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Urlaub mit Kindern : Mit aller Kraft voraus

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Unvergesslicher Mehrgenerationenausflug: Mit der Draisine durchs Extertal Bild: Alex Westhoff

Sich einfach mal lenken lassen und dabei immer schön strampeln: Familienausflug mit der Draisine nach Alverdissen und Rinteln-Süd

          3 Min.

          Nicht nur dass der Kindheitstraum vom Lokomotivführer auflebt, nein, mit das Schönste und, ja, Faszinierendste am Draisinefahren ist: Man hält einen Lenker und muss nicht lenken. Diese herrliche Abwesenheit von Navigation gibt es nicht mal als Fußgänger, sondern nur auf Schienen. Die Hände sind tatsächlich auf einen starren Fahrradlenker gestützt.

          Strampeln muss man freilich schon. Aber man sitzt so hoch über der Schiene und ein Stück weit auch über den Dingen, dass Körper und Geist direkt in einen Modus des höchsten Vergnügens geraten. Wenn Vater und Sohn auf den Außenposten des Gefährts thronen und in die Pedalen treten, während Opa und der andere Enkel in der Mitte auf einer hölzernen Bank sitzen. Wenn das Stahlross anfängt zu rappeln, rattern, ruckeln und Gespräche nur noch mit erhobener Stimme möglich sind. Wenn die erste Ampel erreicht ist und die Autos auf der von der Schiene gequerten Straße tatsächlich stehen bleiben müssen, weil eine Draisine vorbeizuckelt. Das vor uns gestartete holländische Senioren-Quartett ward jedenfalls nicht mehr gesehen. Die Niederlande sind eine Radsportnation, müssen wir neidlos anerkennen. Und das Extertal liegt wie eine tiefgrüne Bilderbuchlandschaft vor uns. Wie geschaffen für eine Draisinentour.

          Abtauchen: Im Freibad in Alverdissen
          Abtauchen: Im Freibad in Alverdissen : Bild: Alex Westhoff

          Die Schienen, 1927 verlegt, werden seit 2007 fast ausschließlich von Draisinen befahren.Die eingleisige Strecke führt an Feldern, Wiesen und Wäldern entlang, kleinen Orten, und einige Male geht es fast mitten durch Gehöfte, die aus Bullerbü entstammen könnten. Bussard und Rotmilan ziehen ihre Kreise am Himmel, ein Reiher erhebt sich schwerfällig in die Luft. Das Flüsschen Exter bleibt ein treuer Begleiter. Der Blick fällt auf Forellenteiche, Pferdekoppeln, Kuhwiesen und sogar eine Suhle für drei fidele Schweine.

          Mit vier Beinstärken voran

          Herzallerliebst, wie Reinhard Viets („verstellen Sie keine Weichen“, „es gilt die Straßenverkehrsordnung“) uns für den nur für den Draisinenbetrieb genutzten Bahnhof Rinteln-Süd auf die Tagesreise schickt. 30 Gefährte stehen dort im Depot, eine davon mit einer speziellen Ausstattung, sodass ein Rollstuhlfahrer Platz hat. Gestartet wird vormittags, ab 14 Uhr müssen alle Draisinen kehrtmachen (eingleisige Strecke!) und bis 17 Uhr wieder am Rintelner Ausgangspunkt sein. Der freundliche Herr Viets händigt noch einen Gutschein für vier Mal freien Eintritt für das an der Endstation gelegenen Freibad in Alverdissen aus. Die Zwei-Länder-Tour auf Schiene führt aus Niedersachsen hinüber ins Lipperland in Nordrhein-Westfalen. 18,1 Kilometer je Strecke. Dass auf der Hinfahrt 250 Höhenmeter zu bewältigen sind, sieht man den sanften Anstiegen nicht an, spürt man aber trotz Siebengangschaltung in den Oberschenkeln. Die Anwesenheit eines kleinen Akkus, der E-Unterstützung einspeist und die maximal 4 BS (Beinstärken) zusätzlich ertüchtigt, wird trotzdem dankend angenommen. Hin und wieder gilt es, mal kurz ein Bein hochzunehmen, wenn wieder ein Brennnesselzweig auf die Schiene ragt.

          Zum Glück darf jeder mal Schrankenwärter sein.
          Zum Glück darf jeder mal Schrankenwärter sein. : Bild: Alex Westhoff

          In Bösingfeld geht es mitten durch einen richtigen Bahnhof, in dem museale Waggons stehen. Jeden ersten Sonntag im Monat heißt es dort für die Draisinen-Piloten: absitzen. Und umsteigen in die Museumsbahn, die, von Liebhabern gehegt, dann die Schiene für sich allein beansprucht.

          Infantile Schrankenwärter

          Sonst gibt es tatsächlich eine durchgehend grüne Welle für Draisinen. Wenn man nur langsam genug über denn Kontaktpunkt fährt, springen die Ampeln auf Grün, ohne dass man anhalten muss. Die Kinder streiten sich, wer Schrankenwärter sein darf. Gut, dass es noch eine Rückfahrt gibt und jeder einmal den einsamen Schlagbaum eigenhändig hochdrücken kann.

          Doch vor der Rückfahrt steht noch ein Sprung ins blaue Freibadwasser. Mit einem sogenannten Aushebewagen lässt sich das Stahlross in Alverdissen leicht aus der Schiene heben und parken. Die dortige „Batze“ – ein herrlich westfälisches Wort – liegt nur ein paar Schritte entfernt. Der Bademeister erkennt die Draisinen-Gäste schon von weitem – an ihrem breiten Gang nach zwei Stunden im Sattel? Das Bad ist gleichermaßen gepflegt wie pittoresk, die Sprungshow der Kinder von Einer und Dreier beginnt im Nu. Und die Pommes – sonst ist entlang der Strecke coronabedingt kaum Gastronomie verblieben – schmecken superb. Dieser feine niedersächsisch-ostwestfälischen Familien-Triathlon könnte jedenfalls zur Tradition werden: mit der Draisine nach Alverdissen, dort schwimmen, und mit der Draisine zurück nach Rinteln-Süd.

          Bild: FAZ-Karte sjs.

          Der Weg zur Draisine

          Der Startbahnhof befindet sich auf der Extertalstraße 35 in Rinteln. Gestartet wird zwischen 9 und 11.30 Uhr, die Rückkehr muss bis spätestens 17 Uhr erfolgen. Es gibt etliche hübsche Picknickplätze entlang der Strecke. Die Tagesfahrt mit einer Draisine (max. 4 Personen) kostet 75 Euro.

          Der Deutsche Draisinen-Verband listet im Netz unter www.deutscher-draisinen-verband.de weitere Strecken auf. Die beliebte Draisinen-Strecke ab dem brandenburgischen Templin ist in diesem Jahr eingestellt worden.

          Weite Informationen und Buchung (für die Wochenenden ist frühzeitige Reservierung geboten) unter Telefon: 0 57 51/40 39 88 und www.draisine.de

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