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Brasilien : Das Prinzesschen des Meeres

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Der berühmteste Strand der Welt ist auch der Arbeitsplatz von Fischern, Netzflickern und ambulanten Händlern. Bild: Vieira, André

Ein Spaziergang an der Copacabana, die kein Catwalk ist und auch kein Strand für Touristen - sondern ein bunter Alltagskarneval.

          Ich bin bereit. Aus der Hoteltür hinaus in den anschwellenden Vormittag. Über den breiten Boulevard an dem Typen vorbei, der wie immer in seinem Klappstuhl unter dem Seemandelbaum schläft. Im Sprint über die sieben Fahrbahnen der Avenida Atlântica, auf denen der Verkehr bis zehn Uhr nur nach Norden braust. Danach wechselt meine Seite die Richtung, und es wird lebensgefährlich. Polizisten halten Autos aus den Seitenstraßen davon ab, in den Gegenverkehr zu biegen. Immer volles Risiko gehen, auch auf den letzten Drücker, das ist das Motto von Rios Autofahrern. Geschafft, ich bin drüben. Vor mir der Strand.

          Seit vielen Jahren komme ich immer wieder zur Copacabana. Ich fühle mich gut hier. Princesinha do Mar, Meeresprinzesschen, nannte sie Tom Jobim, der große Komponist und Sänger. Sie ist mir vertraut wie eine alte Freundin, bei jedem Wiedersehen dieselbe Liebe, nur ein paar neue Linien im Antlitz. Die breite Promenade, das Wellenmeer aus schwarzem und weißem Granit mit dem großzügigen Radweg daneben, für den man den Autos eine Spur abrang. Ganz am Südrand nahe Ipanema die Bronzestatue von Dorival Caymmi, dem Doyen der brasilianischen Populärmusik. Gleich dahinter die Peixaria Z13 der Colônia dos Pescadores, versteckt unter dem dichten Blätterdach der Bäume. Der alteingesessene Fischmarkt mit den beiden Tresen, an dem es morgens streng nach dem Fang der frühen Stunden des Tages riecht. Die Netzflicker in zerschlissenen Shorts, ihre winzigen Boote am Wasser. Kann man sich einen untouristischeren Ort vorstellen an der Praia de Copacabana?

          Wie ein Hund erschnüffele ich mit den ersten Schritten mein altes Revier. Dann geht es weiter nach Norden. Nun noch das richtige Gehtempo finden, langsamer als Jogger und Radfahrer, schneller als die Schuhputzer, die nach Opfern schauen. Einer spritzt von hinten Obstsaft auf die Schuhe, der andere will sie wieder reinigen. Alles wie immer. Genau wie die Sicherheitstipps, die sie einem im Hotel geben: wenig Geld, keine Handtaschen und Schmuck, Handy, wenn es denn ohne nicht geht, in der Hose lassen.

          Ein absurder Ausflug in zeitgenössisches Design

          Vorbei am Posto 5, einem der sechs eingezäunten Wachttürme, die wie Schiffsschornsteine am Weg aufragen. Strandkontrolle, Duschen, Umkleide, Lebensrettung - mit einem Federstrich sollten sie der Copacabana die Aura von Sicherheit, Service und Hygiene verpassen. Ein großer Wurf zu kurz gelandet, die brasilianische Krankheit. Nach der WM 2014 kam der schnelle Verfall, jetzt ist nur noch die Hälfte in Betrieb. Doch Olympia steht vor der Tür. Da geht noch etwas. Im August sind wieder alle frisch angepinselt, bestimmt. Ich kaufe eine Kokosnuss mit Strohhalm in einem der Botequims da Praia, den Kiosken mit ihren heißen Snacks und kalten Getränken, für fünf Reais, gut einen Euro. Abgezockt wird hier niemand.

          Auf den berühmtesten Strand der Welt einzuprügeln, gehört zum Standardrepertoire der Öffentlichkeit. Kriminalität, Wucher, Dreck, Prostitution, die hässliche Skyline dahinter. Ich empfand den einheitlichen Fassadenriegel um die 4,1 Kilometer Sand immer eher als großen Rahmen. Ein Bollwerk, das über das Prinzesschen jenseits der breiten Avenida Atlântica wacht. Und hinter ihm das irrwitzige Panorama aus grünem Urwald und chaotisch sich die Berge hinauf stapelnden Favelas. Was für ein Kontrast! Früher konnte man nach zwanzig Uhr nicht mehr sicher vor die Tür. Direkt gegenüber meinem Kiosk mischten sich dann vor der Megadisco Help Prostituierte und Drogendealer unter die Touristen. Wer nicht aufpasste, hatte schnell Probleme.

          Heute ist der breite Boulevard vor den Apartmentblocks eine grundsolide Flaniermeile, die den Namen verdient, mit Palmen, immergrünen Seemandelbäumen und guter Beleuchtung, mit ein paar Läden und vielen Restaurants, in denen man für faires Geld erstklassige Fleischgerichte bekommt. Die Discothek wurde 2011 abgerissen und genau dort der Neubau des Museu da Imagem e do Som begonnen. Der ganz große architektonische Wurf sollte das Museum für Bild und Ton werden, inspiriert von den Schwüngen der Copacabana, eine Verbeugung vor den Cariocas, den Einwohnern Rios, ihren Komponisten, Sängern, Schauspielern. Und natürlich rechtzeitig fertig zur Olympiade. Davon ist man weit entfernt. Der brasilianische Staat ist fast pleite. Mehr als an einen Kulturtempel erinnert das unfertige, nach nordamerikanischem Entwurf errichtete Gebäude mit den schiefen Ebenen an ein Parkhaus - nach einem Erdbeben. Ein absurder Ausflug in zeitgenössisches Design.

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