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Unsere Pappenheimer : Zweitausend halten die Stellung

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Wie ein Bild aus alten Zeiten: der Ort umschmiegt den Bergfried. Bild: Hartmut Hallek

Friedrich Schiller errichtete ihnen ein literarisches Denkmal, und der Volksmund machte sie zum geflügelten Wort. Besuch in Pappenheim.

          Sie haben Karriere weit über die Landesgrenzen hinaus gemacht. Den Franzosen zum Beispiel sind sie - „Je reconnais mes Pappenheimer“ - ebenso geläufig wie den Russen. Und die Schweden verstehen sofort, wovon man spricht, wenn man sie erwähnt: „Jäg känner mina pappenheimare.“ Dort stehen sie allerdings im Kontext der Tapferkeit. Jeder also kennt sie, allgegenwärtig macht sie das und löst sie zugleich in Luft auf.

          Möchte man es nämlich etwas genauer wissen, bleibt der Pappenheimer schnell auf der Strecke. Was macht er eigentlich - außer, dass er gekannt wird? Wie sieht er aus, und woher kommt er? Gibt es ihn überhaupt? Um im Bilde zu sein, bietet sich eine Reise nach Pappenheim an. Reihum wird diesem Vorhaben ungläubiges Staunen zuteil. „Pappenheim? Das existiert?“ Gerade so, als sei man auf dem Weg zu den Hobbits nach Mittelerde.

          Kirchturm und Fachwerkhäuser

          Wir entfliehen dieser Ahnungslosigkeit und fahren nach Mittelfranken. Südlich von Nürnberg steht an der Bundesstraße2 einige Kilometer südlich von Weißenburg der schlichte Wegweiser „Pappenheim 4 km“. Durch sprießendes Grün schlängelt sich fortan die kleine Straße Hügel hinauf und Hügel hinab, bis zu allerletzt die Natur ihren Vorhang aus Buchenblättern lüftet. Da liegt es nun, inmitten einer vollendeten Schleife der Altmühl zu Füßen trutziger Burganlagen mit Mauern und einem formidablen Bergfried. Ein Kirchturm mit buntem Ziegeldach ragt darunter empor, ein kleinerer und noch einer, schnucklige Fachwerkhäuser und stattliche aus Stein, eine respektable Dachlandschaft, drum herum Hügel, Felsen, Wald und Busch. Pappenheim gibt es. Schön sieht das alles aus, und auf der Straße stehen bereits einige Pappenheimer. Nein, doch nicht. Es sind Wanderer aus Gotha. Pappenheimer, werden wir lernen, sind eine rare Spezies.

          Selbst Gorbatschow aber kennt sie, sagt Hans Navratil. Ehrenbürger ist er schon zu Lebzeiten, Stadtarchivar und so etwas wie das Gedächtnis des Städtchens. Der zweiundneunzigjährige Herr kennt hier jeden Stein, jedes Haus, jede Urkunde, jeden. Und jeder ihn. Er weiß bestimmt so viel wie kein anderer über Pappenheim und sortiert dessen Lebenslauf akribisch im Archiv unterm Dach im kleegrünen Rathaus mit Blick auf Marktplatz und Maibaum. Aus der weltweiten Prominenz bekundeten demnach außerdem Helmut Kohl, Wladimir Putin, Gerhard Schröder, Franz Beckenbauer und noch viele mehr ihre Pappenheimer-Kenntnis öffentlich.

          Klassizismus und Renaissance

          Niemand ist sicher vertrauter mit ihnen als Ihre Erlaucht Gräfin Ursula zu Pappenheim. Mitten im Städtchen residiert sie im Neuen Schloss. Der für Pappenheim gewaltige Bau ist nach Plänen von Hofarchitekt Leo von Klenze errichtet worden und spricht die Sprache eines strengen Klassizismus. Samt Portikus im Mittelrisalit zeigt er dem Marktplatz seine kolossale Rückfront. Zwei feine Renaissancehäuser mussten für den Bau weichen, lang ist es her. Verwitterte Skulpturen der Vier Jahreszeiten schauen aus dem verschlungenen Grün des Hofgartens, das über dem Flüsschen wuchert, ein verwunschenes Dornröschenmotiv voller Melancholie. Der Zahn der Zeit nagte und nagt am Schloss. Derzeit wird saniert. Schon das Dach war eine knifflige, kostspielige Sache, jetzt ist die Hauptfront zur Altmühl von Gerüsten verstellt. Allein die Instandsetzung der Schlossfassade wird 1,8 Millionen Euro kosten, und die Arbeiten werden Pappenheim nach Vollendung vermutlich einen Glanz geben, wie es ihn lange nicht mehr gesehen hat.

          Ihre Erlaucht lebt umgeben von großer deutscher Geschichte und jener der Dynastie der Grafen zu Pappenheim, also ihrer persönlichen, all das ist hier verwoben. „Mir sind meine Ahnen ganz wichtig“, sagt sie. „Von 1009 bis 1806 stellten wir die Reichserbmarschälle.“ Sie sorgten für das Wohlergehen und die Sicherheit des Kaisers im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, hüteten die Reichsinsignien, setzten dem Kaiser bei der Krönung die Kaiserkrone aufs Haupt, organisierten Reichstage, ihnen fiel die Heerführerschaft zu. Nur dem Kaiser verpflichtet waren sie, eine sagenhafte Begünstigung neben anderen Privilegien und bedeutenden Einnahmequellen, erworben durch unbedingte Ergebenheit dem stets klammen Kaiser gegenüber, den sie mit ihrer Arbeit von vielen Sorgen und Kosten entlasteten.

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