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Jersey : Fitness für die Auster

Zwischen Wasser und Felsen: Der Leuchtturm von La Corbière ist ein Wahrzeichen der Insel. Bild: Andrea Diener

Auf der Kanalinsel Jersey, kulturell zwischen England und Frankreich gelegen, schätzt man Kuh und Auster, nicht so sehr Äpfel. Ein Besuch auf knapp 120 Quadratkilometern englischer Countryside-Gemütlichkeit.

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          Um die Kühe kommt man nicht herum. Schon am Flughafen weist den Reisenden an zentraler Stelle ein Wandgemälde auf das Jahr der Jersey-Kuh hin, das auf Jersey offenbar im Jahr 2001 gefeiert wurde. Man kann sich kaum vorstellen, dass man die Jersey-Kuh auf Jersey noch mehr feiern kann, als sie ohnehin schon in normalen Jahren gefeiert wird, denn sie ist allgegenwärtig. Mitten in der Fußgängerzone steht eine Herde Bronzekühe und lässt sich duldsam von begeisterten Kindern beklettern. Seit Jahrzehnten bevölkern sie in allen Varianten – Plüsch, Porzellan, auf irgendwas draufgedruckt – die Souvenirläden. Und überall auf der Insel stehen sie muhend und wiederkäuend auf den Weiden. Die Jersey-Kühe waren einst der Exportschlager der kleinen Kanalinsel, zusammen mit dem Cider, der in unfassbaren Mengen nach England floss. Der Ciderstrom ist inzwischen zum Erliegen gekommen, aber das Geschäft mit den Kühen läuft immer noch ganz gut. Weltweit, so erfahren wir von stolzen kuhbewussten Einwohnern, liegt die Jersey-Kuh in ihrer Verbreitung auf dem zweiten Platz, gleich hinter dem Holsteinischen Fleckvieh. Und das, obwohl sie deutlich weniger Milch gibt. Aber was für welche!

          Andrea Diener
          Korrespondentin im Main-Taunus-Kreis

          Zum Glück ist Jersey als Insel von sehr viel Strand umgeben, und wo Strand ist, ist die nächste Eisbude nicht weit. An den Eisbuden kann man sich nämlich davon überzeugen, dass das Gewese um die Jersey-Kuh respektive ihre Milch nicht so ganz aus der Luft gegriffen ist. Um sich an die volle sahnige Cremigkeit des Jerseykuhmilcheises heranzutasten, beginnt man am besten mit einer geschmacklich neutraleren Sorte wie Vanille und arbeitet sich dann erst Richtung Meersalzkaramell voran. So oder so: Nach dem ersten Bällchen hat man es verstanden. Das, was aus der Jersey-Kuh herauskommt, ist näher an der Sahne als an der Milch und verleidet einem für Wochen den heimischen Eissalon.

          Das Land gehört der Krone

          Kulturell liegt Jersey irgendwo zwischen Frankreich und England, geographisch allerdings ziemlich nah an der Normandie und ziemlich weit weg von allem anderen, außer der Schwesterinsel Guernsey vielleicht. Nachts kann man die Lichter der französischen Küste sehen und die Leuchttürme, die vom Festland herüberblinken, tagsüber meistens auch ein Stück Land in grauer Ferne, wenn das Wetter klar ist. Heute gehört Jersey direkt der englischen Krone, das heißt, es gehört nicht zu Großbritannien, gehörte nie offiziell zur EU – auch wenn andere Länder, unter anderem Deutschland, da anderer Meinung waren – und macht sowieso meistens sein eigenes Ding. Wer Sehnsucht nach Großbritannien hat, aber nicht dauernd über den Brexit reden will, ist hier richtig.

          Eine neue Milchlieferantin: Jersey-Kälbchen auf der Woodlands Farm.
          Eine neue Milchlieferantin: Jersey-Kälbchen auf der Woodlands Farm. : Bild: Andrea Diener

          Zwar besetzten die Deutschen die Insel im Zweiten Weltkrieg und gruben haufenweise sinnlose Tunnel, zwar fielen zwischendurch mal Franzosen ein und beanspruchten die Insel für sich, doch vergebens: Jersey gehört der Krone, also der Queen. Es hält sich eine Bürgerwehr mit Rechtsgewalt, gab sich eigene Gesetze und ein eigenes Steuersystem. Weil die Steuern niedrig sind, lebt man prima von der Finanzwirtschaft, die sich hier niedergelassen hat, und von den Touristen. Die strategische Position im Ärmelkanal, die ab und zu mit dem Bau von Befestigungsanlagen einherging, erduldete man stoisch.

          Dreihundert Meter schafften die Besatzer

          Heute kümmert sich eine ganze Armee Freiwilliger um die Anlagen und ihre Erhaltung. Sie kartographieren die Betonbunker, über die man vor allem am Ufer alle drei Meter stolpert, und hüten jede Handgranate und jeden Bleistift mit der dem Engländer ureigenen Faszination für alles, was ein Hakenkreuz hat. Und mit großer Begeisterung geben sie ihr Wissen weiter und lassen jeden, der eine Tour bucht, durch den Wehrturm aus napoleonischen Zeiten kriechen und durch den von eingeflogenen deutschen Bergbauexperten mühsam in den Granit gesprengten Tunnel. Dieser Tunnel – einer von 26 ursprünglich geplanten – sollte irgendwann einmal zum Hafen führen, aber der enorme Energieaufwand und die Mühsal der Arbeit standen einem eher geringen strategischen Nutzen gegenüber. Dreihundert Meter schafften die Besatzer, dann kam eine bröselige Sandader. Und dann, einen Monat nach der Sandader, kam D-Day. Heute lagert das örtliche Straßenverkehrsamt Schilder, Schablonen für Fahrbahnbeschriftung und anderen Plunder im Tunneleingang.

          Einer der vielen Bunker Jerseys, über die man am Strand ständig stolpert.
          Einer der vielen Bunker Jerseys, über die man am Strand ständig stolpert. : Bild: Andrea Diener

          Die Zugehörigkeit zum englischen Königshaus hielt die Bevölkerung nicht davon ab, bis etwa zur Jahrhundertwende Französisch zu sprechen und auf dem Land Jèrriais, eine Variante des Normannischen. Ab und zu kamen auch Sommergäste vom Festland, allerdings kaum Adel, es waren eher die Künstler, die hier Erholung suchten. Victor Hugo zumindest kam unfreiwillig, nachdem er unfreundliche Worte über die Obrigkeit verlor. Er mietete sich samt Familie in einem Haus am Strand ein, schwamm im Meer, wanderte und schaute sehnsüchtig nach Frankreich hinüber. Immerhin: Man sprach hier seine Sprache. Erst als sich viele pensionierte britische Offiziere der zwei Weltkriege in der Inselhauptstadt Saint Helier niederließen, setzte sich im zwanzigsten Jahrhundert das Englische als Hauptsprache durch.

          Kleintiere im Felsenwatt

          Man kann diese Offiziere gut verstehen. Jersey besteht aus knapp 120 Quadratkilometern englischer Countryside-Gemütlichkeit. Das Strandleben ist, im Gegensatz zu anderen englischen Seebädern, weitgehend trubelfrei, das Inselleben gemächlich. Die Anzahl der Einwohner ist ebenso überschaubar wie die der Touristen. Es gibt ein bisschen was zu besichtigen, aber nicht so viel, dass der Aufenthalt in Stress ausartet. Das Wetter ist sonnig und golfstromwarm, aber nicht zu heiß. Die Insel ist nicht zu flach und nicht zu gebirgig, und im Watt liegen haufenweise malerisch zerklüftete Brocken, was selten und besonders ist und dieses Felsenwatt schutzbedürftig macht. Hier leben ganz andere Meeresbewohner als im normalen, platten Watt, das man von der Nordsee kennt.

          Diese gut trainierten Austern haben ihr behagliches Leben hinter sich und landen womöglich im nahegelegenen Pub auf dem Teller.
          Diese gut trainierten Austern haben ihr behagliches Leben hinter sich und landen womöglich im nahegelegenen Pub auf dem Teller. : Bild: Andrea Diener

          Was genau im Felsenwatt lebt, das weiß niemand besser als Trudie, eine Deutsche, die hier hängen geblieben ist, als sie den Auftrag hatte, einen Reiseführer zu schreiben. Zusammen mit ihrem Mann Derek – er ist der Grund für das Hängenbleiben auf der Insel – bietet sie nun verschiedene Touren an, und wenn es nicht so windig wäre, könnten wir mit den beiden auch im Kajak unterwegs sein. So stapfen wir ihr spätabends in geliehenen Gummistiefeln hinterher, und zu allem Überfluss ist es auch noch stockduster. Wir treten auf dem nassen Sand herum, dann wieder plätschert es unter den Sohlen. Kein rettender Mond leuchtet den Weg, und die Lichter der Küstenstraße am Südostzipfel der Insel verschwinden langsam in der Ferne. Was um Himmels willen machen wir hier?

          Dann fängt Derek an, mit den Füßen zu scharren. Und siehe da, sein Gummistiefel hinterlässt im Schlick eine Leuchtspur. Das sind Ringelwürmer, erklärt er uns, die sich gestört fühlen und eventuelle Fressgegner mit ihrem Aufleuchten verwirren. So zumindest vermutet man. Diese interessanten Kleintiere, auf der Hand kaum einen halben Zentimeter lang, kennen aber noch einen zweiten Modus. Im Wasser nämlich sind sie auf Partnersuche, und wenn die Horde Spaziergänger durch die Priele stapft, geben sie einem potentiellen Ringelwurmpartner aufgeregte Blinkzeichen. Etwa zehn Sekunden leuchtet oder blinkt so ein Würmchen, dann muss es seine Batterien wieder aufladen. Interessanterweise kennt das Phänomen kaum jemand, auf Jersey sind es nur ein paar Fischer, erzählt Derek. Erst in einem Wurmforum im Internet – ja, so etwas gibt es – fand er Beifall und Bestätigung für seine Entdeckung: Caulleriella bioculata heißt das Lebewesen, und dass es ganzjährig in Jersey zu finden ist, ist eine Besonderheit.

          Trainierte Austern sind gesunde Austern

          Aber auch tagsüber lohnt ein Spaziergang durchs Watt, zum Beispiel zum alten Wehrturm Seymour Tower hinüber. Trudie erklärt uns auf dem Weg dorthin den Unterschied zwischen Blasentang, Sägetang und Kelp und was man damit alles anstellen kann, Fisch drin einwickeln und garen zum Beispiel. Erstaunlich viele dieser Felswatt-Lebewesen sind für irgendetwas gut, aber das meiste ist entweder vergessen oder noch weitgehend unerforscht. Derzeit sind es nur Pioniere wie Trudie, die um die Verwertbarkeit der Wattbewohner wissen. Noch im vergangenen Jahrhundert wurde der Seetang massenhaft gesammelt, um den kargen Boden zu düngen. Zwischen den Felsen hindurch entwickelte sich ein ausgeklügeltes Netz an „Seetang-Highways“, gerade breit genug, einen Pferdewagen hindurchzulassen. Damals war es bittere Notwendigkeit, dem Boden ein paar sättigende Ackerfrüchte abzutrotzen, heute gelten die Jersey-Kartoffeln auf ihren steilen, dem Meer zugewandten Feldern als Delikatesse.

          Sägetang oder Kelp? Trudie kennt sich aus mit den Wattbewohnern.
          Sägetang oder Kelp? Trudie kennt sich aus mit den Wattbewohnern. : Bild: Andrea Diener

          Weit herumgesprochen hat sich hingegen die Verzehrbarkeit der Auster, und so liegen sie säckeweise auf Gestellen herum, die Schalen fest geschlossen, und warten auf die nächste Flut. Jersey hat äußerst starke Gezeiten, der Unterschied zwischen Ebbe und Flut ist enorm. Entweder ist das Wasser sehr weit weg, oder es ist sehr anwesend, und dazwischen beeilt es sich ziemlich, von hier nach dort zu gelangen. Auch deshalb sollte man den Gezeitenkalender genau im Kopf haben oder sich nur mit lokalem Guide auf die Wanderung durchs Watt begeben. Für die Austern hingegen sind das Idealbedingungen. Kräftige Gezeiten trainieren den Schließmuskel der Muscheln, und auch wenn das seltsam klingen mag: Trainierte Austern sind gesunde Austern sind gute Austern.

          Im The Seymour Inn, einem auf den ersten Blick unscheinbaren Pub am Südostzipfel der Insel, überprüfen wir, was die lokale Auster nach ihrem jahrelangen Training so kann. Wer mag, probiert die rohe Version mit Vinaigrette, ansonsten gibt es sie auch gegrillt oder überbacken, gerne rustikal zum lokalen Bier, wir sind hier zwar gerade so, aber eben doch nicht in Frankreich. Wem die rohen Muscheln sonst gerne mal einen Hauch zu gammelig schmecken, der sollte der Sache noch mal eine Chance geben. Jersey-Austern schmecken vor allem frisch, nach Meer und Salz und Brandung.

          Rettet die Kuhschnauzenäpfel!

          Bei aller Begeisterung für die lokalen Erzeugnisse – inzwischen gehören auch Wein und Tee dazu –, was wurde denn nun aus dem Jersey-Cider? Nicht viel, sagt Vincent Obbard, der Herr auf ­Samarès Manor. Vincent hat aus einem wenig ertragreichen landwirtschaftlichen Anwesen eine der Hauptattraktionen der Insel gemacht, einen botanischen Garten mit Arboretum, Kräutergarten und Dschungelpfad, Spielplätzen, einer ganzen Sammlung von Kutschen und landwirtschaftlichen Geräten sowie Café und Shop. Man kann hin und wieder auch Teile des Haupthauses besichtigen, in dem sich der Seigneur, so sein offizieller Titel, mit Gattin Gillie in eine kleine private Wohnung zurückgezogen hat. Seine Mutter, Lady Elizabeth, lebte noch das bunte Leben einer abenteuerlustigen Landadeligen, wenn auch nur einer angeheirateten, mit Reisen und Dinnerpartys im Salon. Sie hielt das Anwesen und sich selbst aufrecht, solange es ging. Und war noch in hohem Alter dabei, als ihr Sohn den Garten für die Öffentlichkeit zugänglich machte.

          Retter der Äpfel: Seigneur Vincent Obbard in seinem Garten bei Samarès Manor.
          Retter der Äpfel: Seigneur Vincent Obbard in seinem Garten bei Samarès Manor. : Bild: Andrea Diener

          Eines von Vincents zahlreichen Hobbys ist die Zucht alter Apfelsorten, die einst überall auf Jersey wuchsen. Er zeigt uns den Nachwuchs im Küchengarten, frisch gepfropfte Schösslinge. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts habe Jersey pro Jahr 500.000 Gallonen Cider nach Großbritannien exportiert, sagt er, das entspricht etwa 900.000 Litern. Das klingt viel, allerdings tranken die Inselbewohner dazu noch eine Million Gallonen selbst. Die Äpfel kamen von Bäumen dieser alten Sorten, zum Beispiel der nach der Kuhschnauze benannte Museau-de-Boeuf, und es gab so viele dieser Bäume, dass man anfangen musste, Getreide zu importieren.

          Heute gibt es nur noch wenige der alten Apfelbäume, und vielleicht wären einige Sorten längst ausgestorben, wenn Seigneur Vincent sie nicht so fleißig anpflanzen und nachzüchten würde. Abnehmer hat er allerdings keine für die Äpfel. Eine Streuobstwiesenkultur mit gemischten Sorten, wie sie beim Frankfurter Apfelwein üblich ist und hilft, diese Landschaftsform zu erhalten, gibt es auf Jersey nicht. Es blutet einem das Herz, wenn Vincent die reifen Äpfel den Vögeln überlässt, während öde genormte Importware die einzige Cider-Kelterei versorgt. Mögen die Bewohner Jerseys eines Tages wieder auf den Geschmack der apfeligen Vielfalt kommen, es sei ihnen und den Kuhschnauzenäpfeln gegönnt. Bis dahin aber bleiben ihnen und uns die Milch und die Austern, und das ist schon eine ganze Menge.

          Die älteste Festung der Insel: Mont Orgueil Castle über der Hafenstadt Gorey.
          Die älteste Festung der Insel: Mont Orgueil Castle über der Hafenstadt Gorey. : Bild: Andrea Diener

          Kühe, Austern, Äpfel

          Anreise: Derzeit nur mit British Airways über London mit doppelter Einreiseformalität. Von Mai 2022 an gibt es komfortablere Direktverbindungen mit Lufthansa ab München und mit Eurowings ab Düsseldorf.

          Aktivitäten: Wandern und Paddeln mit Trudie und Derek, Informationen unter jerseywalkadventures.co.uk. Touren durch die Bunker, Tunnel und Wehrtürme bei Jersey War Tours bieten www.jerseybunkertours.com. Vincents Garten ist täglich von 9.30 bis 16.30 Uhr geöffnet: www.samaresmanor.com. Eine Kuhfarm mit Hofladen, Café und hervorragendem Jerseykuhmilcheis ist die Woodlands Farm: www.woodlandsfarmjersey.com.

          Allgemeine Informationen unter www.jersey.com/de.

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