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Griechenland : Wer hat Angst vorm hungrigen Wolf?

Europas wilder Südosten: Ponys und Pferde sind die authentischste Art und Weise, um den Vikos-Aoos-Nationalpark zu erkunden. Bild: Fabre/Le Figaro Magazine/laif

Adler, Geier, Bären und die tiefste Schlucht der Welt: Der Nationalpark Vikos-Aoos im Nordwesten Griechenlands überwältigt mit einer spektakulären Natur, die manchmal auch ihr blutiges Gesicht zeigt.

          Nachts können Autofahrer in den nordwestgriechischen Bergen gelegentlich unheimliche Begegnungen mit einer besonderen Art haben. Im Scheinwerferlicht taucht plötzlich eine Herde von Pferden auf. Kühe oder Schafe am Straßenrand, das kennt man ja. Aber Pferde? Halb blockieren sie die schmale Straße, halb grasen sie daneben. Neugierig blicken sie auf die Lichter und das dazugehörige Gefährt. Von Scheu keine Spur. Die schlanken Tiere sind ebenso schön, wie sie stolz und unabhängig wirken. Eine Rasse ist ihnen nicht anzusehen, manche sind grau gescheckt, manche bräunlich, andere schwarz. Und eines ist besonders auffällig: Ihre Mähnen scheinen gepflegt zu sein. Sie sind wohl ausgebrochen, denkt der unbedarfte Autofahrer - doch weit gefehlt: Hier in den Bergen unweit der albanischen Grenze lebt eine der letzten Herden von Wildpferden in Europa.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Ein paar Tage später sind wir rittlings auf ihren gezähmten Artgenossen unterwegs, um den Nationalpark von Vikos-Aoos zu erkunden. Plötzlich taucht ein schwarzes Fohlen auf, wohl keine acht Monate alt, und folgt uns unablässig. Es will sich uns offenbar anschließen, weil es von seiner Herde ausgestoßen wurde oder sie verloren hat. Doch Daphne Demos, die vierunddreißigjährige Besitzerin eines Reitstalls für Touristen und unsere Führerin bei diesem Ausritt, kann kein zusätzliches Pferd aufnehmen. Außerdem werden ihre Tiere unruhig. Also müssen Daphnes Helferinnen das Fohlen davonjagen - ein beklemmendes Gefühl, das sich aber legt, als wir später hören, unser armes, verstoßenes Fohlen habe bei anderen Wildpferden Aufnahme gefunden.

          Willkommen im Mittelalter

          Bei Griechenland denkt man an Meer, Strand, Inseln und Tempel. Dabei ist das Land auch ein lohnenswertes Ziel für Wanderer und Bergfreunde. Die Griechen selbst jedenfalls schätzen seit jeher ihre Gebirge und fliehen im Sommer vor den heißen Temperaturen in die Berge. Der Vikos-Aoos-Nationalpark in der nordwestgriechischen Provinz Epirus ist besonders gut für diese Flucht geeignet, da er auf luftigen Höhen von bis zu 2600 Metern liegt. Wer dramatische Schluchten, anmutige Felsketten und unberührte Wälder sucht, ist goldrichtig in dieser wilden Welt, in der der Mensch noch nicht Oberhand über die Natur gewonnen hat. Gerade einmal sechsundvierzig idyllische Bergdörfer mit mittelalterlichen Steinhäusern und schmalen Gassen voller schiefem Kopfsteinpflaster gibt es hier, versprengte Nester im Nirgendwo, die mit uralten Steinbogenbrücken, schmalen Serpentinenstraßen und krummen Eselspfaden verbunden sind.

          Der Schein trügt: Äußerlich scheint sich seit dem Mittelalter in Papingo kaum etwas verändert zu haben. In den Steinhäusern aber wartet moderner Komfort.

          Nach einer einstündigen Kurvenfahrt von der Provinzstadt Ioannina aus erreicht man das Bergdorf Papingo. Es ist ein beliebtes Urlaubsziel der Griechen - und im Ausland so gut wie unbekannt. Die Jahrhunderte scheinen hier kaum Spuren hinterlassen zu haben, das Ensemble der grauen Gebäude mit ihren Schieferdächern ist verblüffend gut erhalten. Seit dem Mittelalter bewahren die Bewohner das Ortsbild und halten die schöne Illusion aufrecht, dass hier alles ist, wie es immer war. Hinter den Mauern freilich wurde für die Gäste mächtig aufgerüstet. So sind die meisten Pensionen mit Flachbildschirmen und W-Lan ausgestattet. Dass dieser Ort doch nicht hinter allen Bergen liegt, wird uns spätestens beim Abendessen endgültig klar. Jeder spricht hier Englisch, und unser Kellner hat in Berlin Landwirtschaftsarchitektur studiert. An der Bar kann man außerdem den vierzigjährigen Alecos treffen, der nach eigenen Angaben einst einer der besten Paraglider Griechenlands war.

          Himmelsstürmer und Höllenfahrer

          So ist die Zeit in Papingo nur scheinbar stehengeblieben. Schon immer hat das Dorf Impulse von außen erhalten, und es hat die Außenwelt auch inspiriert. Ein Sohn des Dorfes zum Beispiel, der berühmte Michael Anagnos, war im 19. Jahrhundert einer der ersten Direktoren von Amerikas ältester Blindenschule. Bis heute verwalten die Bürger von Papingo einen Teil seines finanziellen Erbes, das er ihnen für Erziehungs- und Kulturprojekte überließ. So hat der Ort die Balance aus Bergdorf-Idyll und einem modernen, aber sanften Tourismus für Städter gefunden, die im Urlaub nicht jedem Komfort abschwören wollen. Hinter diesem Angebot stehen oft Griechen, die selbst aus der Stadt kommen und sich in den Bergen ein neues Leben aufgebaut haben - George Papaevangelou etwa, der früher in Athen Hubschrauber- und Flugzeugpilot in Diensten einer privaten Transportfirma war. Jetzt ist er Hotelmanager. Seit 1996 lebt der Zweiundfünfzigjährige glücklich und zufrieden in Papingo. Seine Frau arbeitet im Hotel mit, der Sohn studiert in Thessaloniki Ingenieurwesen, die jüngere Tochter geht noch auf die Schule im sechzig Kilometer entfernten Ioannina, wo sie unter der Woche auch wohnen muss - ganz ohne Kompromisse funktioniert das Leben am Ende der Welt dann doch nicht.

          Allerdings ist die Wirtschaftskrise selbst in Papingo nicht zu übersehen. Im vergangenen Jahrzehnt ergriff ein Renovierungsboom das Dorf, der die Zahl der Betten vervielfachte. Heute steht ein großer Teil leer, die Zimmerpreise sind deutlich gesunken. Doch die Familien halten zusammen, und irgendwie geht es immer weiter zwischen den alten Steinmauern von Papingo - zumal die Hauptattraktion der Gegend unvergänglich ist: die spektakuläre Natur. Wandertouren drängen sich hier geradezu auf. Für den exotischeren Geschmack sind Ausritte zu Pferd, Paragliding oder Flussfahrten in Schlauchbooten möglich. Und alles wird von der grandiosen Vikos-Schlucht überstrahlt. Sie ist nur tausend Meter eng, aber neunhundert Meter tief. Vor einigen Jahren kürte sie das Guinness-Buch der Rekorde zur tiefsten Schlucht der Welt, allerdings nicht wegen ihrer absoluten Tiefe, die viel geringer ist als etwa beim Grand Canyon, sondern aufgrund ihrer Tiefe im Vergleich zur geringen Breite. Man kann die Schlucht am Flussbett durchschreiten oder weit oben von verschiedenen Aussichtspunkte bestaunen. Und mit ein wenig Glück stößt man hier auf Adler, Geier, Bären und Wölfe.

          Plötzlich färbte sich der Schnee rot

          Auf einer Wandertour Wildpferden zu begegnen ist fast schon die Regel. Wenn man Abstand hält, lassen sie sich beim Grasen nicht stören. Ihre Vorfahren lebten nicht immer wild. Sie sind Nachfahren domestizierter Pferde, die Bauern und Schäfer in die Natur entließen, als sie nicht mehr von Landwirtschaft und Tierzucht leben konnten und in die Städte zogen. Das ist mehrere Jahrzehnte her. Die Pferde haben also nichts mit den Przewalski-Pferden zu tun, die als einzige reine Wildpferdart der Welt gelten. Die meisten der frei lebenden nordwestgriechischen Pferde sind aber in der Wildnis geboren und kennen kein anderes Leben. Das heißt nicht, dass sie den Menschen völlig fern bleiben. Es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass ein Trupp von Wildpferden bei einem Touristenausritt in rasender Geschwindigkeit vorbeigaloppiert. „Sie sind neugierig, oder sie wollen einfach nur ein Weibchen abschleppen“, sagt die Reitführerin Daphne.

          Endlose Weite und Schluchten tief wie Höllenschlunde: In Vikos-Aoos ist für jeden Naturgeschmack etwas dabei.

          Wenn es kalt wird, suchen die Wildpferde die Höhen auf. Warum, weiß niemand. Manchmal liegt der Schnee dort so hoch, dass sie sich kaum bewegen können und Lebensgefahr droht - nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Wölfe. Daphne hat einmal einen Angriff von weitem beobachtet. „Plötzlich färbte sich der Schnee rot“, erinnert sie sich. „Ein Wolf hatte ein Fohlen offenbar an der Halsschlagader erwischt, und die Meute machte sich schnell über ihre Beute her.“

          Aris kennt einige der Wildpferde, und sie kennen ihn. Der achtunddreißig Jahre alte Grieche führt ein Restaurant und ein Hotel in Papingo; seine Eltern, die bis vor kurzem einen Bauernhof bewirtschafteten, sitzen jetzt am Kachelofen und wärmen sich. Aris hatte in den neunziger Jahren ein Dutzend wilde Pferde gefangen und gezähmt, um sie als Transporttiere für den Bau einer Berghütte einzusetzen. Danach ließ er die Pferde wieder frei. Jetzt sind sie Teil der Nahrungskette. Die Ergebnisse einiger Wolfsangriffe hat er sogar fotografiert. Die aufgerissenen Kadaver sind wahrlich kein schöner Anblick. Einmal nähte er ein verletztes Tier selbst wieder zu, weil kein Tierarzt in das entlegene Papingo kommen wollte. Nach sechs Wochen Pflege entließ er es in die Freiheit. Doch die Wölfe kamen zurück, und so überlebte es nicht lange.

          Die grausamen Gesetze der Natur

          Die Natur mag manchmal brutal wirken, doch man kann das Leben im Nationalpark nicht auf diese Vorfälle reduzieren. Denn das hieße, der Schönheit der Gegend ebenso wenig gerecht zu werden wie dem natürlichen Lauf der Dinge in den griechischen Bergen. Nach Ansicht von Daphne werden jedes Jahr genauso viele Fohlen geboren, wie ältere Tiere sterben. In dem Nationalpark, der fast so groß ist wie Liechtenstein, gibt es Nahrung und Raum genug für alle, für die drei Dutzend Wildpferde ebenso wie für die Wölfe. Die Griechin mit blondem Haarschopf, Mutter von zwei kleinen Kindern, die in den Vereinigten Staaten Wildlife-Management studiert hat, hält nichts von einem sentimentalen Naturverständnis. „Ich gebe zu, ich liebe Wölfe“, sagt sie. Pferde liebt sie freilich genauso. In Papingo ist sie deshalb genau richtig und will auch nicht mehr weg von hier.

          In den Bergen Nordgriechenlands

          Unterkunft: In Papingo und seinem noch kleineren Nebendorf Mikro Papigo gibt es zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten. Für einen etwas höheren Standard bietet sich das Hotel Papaevangelou an (www.hotelpapaevangelou.gr, Tel.: 0030/26530/41135). Ein einfacheres und preisgünstigeres Angebot mit traditioneller griechischer Küche ist im Hotel Kalliopi zu finden (www.kalliopi-papigo.com, Telefon: 0030/26530/ 41081).

          Reitausflüge: Der Reitstall von Daphne Demos heißt White Pegasus und ist online unter www.white-pegasus.com oder telefonisch unter 0030/26530/42204 und 0030/697/7011275 zu erreichen.

          Informationen: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, Neue Mainzer Straße 22, 60311 Frankfurt, Telefon: 069/2578270, www.visitgreece.gr.

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