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Unterwegs in Transnistrien : Good Morning, Lenin

  • -Aktualisiert am

Tiraspol, die Hauptstadt Transnistriens: Vor dem gewaltigen Palast der Republik wacht Revolutionsführer Lenin mit wehendem Mantel auf einer Stele. Bild: Zeitenspiegel/Eric Vazzoler

Einer der seltsamsten Orte der Welt: Den Staat Transnistrien gibt es offiziell auf keiner Karte. Dennoch hat das Land eine eigene Fahne, eigene Autokennzeichen - und einen Touristenführer.

          6 Min.

          Als Andrei Smolensky aus seinem schwarzen SUV steigt, erinnert er mehr an einen Bodygard als an einen Touristenführer: Sonnenbrille, militärischer Kurzhaarschnitt, muskulöser Oberkörper unter einem engen Hemd, kurze Jeansshorts, die Tasche geschultert, die Beine gestreckt. Smolensky signalisiert: Ich bin bereit! „Willkommen in Transnistrien“, sagt Tourguide Smolensky in perfektem Deutsch zu seinen beiden deutschen Gästen. Der schwere russische Akzent wirkt eher wie ein willkürlich aufgesetztes Accessoire.

          Sechs Stunden lang wird der 33-Jährige die Besucher durch Transnistrien führen. „Sowjettour“ heißt die Route. Smolensky wird kein Denkmal auslassen. Warum Transnistrien? „Vor kurzem kam im Fernsehen ein Bericht über die zehn seltsamsten Orte der Welt. Da war Transnistrien dabei“, sagt einer der beiden Gäste aus Deutschland. „Vorher wussten wir gar nicht, dass es Transnistrien überhaupt gibt“, sagt seine Begleiterin.

          „Wo wir sind, ist Frieden“

          Erste Station: Der Friedenssoldat in Bender, zweitgrößte Stadt Transnistriens am Ufer des Dnister, kurz hinter der Grenze zur Republik Moldau. Eine Siedlung aus grauen Plattenbauten. Mittendrin thront auf einem Sockel ein Soldat aus Bronze, doppelt so groß wie Smolensky. Neben dem Krieger ist das Relief eines Jungen in den Sockel gemeißelt, unterm rechten Arm hält er einen Fußball, mit der linken Hand wirft er dem Soldaten ein Papierflugzeug zu. Der Soldat hält die Linke an sein Herz, in seiner Rechten ruht eine Taube. „Wo wir sind, ist Frieden“, liest Smolensky von einer Tafel ab. „Diese Statue ist den russischen Friedenssoldaten gewidmet. Ohne sie würde es Transnistrien nicht geben.“

          Ein ukraninisch-moldauischer Grenzkontrollpunkt mit Blick auf Transnistrien
          Ein ukraninisch-moldauischer Grenzkontrollpunkt mit Blick auf Transnistrien : Bild: Konrad Schuller

          Der Fremdenführer steht mit stählernem Kreuz vor dem Soldaten, zupft sein Hemd zurecht. Die Brust weit gewölbt, holt Smolensky zu einer längeren Erklärung aus: Als die UdSSR 1990 zerfiel, forderte ein Teil der Bewohner von Moldau, mehrheitlich Russen und Ukrainer, einen eigenen Staat. Der Konflikt eskalierte in einen sechswöchigen Bürgerkrieg, der mehr als tausend Tote forderte. So entstand Transnistrien, östlich des Flusses Dnister. 200 Kilometer lang, an manchen Stellen nur zehn Kilometer breit.

          Zweite Station: das Kulturhaus von Bender, ein Paradebeispiel sowjetischer Architektur. Ein massiver Bau in hellbraunem Klinker mit langen Fenstern, flankiert von zwei weiteren Betonklötzen. Auf der Fassade das Bild eines Mädchens in weißer Bluse und rotem Rock, ein Junge spielt Blockflöte. Im Hintergrund die transnistrische Flagge: rot, grün, rot, Hammer und Sichel. „Das ist weltweit einzigartig“, sagt Smolensky mit Stolz. Jede Woche treffen sich hier Politiker der Republik Moldau und Transnistriens zu den Fünf-plus-zwei-Verhandlungen.

          Später sitzt Smolensky hinterm Lenkrad und erzählt von Büchern und Autoren. Seine Leidenschaft gilt der Literatur, vor allem aber der deutschen Sprache. In den Schulferien übersetzte er alle Bücher, die ihm seine Lehrerin für die Sommerferien mitgab. Während andere Kinder im Hof oder im Stadion spielten, trichterte sich der kleine Smolensky Deutsch ein. Von der Aufnahmeprüfung zur Universität war er in Deutsch schriftlich befreit, weil er im Deutschaufsatz den zweiten Platz des nationalen Wettbewerbs belegt hatte.

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