegenseitige Respekt, als eine Höflichkeit, die aus dem tiefsten Herzen kommt, als ein Gespür für Würde, das keiner Anleitung bedarf. Lange bevor es bei uns in Mode kam, haben wir massenhaft Menschen in Tokio Mundschutzmasken in den Straßen und U-Bahnen tragen sehen. Sie haben es nicht gemacht, um sich selbst, sondern um andere vor sich selbst zu schützen. Sie tun es nicht aus Angst, sondern aus Achtung gegenüber ihren Mitmenschen. Das ist der große Unterschied – und unsere große Sehnsucht. (str.)

Das beruhigende Gefühl von 35 Millionen Mitmenschen: Tokios Wimmelbezirk Shibuya.
Das beruhigende Gefühl von 35 Millionen Mitmenschen: Tokios Wimmelbezirk Shibuya. Bild: picture-alliance

Raus aus Tokio

Wie Bilderbuch kann Japan sein? Wald, Abendsonne und Torii in Hakone, dem Kurort bei Tokio.
Wie Bilderbuch kann Japan sein? Wald, Abendsonne und Torii in Hakone, dem Kurort bei Tokio. Bild: picture-alliance

Nach Japan zu kommen, war in den vergangenen zwei Jahren nicht leicht. Zwei Wochen Quarantäne – da bleibt vom Aufenthalt nicht viel. Sobald es wieder möglich ist, soll es nach Tokio gehen, um der Stadt sofort den Rücken zu kehren. Zwar wird man – das haben Großstädte so an sich – in einem Leben nicht fertig mit der Stadt am „wilden Fluss“, doch tut man es in unruhigen, das heißt erzwungenermaßen ruhigen Zeiten, besser den Japanern gleich, die ihren kostbaren Urlaub gern außerhalb von Tokio veredeln, wenn ihnen mal die Decke auf den Kopf fällt. Der Badeort Hakone ist so ein naheliegender Fluchtpunkt, doch wer ein paar Reisegroschen mehr im Brustbeutel trägt, fährt dorthin, wo Reich und Berühmt einst die Sommerfrische verbrachten: In Karuizawa, am Südhang des Vulkans Asama, in der Präfektur Nagano, lernte sich das einstige Kaiserpaar beim Tennis kennen, verbrachte John Lennon seine vier letzten Sommer – und eine Zeitlang waren Taxifahrer fest davon überzeugt, dass das Anwesen im Bezirk Sengataki mit den hohen Mauern und dem geplanten Hubschrauberlandeplatz keinem geringen als Bill Gates gehöre. Mit Sylt hat der Kurort gemeinsam, dass man der Schickeria bequem aus dem Weg gehen kann. Zum Beispiel auf einem der Waldpfade, an deren Ende sich meist irgendein Wasserfall finden lässt, an dem man entweder einen den Waldgöttern geweihten Stein findet, oder ein Schild, das vor Bären warnt. Wer es gediegen mag, isst Blaubeertarte im „Hotel Mampei“. Wer es deftiger liebt, gönnt sich Ramen im „Koko“, dem einstigen Stammnudelsuppenlokal des Schauspielers Ken Watanabe, in dem es die besten, weil dicksten und saftigsten Karaage (frittiertes Hühnerfleisch) der Region gibt. Vorher und nachher geht es ins Tombo no Yu, die heiße Quellen der „Libellen“ – und wer danach wirklich noch nicht vom Wunsch nach Konsum gereinigt ist, der kann die kleinen Läden auf der „Harunire Terrace“ nach Dingen durchstöbern, die zeigen, wie schön sich Kühlschrank und Wohnraum der nahegelegenen Sommerhäuser („Bessou“) ausstatten lassen würden, besäße man ein solches. Wer früh genug vorbestellt, hat für den Abend vielleicht einen Platz an der langen rot lackierten Theke des „Ogosso“ ergattert, wo es nichts gibt, was es nicht gibt – außer einem: den Sorgen der Großstadt. (wei.)


St. Helena

Exilant will man hier vielleicht nicht sein, Urlauber aber sofort: die Atlantikinsel St. Helena.
Exilant will man hier vielleicht nicht sein, Urlauber aber sofort: die Atlantikinsel St. Helena. Bild: picture alliance / prisma

An einer Stelle führt ein Grat über die Insel, keinen halben Meter breit. Auch hier wachsen Farne, dazu Bäume mit starken Wurzeln und Kohlpalmen, die aussehen wie knorrige, blühende Lilien. Unter den Füßen fällt der Hang als grüne Lianenwand ab, und wer sich vorsichtig auf dem Grat umdreht, kann beide Seiten St. Helenas sehen: die nördliche mit Jamestown, der Hauptstadt, im Süden der Vulkaninsel steinige Buchten und schroffe Abgründe vor der grüngrauen See. Vor dem schier unendlich wirkenden grüngrauen Atlantik: mehr als tausendachthundert Kilometer sind es von hier nach Afrika, nach Südamerika sind es fast dreitausenddreihundert Kilometer. Napoleon haben sie einst für seine letzten Jahre ins Exil auf diese abgelegene Insel geschickt, einer der wenigen prominenten Namen, die mit ihr verbunden sind. Doch es ist nicht der französische Feldherr, der die Neugier weckte auf St. Helena, auch nicht der englische Astronom Edmond Halley, der von hier aus 1677 den südlichen Sternenhimmel vermessen hat. Es ist Angus, ein – so nennen ihn die anderen verächtlich – Yams-Bengel von der Totholzebene oberhalb von Jamestown, der dem großen Forscher als kleiner Junge begegnet ist. Angus will weg von der Insel, und er schafft es auch. Aber bevor er es schafft, bevor er sich in Olli Jalonens Roman „Die Himmelskugel“, erschienen im Frühjahr dieses Jahres, nach London durchschlägt, um Edmond Halley wiederzutreffen, der ihm bei seiner Forschungsreise auf der Insel etwas versprochen hatte und von dem er sich noch einiges mehr verspricht, nimmt ihn der Inselpastor mit auf eine Wanderung ins Inselinnere, in die Berge, über den Grat. „Die große Paradiessuche“ nennt Angus das Vorhaben des Geistlichen: Pastor Burch ist überzeugt, auf St. Helena biblische Spuren zu entdecken. Wo sollte sich der Garten Eden befunden haben, wenn nicht hier? Die beiden kommen auf eine Lichtung, „die Sonne fällt so aufs Gras, dass es blendet, wenn man aus dem Dunkeln kommt“. Es ist eine vollkommene Lichtung, erzählt Angus: Die hohen Bäume, die sie begrenzen, sind abgestorben, ihre Stämme verkohlt. Pastor Burch fällt auf die Knie. „Guter Gott, ist es das?“ Doch auch wenn Angus sicherheitshalber den Kopf einzieht: Gott antwortet nicht, „mit keiner Stimme und mit keiner sichtbaren Tat“. Der Geistliche muss sich damit abfinden. Heute wird die Insel, kaum größer als Sylt, von Naturliebhabern geschätzt: Mehr als vierhundert Tier- und Pflanzenarten gibt es nur hier, Taucher und Schnorchler schwärmen von der Unterwasserwelt mit ihren Rochen, Muränen und Schildkröten, von Mitte Januar bis April lassen sich die bis zu zehn Meter langen Walhaie beobachten. Nach Monaten, in denen wir unter lauter Menschen die Kontakte zu anderen Menschen haben einschränken müssen, wächst die Sehnsucht nach wirklicher Abgeschiedenheit. Mittlerweile finden wir die Antwort auf die Frage, ob wir beim Wandern auf St. Helena vielleicht das Paradies entdecken werden, in uns selbst. (kue.)


Burning Man

Mad Max, aber mit Verkehrswende: Das Burning Man Festival in der Wüste von Nevada.
Mad Max, aber mit Verkehrswende: Das Burning Man Festival in der Wüste von Nevada. Bild: picture-alliance
Teilnehmerin am Selbstdarstellungsmarathon in der Wüste Nevadas
Teilnehmerin am Selbstdarstellungsmarathon in der Wüste Nevadas Bild: picture-alliance

„Das Burning Man ist eine gigantische Kunstausstellung unter freiem Himmel, die auf ihren Höhepunkt zusteuert, wenn die namensgebende Holzskulptur bis zu ihren Zehen niederbrennt.“ Diesen Satz schrieb eine geschätzte Kollegin, mit der ich eine Vorliebe für die Vereinigten Staaten und deren ästhetische Exzesse teile. Bis zur Lektüre ihres Texts kannte ich das Burning-Man-Festival nur vom Hörensagen. Was genau sich alles dahinter verbirgt – die Geschichte, Besonderheiten, Regeln –, habe ich mir anschließend sofort zusammengelesen. Die Kollegin und ich waren uns einig: Da müsste man mal hin. Macht nichts, wenn’s schnell geht. In diesem wie im vergangenen Jahr ist das neuntägige Event, das traditionell am Labor Day, also dem ersten Montag im September endet, allerdings wegen der Pandemie ausgefallen. 1986 feierte es Premiere, die ersten Male fand es in San Francisco statt, seit Anfang der neunziger Jahre pilgert man lieber in die Black Rock Desert, einer Wüste in Nevada, die auf dem Seebett des prähistorischen Lake Lahontan und hundertsechzig Kilometer entfernt von Reno liegt (allein schon diese Namen!). Jedes Jahr nehmen mehr als fünfzigtausend Menschen an der Party teil. Sie leben in einer aus dem Boden gestampften Stadt, der Black Rock City, cruisen auf Fahrrädern und in selbstgebauten, zum Teil cyberpunkigen, dann wieder lustigen Karossen – den sogenannten Mutant Vehicles – durch die Gegend und geben sich größte Mühe, beim Selbstdarstellungsmarathon keine Spuren zu hinterlassen. Ein bisschen Ökobewusstsein und Frontier-Erfahrung, ein wenig „Mad Max“ und Postapokalypse: Doch, doch, da müsste man nach der Pandemie mal hin. (span)


Die Bar Mas Q Menos im Flughafen Madrid-Barajas

Bitte zugreifen: Eine gute Tapasbar am Flughafen kann einem den Tag retten.
Bitte zugreifen: Eine gute Tapasbar am Flughafen kann einem den Tag retten. Bild: picture alliance / Zoonar

Im Langstrecken-Terminal T4S des Madrider Flughafens Barajas gibt es eine Bar, die nichts mit der standardisierten Seelenlosigkeit und globalisierten Beliebigkeit üblicher Flughafenlokale zu tun hat. Sie heißt „Mas Q Menos“, könnte auch in jedem spanischen Dorf zu finden sein und bietet ihren Gästen das, was man in spanischen Bars eben so bekommt: Tapas und Bocadillos, Tortillas und Empanadas, den wunderbar mild gerösteten spanischen Kaffee und das herrlich salzige Mineralwasser von Vichy Catalan, Weine im offenen Ausschank von erstaunlicher Qualität und Sekte selbstverständlich der Kategorie Extra Brut. Dazu gibt es einen blitzschnellen Service, der sich nicht mit überflüssigem Geplänkel aufhält, sondern seine Arbeit macht, und obendrein gratis die Gewissheit, auf seinem Hocker am Tresen für eine kurze Zeit ein provisorisches Stück Heimat gefunden zu haben. Wir gehen niemals tatenlos an dieser Bar vorbei, sondern kehren jedes Mal, wenn wir auf dem Weg nach Lateinamerika sind oder von dort kommen, im „Mas Q Menos“ ein, das ist längst ein heiliges Ritual. Wir bestellen Serrano-Schinken und Machego-Käse, trinken je nach Tageszeit einen Cortado oder einen Cava und betrachten die Menschen am Tresen und an den Tischen: Hausangestellte, Studenten, Geschäftsleute auf dem Weg zurück in ihre lateinamerikanische Heimat, abenteuerlustige Touristen auf der Suche nach präkolumbianischen Schätzen, transkontinentale Liebespaare beim Antrittsbesuch in der jeweils anderen Familie, junge Menschen mit leuchtenden Augen, die gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr antreten und unsere Töchter sein könnten, ältere Damen der Gesellschaft, die wieder einmal ihre ausgewanderten Verwandten sehen wollen und unsere Mütter sein könnten. Jeder hat ein anderes Motiv für seinen Flug und doch sind sie in der Bar alle gleich, unterschiedslos von Herkunft, Alter, Stand oder Geld. Denn sie alle sind in diesem Moment Mitglieder der großen Pilgerschaft der Reisenden, Brüder und Schwestern im Geiste, die ihr Glück in der Ferne suchen und finden. Und uns schenken sie jedes Mal das kostbare Gefühl, auch dazu zu gehören, Teil von etwas Großem und Ganzem statt allein und einsam zu sein. Das letzte Mal, mitten in der Pandemie, saßen wir im „Mas Q Menos“ mutterseelenallein an der Bar. Noch nie in unserem Leben sind wir so einsam gewesen. (str.)


Indonesien, Flores

Das vielleicht schönste Ende der Welt: Flores, Indonesien.
Das vielleicht schönste Ende der Welt: Flores, Indonesien. Bild: picture alliance

Wohin ich in diesen Zeiten reisen will? Sehr weit weg, ans Ende der Welt, um genau zu sein. Und falls sich nun jemand fragen sollte, wo das ist, das Ende der Welt, so kann ich, weil ich es nachgeprüft habe, ziemlich präzise antworten: die Insel Flores, die zu den Kleinen Sundainseln gehört, in der Region Ost-Nusa Tenggara in Indonesien. Ich hatte diese Insel vor vielen Jahren besucht und nie in meinen Leben einen größeren Aufwand betrieben, um einen Ort zu erreichen. Mit dem Flugzeug stundenlang von Deutschland nach Bangkok, dann mit dem Flugzeug stundenlang von Bangkok nach Bali. Dann von Bali mit einem abenteuerlichen Klein-Bus nach Padangbai, dann mit einer Fähre nach Lombok und von dort mit einem noch viel abenteuerlichen Fischerboot weiter nach Osten. Fünf Tage lang fuhren wir mit drei jungen indonesischen Fischern und sechs weiteren europäischen Hasardeuren an der Küste Sumbawas entlang, irrlichterten durch die Wellen, kenterten fast, erreichten Banda, Rinca, Padar und Komodo und liefen schließlich in dem kleinen Hafenstädchen Lebuan Bajo ein – auf Flores! Ganz ehrlich: Wir waren alle heilfroh, die Sache überlebt zu haben. Und zu allem Überfluss kamen wir dann nicht mehr weg von Flores, unserem Sehnsuchtsort am Ende der Welt. Der Flieger nach Bali, den wir gebucht hatten, flog nicht, aus welchen Gründen auch immer. Und so wurde, auch wenn wir uns das zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen konnten, die Rückreise noch abenteuerlicher als die Hinreise. Aber das ist eine andere Geschichte. Und genau dorthin will ich zurück, auf dieses kleine Fischerboot, das es damals gerade so nach Lebuan Bajo geschafft hat. Schon komisch, dieses Fernweh. (asl.)


Gefängnisinsel Gorgona Verbotene Früchte
Hexen in Südtirol Hohe Tannen weisen die Sterne

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 01.01.2022 17:18 Uhr