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Patagonien : Unsere kleine Farm

Erinnerungsfoto nach Banküberfall: Sundance Kid (vorne links) und Butch Cassidy (vorne rechts) mit Gang. Bild: dapd

Am Fuß der argentinischen Anden steht die Hütte, in der sich einst Amerikas berühmteste Verbrecher versteckten: Butch Cassidy, Sundance Kid und Etta Place. Ein Besuch bei den Bankräubern zu Hause

          Eine Gegend für Cowboys. Milan sagte, es sehe aus wie zu Hause in Colorado. Sehr verdächtig. Denn wir waren hier ziemlich tief unten in Südamerika. Die Zweitausender der südlichen Andenketten erheben sich hinter El Bolsón, einem Ausflugsort mit deutschem Konditor, spanischer Paella und argentinischem Kaffee. Prächtig liegen dahinter die Alercen-Wälder, manche der Zypressen sind über siebzig Meter hoch und an die dreitausend Jahre alt. Plätschernde Bächlein, klare Seen und dazwischen weite Weidegründe. Milan schwang sich in den Sattel und sagte: „Ich zeige euch was: Hier haben mal Leute aus meinem Städtchen gewohnt, Telluride in Colorado.“ In der Gegend gab es viele Zuwanderer, Waliser, Kroaten, Schotten, Deutsche. Und eben auch ein paar Gringos. Seltsame Leute.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Sie hatten von einem neuen Leben geträumt: eine kleine Farm, etwas Land, einige Rinder und Pferde. Später vielleicht Kinder. Auf jeden Fall möglichst weit weg. So war es auch im Fall von Sundance und Etta. Butch, der Dritte im Bunde, wollte auch fort. Dass es gleich achttausend Kilometer werden würden, hatte seine Gründe, sagen wir: beruflicher Natur. Denn die drei waren ein gefragtes Promi-Trio. Butch Cassidy, sein Partner Sundance Kid und ihre „Wilde Bande“ waren die berüchtigsten Bank- und Zugräuber ihrer Zeit. Zwischen Nordamerikas Küsten gab es kaum ein Sheriff-Büro, in dem nicht ihre Bilder hingen: Wanted! Deshalb also nach Südamerika.

          Scharf geschossen wurde selten

          Begonnen hatte es in Telluride in Colorado. Milans Heimat. Der zwanzig Jahre alte Butch hatte dort als Minenhelfer und Cowboy gearbeitet. Später nahm der kräftige Mann an Pferderennen teil. Das schnelle Geld, das er verdiente, wurde in Amüsement investiert. Es machte Lust auf mehr, viel mehr.

          Gangsterversteck: Zu Besuch bei Butch Cassidy, Sundance Kid und Etta Place.

          Am Morgen des 24. Juni 1889 betrat Cassidy mit einem Komplizen die San Miguel Valley Bank in Telluride und raubte sie aus. Beute: rund ein halbe Million Dollar, nach heutigem Wert. Eine Messingtafel an der Colorado Avenue erinnert dort noch heute an den Überfall. Der Beginn einer großen Karriere, unsterblich geworden spätestens im Film „Zwei Banditen“ mit Paul Newman, Robert Redford und Katharine Ross von 1969.

          Butch und seine Männer, darunter bald auch Harry A. Longabaugh alias Sundance Kid, ritten wie die Teufel und planten ihre Überfälle mit Verstand. Scharf geschossen wurde selten. Wer ihnen Unterschlupf gewährte, den belohnten sie reich. Außerdem beraubten sie die reichen Banken. Das steigerte ihre Beliebtheit. Entscheidend für den Erfolg aber waren ihre schnellen Pferde für die Flucht. Den bestens trainierten Vollblütern konnte ein Reiter im Galopp ein Winchester-Gewehr zwischen die Ohren legen und abfeuern. Butch und seine Leute gaben für solche Fluchtpferde einen beträchtlichen Teil ihrer Beute aus. Schon damals war der Kampf zwischen Verbrechern und Polizei auch ein technologischer Wettstreit. Rund ein Dutzend Überfälle mit einer Beute von mehreren Millionen glückten ihnen auf diese Weise. Später bekamen auch die Sheriffs schnellere Pferde, die Züge wurden von schwer bewaffneten Agenten der privaten Sicherheitsfirma Pinkerton bewacht. Gemietete Revolverhelden stellten ihnen nach.

          Most Wanted

          Aber bis dahin lief es glänzend. Bald gehörten sie zu den meistgesuchten und bewunderten Gangstern ihrer Zeit. Auch Etta Place, eine junge Frau aus Colorado, hatte die Jungs gemocht, den einen, den anderen, beide. Sie war bei mehreren Überfällen dabei. Detektive von Pinkerton jagten auch nach ihr, wobei bis heute unklar ist, wen sie da eigentlich verfolgten: eine junge Frau aus einem Bordell in Wyoming oder die zweiundzwanzig Jahre alte Farmerstochter Ann Basset, die unter dem Alias Etta Place mit den beiden Desperados unterwegs war. Der Dichter Bruce Chatwin meinte, sie könnte auch eine schöne Lehrerin aus Denver gewesen sein, „die eine Enkelin des fünften Earl von Essex gewesen sein mag oder auch nicht“.

          Der Zug, den Butch Cassidy und Sundance Kid überfielen, steht bis heute in der Geisterstadt Pulacayo in Bolivien, einem Freilichtmuseum.

          Wie auch immer. Anfang 1901 ließ Etta Place sich mit Sundance Kid in New York fotografieren. Auf dem Foto trägt sie am Kleid eine angesteckte Uhr, vermutlich von Tiffany. Kurz danach verließen sie die Vereinigten Staaten mit dem Dampfschiff „Herminius“. Das Schiff nahm Kurs auf Argentinien. Butch kam später nach. Er musste zuvor noch frisches Geld besorgen. Im Juli raubte er in Montana einen Zug aus.

          Refugium im Süden

          Von Buenos Aires ging es weiter in den Süden Südamerikas. Zwischen Epuyén und Cholila, achttausend Kilometer von zu Hause weg, kauften die drei eine kleine Farm, einen Steinwurf von der heutigen Provinzstraße 71 entfernt. Nichts weist heute darauf hin, dass sich an diesem Ort für ein paar Jahre einige der berühmtesten Verbrecher der amerikanischen Geschichte versteckt hatten.

          Aber Milan, der junge Colorado-Cowboy und Motorrad-Profi, der wusste Bescheid. Von El Bolsón die Asphaltstraße herunterkommend hielten wir zunächst an einer Brücke über den Río Limay. Vier Polizisten kontrollierten dort den Durchgangsverkehr. Wir parkten neben ihren Streifenwagen im Schatten, denn unter den Zypressen stand eine grün-beige Hütte, und sie steht dort schon seit über hundertzwanzig Jahren: Die Parilla „El Boliche Viejo“ gibt es seit 1890, jedenfalls behauptete das der Chefkoch Raphael. Er wirft dort Riesensteaks auf einen Grill, so groß wie die Motorhaube seines amerikanischen Schlittens. An den holzgetäfelten Wänden hängen alte Fotos von Sundance, Butch und Etta. Eines von angeblich 1903 zeigt Butch, Etta und zwei gesattelte Pferde vor ihrer Farm. Der Mann trägt Westernkleidung mit Pistolengurt und Cowboyhut, die Frau ein langes Kleid. Neben ihr hockt ein Hund. Ein interessantes Paar. Sundance scheint fort zu sein. Angeblich hat der leidenschaftliche Wagnerianer auch mal Bayreuth besucht.

          Die Hütte des flüchtigen Bankräubers Butch Cassidy: hier lebte er mit Etta Place um die Jahrhundertwende eine Zeit lang

          Als sie nach Patagonien kamen, war das Restaurant „El Boliche“ schon zehn Jahre alt, sie könnten es besucht haben. „Klar waren sie hier“, sagte Milan. Und der Koch nickte beflissen. Dann fuhren wir weiter. Die Polizisten winkten uns zum Abschied. Als Milan mit seiner BMW-Enduro kurz vor Cholila plötzlich rechts abbog und nach ein paar hundert Metern Feldweg stoppte, da sahen auch wir das handgemalte Schild am Zaun: „Cabana Butch Cassidy“. Ein einfaches Holztor verschloss den Zugang zum Gelände. Kaum machten wir uns daran zu schaffen, kam ein sandfarbener Hund herbei. Ein friedlicher Kerl, vielleicht ein Ururenkel von Ettas Hund auf dem Foto. Es schien, als wolle er uns bloß abholen. Wir folgten dem Tier durchs dürre, kniehohe Gras.

          Chatwin ließ die Geschichte keine Ruhe

          Dann sahen wir einige verwitterte Holzhütten, einen alten Schuppen. Hier hatten sie gelebt. An einem der Bäume hingen, mit Draht befestigt, ausgebleichte Rinderschädel. In einem anderen stak, zu zwei Dritteln eingewachsen, ein Hufeisen. Ich erinnerte mich an die Geschichte von Bruce Chatwin, der Patagonien in den siebziger Jahren bereist hatte, eigentlich auf der Suche nach einem Plesiosaurus. In einem Kaff in der Nähe hatten ihm zwei arabische Gauchos erzählt, dass an der Straße nach Cholila zwei nordamerikanische Banditen gelebt hätten. Chatwin ging am nächsten Morgen dorthin „und fand das perfekte Exemplar eines Blockhauses im Stil des amerikanischen Westens“ vor, das von Pappeln und einem Viehgehege umgeben war. An den Wänden bekam Chatwin damals noch Tapetenreste zu sehen, heute ist da nur blankes, vom Wind gegerbtes Holz. Der Besitzer erzählte Chatwin: „Si, Señor, über diese beiden Gentlemen ist ein Film gemacht worden.“ Etta Place zählte offenbar nicht sehr viel, oder man hatte sie für das gehalten, als was sie sich öfters ausgab: einen Mann.

          Im Garten der Gangster.

          Dem Schriftsteller Chatwin ließ die ganze Geschichte keine Ruhe. Ein paar Monate später saß er in der Staatlichen Historikergesellschaft in Utah und las einen Brief, den Butch Cassidy am 10. August 1902 in dem Blockhaus an die Schwiegermutter seines besten Freundes geschrieben hatte. Um die US-Marshalls oder die Pinkerton-Agenten nicht auf seine Spur zu bringen, umschrieb Butch die Tatsachen poetisch. Er sprach von seiner „kleinen Familie“ und nannte das Geld aus dem Raubüberfall bei der First National Bank in Winnemucca, Nevada, die „Erbschaft eines verstorbenen Onkels“. Nach dem Raub hatten sich Butch, Sundance und ihre Komplizen fotografieren lassen und dem Direktor der Bank einen Abzug geschickt. Das Bild schmückt angeblich noch heute das Büro des Bankdirektors. Butch schrieb weiter, er habe 300 Rinder, 1500 Schafe „und 28 schöne Reitpferde“. Das Einzige, was ihm fehle, sei ein Koch, und mit den Nachbarn sei auch nicht viel los. Hinzu komme, dass sein Spanisch nicht gut genug sei, „um über die neuesten Skandale mitreden zu können, die allen Nationen so sehr am Herzen liegen“.

          Eine seltsame Reisegruppe auf edlen Vollblütern

          Chatwin hat, wie viele andere, versucht, das weitere Schicksal der kleinen Gangsterfamilie zu erkunden. Das Thema könne einen „hochgradig wahnsinnig machen“, berichtete er Jahre später, denn die Männer hätten viele Pseudonyme verwendet. Allein über den Tod Butch Cassidys gibt es etliche Versionen. Mal starb er bei einer Schießerei in Bolivien oder Argentinien – wovon auch der berühmte Western erzählt. Nach anderen Versionen kehrte er in den Norden zurück. Seine Schwester, Lula Parker Betenson, seinerzeit 96, erzählte Chatwin in den siebziger Jahren von einem Blaubeerkuchen, den Butch fünfzig Jahre zuvor mit seinem alten Vater im elterlichen Haus in Circleville, Utah, gegessen habe. Auch dieses Haus steht noch. Es soll demjenigen in Patagonien ähnlich sehen. Und selbstredend ist Cassidy Circlevilles berühmtester Sohn, abgesehen von der Lehrerin Carrie Allen, die eine Geschichte von Circleville geschrieben hat, ehe sie 1983 im Alter von 93 Jahren an ihrem offenbar geliebten Geburtsort starb.

          Spiel mir das Lied von der Schotterpiste: im argentinischen Süden.

          Was weitere Tatsachen über Butch, Sundance und Etta betrifft, so liegen sie im Dunklen. Jedenfalls wurde es ihnen auf der argentinischen Ranch allmählich langweilig, oder das Geld ging ihnen aus. Im nahen Cholila, wohin wir später fuhren, war auch nicht viel los. An der Tankstelle Petro Chubut spendierte Milan uns zwei kopierte Steckbriefe. Draußen saß ein Mann neben seinem Pick-up in einem Klappstuhl und verkaufte patagonische Erdbeeren, Früchte eines kurzen Sommers, so klein und aromatisch wie ihre norwegischen Schwestern.

          Ende 1904 zogen Butch, Etta und Sundance südwärts, eine seltsame Reisegruppe. Einheimischen fielen die exzellenten Vollblüter auf, ebenso die Tatsache, dass auch die mitgeführten Begleitpferde voll gesattelt waren. Eine Reisegruppe, fast so schnell wie heutige Motorräder. Was sie vorhatten, erschloss sich erst im Hafenstädtchen Río Gallegos, über 1500 Kilometer weiter südlich. Dort verübten die drei am 14. Februar 1905 einen Bankraub, ihren ersten in der neuen Heimat. Butch und Sundance erledigten das Grobe, Etta lenkte die Leute ab, schrieb Chatwin. Dann habe sie einen perlmuttbesetzten Revolver hervorgeholt, den sie an einem Samtband auf dem Rücken trug, die Glas-Isolatoren der Telegrafenmasten zerschossen und sei davongeritten. Es folgten weitere Überfälle. Das brachte erst die argentinische Polizei auf den Plan, dann wieder die Agenten von Pinkerton. Das Trio kehrte wohl noch einmal zur kleinen Farm zurück, aber dann verließen sie den Ort für immer.

          Auch wir hatten nun genug gesehen vom patagonischen Colorado und Cassidys Farm. Hinter der Tankstelle begann die Schotterpiste durch den Alercen-Park. Wir bogen links ab, überquerten am späten Nachmittag die Grenze nach Chile und erreichten am Abend das Städtchen Futaleufú. Auf dem reißenden Fluss gleichen Namens erwarteten uns am nächsten Morgen vier schwere Schlauchboote. Milan sagte, der Colorado River sei ein zahmes Bächlein gegen den Futaleufú. Wir zögerten. Bis dahin hatten wir nie etwas mit Rafting im Sinn. Aber weil wir ja wilde Reiter waren und bei dem Mann aus Colorado nicht den Eindruck erwecken wollten, wir seien schlappe Spree-Indianer aus Berlin, machten wir mit. Es war nass, wild und herrlich. Butch, Sundance und Etta hätten ihren Spaß gehabt.

          Der Weg zur Hütte des Gangstertrios

          Anreise Ab Frankfurt fliegt Lufthansa direkt nach Buenos Aires (im Januar ab 1030 Euro), von München aus fliegen Air France über Paris (ab 917 Euro) oder Iberia über Madrid (ab 943 Euro). Latam fliegt via Santiago de Chile nach Osorno (ab 769 Euro).

          Fahrzeuge In Osorno kann man ein Auto mieten (geländegängig) oder sich einer geführten Motorradtour durch Patagonien anschließen (www.edelweissbike.com).

          Übernachtung In Futaleufú: „El Barranco“ (www.elbarrancochile.cl), DZ pro Nacht ab 185 Euro

          Literatur Bruce Chatwin: „In Patagonien“, Rowohlt, 9,99 Euro

          Weitere Informationen unter www.southamericatourism.com oder www.interpatagonia.com

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