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Patagonien : Unsere kleine Farm

Im Garten der Gangster.

Dem Schriftsteller Chatwin ließ die ganze Geschichte keine Ruhe. Ein paar Monate später saß er in der Staatlichen Historikergesellschaft in Utah und las einen Brief, den Butch Cassidy am 10. August 1902 in dem Blockhaus an die Schwiegermutter seines besten Freundes geschrieben hatte. Um die US-Marshalls oder die Pinkerton-Agenten nicht auf seine Spur zu bringen, umschrieb Butch die Tatsachen poetisch. Er sprach von seiner „kleinen Familie“ und nannte das Geld aus dem Raubüberfall bei der First National Bank in Winnemucca, Nevada, die „Erbschaft eines verstorbenen Onkels“. Nach dem Raub hatten sich Butch, Sundance und ihre Komplizen fotografieren lassen und dem Direktor der Bank einen Abzug geschickt. Das Bild schmückt angeblich noch heute das Büro des Bankdirektors. Butch schrieb weiter, er habe 300 Rinder, 1500 Schafe „und 28 schöne Reitpferde“. Das Einzige, was ihm fehle, sei ein Koch, und mit den Nachbarn sei auch nicht viel los. Hinzu komme, dass sein Spanisch nicht gut genug sei, „um über die neuesten Skandale mitreden zu können, die allen Nationen so sehr am Herzen liegen“.

Eine seltsame Reisegruppe auf edlen Vollblütern

Chatwin hat, wie viele andere, versucht, das weitere Schicksal der kleinen Gangsterfamilie zu erkunden. Das Thema könne einen „hochgradig wahnsinnig machen“, berichtete er Jahre später, denn die Männer hätten viele Pseudonyme verwendet. Allein über den Tod Butch Cassidys gibt es etliche Versionen. Mal starb er bei einer Schießerei in Bolivien oder Argentinien – wovon auch der berühmte Western erzählt. Nach anderen Versionen kehrte er in den Norden zurück. Seine Schwester, Lula Parker Betenson, seinerzeit 96, erzählte Chatwin in den siebziger Jahren von einem Blaubeerkuchen, den Butch fünfzig Jahre zuvor mit seinem alten Vater im elterlichen Haus in Circleville, Utah, gegessen habe. Auch dieses Haus steht noch. Es soll demjenigen in Patagonien ähnlich sehen. Und selbstredend ist Cassidy Circlevilles berühmtester Sohn, abgesehen von der Lehrerin Carrie Allen, die eine Geschichte von Circleville geschrieben hat, ehe sie 1983 im Alter von 93 Jahren an ihrem offenbar geliebten Geburtsort starb.

Spiel mir das Lied von der Schotterpiste: im argentinischen Süden.

Was weitere Tatsachen über Butch, Sundance und Etta betrifft, so liegen sie im Dunklen. Jedenfalls wurde es ihnen auf der argentinischen Ranch allmählich langweilig, oder das Geld ging ihnen aus. Im nahen Cholila, wohin wir später fuhren, war auch nicht viel los. An der Tankstelle Petro Chubut spendierte Milan uns zwei kopierte Steckbriefe. Draußen saß ein Mann neben seinem Pick-up in einem Klappstuhl und verkaufte patagonische Erdbeeren, Früchte eines kurzen Sommers, so klein und aromatisch wie ihre norwegischen Schwestern.

Ende 1904 zogen Butch, Etta und Sundance südwärts, eine seltsame Reisegruppe. Einheimischen fielen die exzellenten Vollblüter auf, ebenso die Tatsache, dass auch die mitgeführten Begleitpferde voll gesattelt waren. Eine Reisegruppe, fast so schnell wie heutige Motorräder. Was sie vorhatten, erschloss sich erst im Hafenstädtchen Río Gallegos, über 1500 Kilometer weiter südlich. Dort verübten die drei am 14. Februar 1905 einen Bankraub, ihren ersten in der neuen Heimat. Butch und Sundance erledigten das Grobe, Etta lenkte die Leute ab, schrieb Chatwin. Dann habe sie einen perlmuttbesetzten Revolver hervorgeholt, den sie an einem Samtband auf dem Rücken trug, die Glas-Isolatoren der Telegrafenmasten zerschossen und sei davongeritten. Es folgten weitere Überfälle. Das brachte erst die argentinische Polizei auf den Plan, dann wieder die Agenten von Pinkerton. Das Trio kehrte wohl noch einmal zur kleinen Farm zurück, aber dann verließen sie den Ort für immer.

Auch wir hatten nun genug gesehen vom patagonischen Colorado und Cassidys Farm. Hinter der Tankstelle begann die Schotterpiste durch den Alercen-Park. Wir bogen links ab, überquerten am späten Nachmittag die Grenze nach Chile und erreichten am Abend das Städtchen Futaleufú. Auf dem reißenden Fluss gleichen Namens erwarteten uns am nächsten Morgen vier schwere Schlauchboote. Milan sagte, der Colorado River sei ein zahmes Bächlein gegen den Futaleufú. Wir zögerten. Bis dahin hatten wir nie etwas mit Rafting im Sinn. Aber weil wir ja wilde Reiter waren und bei dem Mann aus Colorado nicht den Eindruck erwecken wollten, wir seien schlappe Spree-Indianer aus Berlin, machten wir mit. Es war nass, wild und herrlich. Butch, Sundance und Etta hätten ihren Spaß gehabt.

Der Weg zur Hütte des Gangstertrios

Anreise Ab Frankfurt fliegt Lufthansa direkt nach Buenos Aires (im Januar ab 1030 Euro), von München aus fliegen Air France über Paris (ab 917 Euro) oder Iberia über Madrid (ab 943 Euro). Latam fliegt via Santiago de Chile nach Osorno (ab 769 Euro).

Fahrzeuge In Osorno kann man ein Auto mieten (geländegängig) oder sich einer geführten Motorradtour durch Patagonien anschließen (www.edelweissbike.com).

Übernachtung In Futaleufú: „El Barranco“ (www.elbarrancochile.cl), DZ pro Nacht ab 185 Euro

Literatur Bruce Chatwin: „In Patagonien“, Rowohlt, 9,99 Euro

Weitere Informationen unter www.southamericatourism.com oder www.interpatagonia.com

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