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Unterwegs im Appenzell : Das ewige Rätsel der Kräutersulz

  • -Aktualisiert am

Ein Kanton und eine Marke: Appenzell und sein Käse Bild: Volker Mehnert

Kein Kanton in der Schweiz ist konservativer als Appenzell. Doch ausgerechnet in kulinarischen Dingen geht man in der Heimat des berühmtesten eidgenössischen Käses ganz neue Wege - und reibt sogar die Kühe mit Bierhefe ein.

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          Eine Kuh wollen wir uns in diesem Sommer mieten. Besonders sympathisch erscheint uns Bernadette, die wir im vergangenen Jahr bei einem Besuch auf der Seealp im Appenzellerland kennengelernt haben. Wenn sie schon ausgebucht sein sollte, würden wir aber auch auf Paula, Selma oder Cindy ausweichen. Für dreihundertneunzig Franken gehört sie uns dann für eine ganze Sommersaison. Wir können sie auf ihrer Wiese am Fuß des Säntis-Massivs jederzeit besuchen und dürfen sie eigenhändig mit hoffentlich nicht allzu dilettantischen Melkversuchen belästigen.

          Eine Übernachtung mit Bauernfrühstück in der Alphütte ist ebenso inbegriffen wie ein reduzierter Preis für drei bis zehn große Laibe von dem Käse, der in der Seealp-Käserei von Hand hergestellt wird. Dieses kuriose Geschäft mit der Kuh mag wie eine touristische Extravaganz aussehen, unterstützt aber vor allem den Bauern Breitenmoser beim Unterhalt seiner immer schwieriger werdenden Appenzeller Alpwirtschaft.

          Secklmeischte verwaltet das Budget

          Die Bauern und Bürger der beiden kleinsten Schweizer Kantone, Appenzell-Innerrhoden und Appenzell-Außerrhoden, sind auf den ersten Blick schweizerischer als die restlichen Schweizer, und sie gelten auch innerhalb des Landes als besonders konservativ und eigensinnig. Das ist so ganz abwegig nicht. Schließlich besitzen die Frauen in Innerrhoden erst seit 1991 das Wahlrecht, und die politischen Entscheidungen werden dort nach wie vor durch die Landsgemeinde bestimmt - eine jährliche Versammlung auf dem Marktplatz der Gemeinde Appenzell, die schon seit dem Jahr 1403 stattfindet.

          Unter freiem Himmel und bei jedem Wetter stimmen dort die Bürger und inzwischen auch die Bürgerinnen über die Zukunft ihres Kantons ab. Jeder muss sich durch Handheben vor aller Augen zu seinen Entscheidungen bekennen. Secklmeischte, Statthalter, Landshopme und Landsfehnrich sind die traditionellen und weiterhin gültigen Titel jener Herren, die für Finanzen, Soziales, Landwirtschaft und Justiz zuständig sind und dem Willen des versammelten Wahlvolks zu folgen haben. Fotos in der Lobby des Hotels Säntis zeigen die Zusammenkünfte aus den Jahren 1888 und 2003, und trotz der enormen Zeitdifferenz sind sie frappierend ähnlich: Das Fachwerk und die Fassadenbemalung der Häuser am Platz sind identisch, die Wappen und Fahnen, der Brunnen und sogar die unvermeidliche Linde haben sich praktisch nicht verändert. Auch der in ihren Trachten versammelten Menschenmenge merkt man nicht an, dass mehr als ein Jahrhundert vergangen ist.

          Mit dem Bähnli in den „Kuhfladen“

          Keine Schweizer Region gibt sich auch im Alltag traditionalistischer als das Appenzellerland - mit dem vielstimmigen, wortlosen Rugguusseli-Gesang, dem Jodeln, den Trachten, dem alljährlichen Alpaufzug und einem eigenen Eisenbähnli, das vom Weiler Gossau aus mitten hineinfährt in den „Kuhfladen“. So nennt man im benachbarten Kanton St. Gallen liebevoll abfällig den Kanton Appenzell-Innerrhoden, der sich auf der Landkarte in der Tat wie ein Fladen ausbreitet. Der Schienenstrang des Bähnchens endet mitten im Kuhfladen abrupt in einer Sackgasse - unmittelbar vor dem steilen Aufstieg zur Seealp und zum Säntis. Die Versuchung, ihn bis zum Gipfel des zweieinhalbtausend Meter hohen Berges zu verlängern, war natürlich vorhanden, allein es fehlte das Geld. Das hat den touristischen Aufschwung der Region gebremst, so dass ihr urschweizerischer Charakter lange wenig fremden Einflüssen ausgesetzt war.

          Die Traditionen aber sind weder verkrustet noch folkloristisch verflacht, sondern lebendig und jugendlich inspiriert. Der kleine Junge, der das Hackbrett, ein altes alpines Musikinstrument, spielt, ist mit ebenso großer Begeisterung bei der Sache wie die jugendlichen Sänger bei Volksfesten und die Tänzer aller Altersgruppen bei den sommerlichen Tanzveranstaltungen auf der Alp, bei denen Tracht und traditionelle Musik eine Selbstverständlichkeit sind. Wenn es darum geht, ihre Brauchtümer zu erhalten, erweisen sich die Appenzeller inzwischen sogar als besonders erfinderisch und gewitzt.

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