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Urlaub mit Teenagern : Venedig sehen und texten

Illustration: Gisela Goppel Bild: Gisela Goppel

Eine Mutter, ihre jugendliche Tochter, deren Freundin, eine Ferienwohnung in Venedig und all die Herrlichkeiten dieser Stadt: Die Geschichte einer Annäherung.

          6 Min.

          Am dritten Tag unserer Reise fragen unsere italienischen Freunde erwartungsvoll: Und? Was habt ihr schon alles gesehen?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Bilanz ist dürftig. Zweieinhalb Tage sind wir kreuz und quer durch Venedig gerannt – und haben gerade mal die berühmte Gemäldegalerie, die Gallerie dell’Accademia, besichtigt. Während ich in Saal VIII noch versonnen vor Giorgiones „Gewitter“ stehe, sind die Mädchen bereits mit ihrem Rundgang fertig. Die gesamte venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts, all diese gigantischen Tintorettos und Veroneses mit den dynamischen Körpern darauf in einer bis dato ungekannten Farbenpracht, künstlerischer Ausdruck einer Weltmacht auf der Höhe ihrer Zeit, von zwei Fünfzehnjährigen fröhlich in die Tonne getreten: „voll hässlich“. Lieber kaufen sie Leinenbeutel im Museumsshop. Anschließend sitzen wir zu dritt auf dem Campo Santa Margherita, wo die Mädchen mit der Handykamera ihren San Bitter fotografieren. In gewisser Weise haben sie ja recht. Mit diesem gleißenden Rot kann selbst Tizian nicht mithalten.

          Ursprünglich hatte ich von einer Mutter-Tochter-Reise geträumt. Mein großes Kind und ich in dieser verzauberten Stadt – schon stellte ich mir vor, wie wir gemeinsam im Reiseführer stöbern, Pläne schmieden, Vorlieben abstimmen und, klar, auch Kompromisse schließen. Wir würden so viel zu zweit erleben wie nie zuvor und uns fern vom Rest der Familie und vom Alltag noch einmal ganz anders kennenlernen – ihrem Alter angemessen vielleicht mehr auf Augenhöhe.

          „Hier waren wir!“

          Dann überzeugte mich meine Tochter, eine gute Freundin mitzunehmen. Im ersten Moment reagierte ich beleidigt. Sie erklärte mir daraufhin, dass die Eindrücke von ihrem Italien-Schüleraustausch samt Tagesausflug in die Lagune noch zu frisch seien, um nicht immerzu Erinnerungen hinterherzuweinen und die Gleichaltrigen zu vermissen. Ich fürchtete mich zwar vor zwei Pubertieren, die den Vormittag verschliefen, kulturhistorische Highlights ignorierten und die Hälfte der Zeit am Handy hingen. Aber die Mädchen versicherten, das werde schon nicht passieren. Und bevor wir gar nicht fuhren ...

          Tatsächlich sind wir vom ersten Moment an alle drei wie elektrisiert. Venedig ist, als spazierte man durch eine riesige Postkarte in 3D. Ganz gleich, um welche Ecke man biegt: jedes Mal eröffnet sich ein neues Arrangement aus Gassen, Brücken, Plätzen. Jeder Blick das perfekte Foto. In der Sonne glitzert der Canal Grande, als sei das Wasser tatsächlich frisch und klar. Die Seitenarme wirken dickflüssig, wie mit Gelatine angerührt. Ihr stumpfes Teichgrün erinnert an das benutzte Pinselwasser, wenn Kinder mit Wasserfarben malen, und bringt die Erd- und Ockertöne der Häuser erst so richtig zum Leuchten. Von Hochwasserschäden keine Spur.

          Nachdem wir eine knappe Stunde unser Airbnb gesucht haben, weil Google Maps am filigranen Labyrinth dieser Stadt scheitert – dabei hätte man auf direktem Weg vom Vaporetto-Anleger gerade mal fünf Minuten gebraucht –, führen die Mädchen mich auf dem direkten Weg zum Markusplatz. Unterwegs stoßen sie aufgeregte kleine Schreie aus wie hungrige Jungvögel: „Hier waren wir!“ „Dort haben wir gesessen!“ „Da haben wir ein Foto gemacht!“

          Drei Dinge, die wir klug geplant haben: Erstens: Unsere Wohnung liegt nur ein paar Schritte vom Fischmarkt und von der Rialto-Brücke entfernt. Sowohl in den nördlichen Stadtteil Cannaregio mit dem ehemaligen jüdischen Getto als auch in das Studentenviertel Dorsoduro gelangt man schnell zu Fuß. Zweitens: Unabhängig von der Tatsache, dass wir Glück mit dem Wetter haben, erweist sich der frühe Februar – noch vor dem Karneval und, wie sich später herausstellt, vor der Corona-Pandemie, was aber natürlich nicht planbar war – als hervorragende Reisezeit. Nirgendwo muss man Tickets im Voraus buchen, Absperrgitter, die sonst den Strom der Besucher lenken, stehen nutzlos herum. Selbst auf den touristischen Hauptachsen steckt man nicht, von den Massen genervt, im Stau. Drittens: Wir sind eine knappe Woche in der Stadt. Für den Fall, dass die Interessen so weit auseinanderlaufen, dass es schwer würde, sich auf ein Programm zu einigen, sollte es keinen Zeitdruck geben. Weder wollte ich in Stress geraten noch die Jugendlichen mit meinen Ansprüchen drangsalieren. Alles andere wäre Streit mit Ansage.

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