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Patagonien : Unsere kleine Farm

Der Zug, den Butch Cassidy und Sundance Kid überfielen, steht bis heute in der Geisterstadt Pulacayo in Bolivien, einem Freilichtmuseum.

Wie auch immer. Anfang 1901 ließ Etta Place sich mit Sundance Kid in New York fotografieren. Auf dem Foto trägt sie am Kleid eine angesteckte Uhr, vermutlich von Tiffany. Kurz danach verließen sie die Vereinigten Staaten mit dem Dampfschiff „Herminius“. Das Schiff nahm Kurs auf Argentinien. Butch kam später nach. Er musste zuvor noch frisches Geld besorgen. Im Juli raubte er in Montana einen Zug aus.

Refugium im Süden

Von Buenos Aires ging es weiter in den Süden Südamerikas. Zwischen Epuyén und Cholila, achttausend Kilometer von zu Hause weg, kauften die drei eine kleine Farm, einen Steinwurf von der heutigen Provinzstraße 71 entfernt. Nichts weist heute darauf hin, dass sich an diesem Ort für ein paar Jahre einige der berühmtesten Verbrecher der amerikanischen Geschichte versteckt hatten.

Aber Milan, der junge Colorado-Cowboy und Motorrad-Profi, der wusste Bescheid. Von El Bolsón die Asphaltstraße herunterkommend hielten wir zunächst an einer Brücke über den Río Limay. Vier Polizisten kontrollierten dort den Durchgangsverkehr. Wir parkten neben ihren Streifenwagen im Schatten, denn unter den Zypressen stand eine grün-beige Hütte, und sie steht dort schon seit über hundertzwanzig Jahren: Die Parilla „El Boliche Viejo“ gibt es seit 1890, jedenfalls behauptete das der Chefkoch Raphael. Er wirft dort Riesensteaks auf einen Grill, so groß wie die Motorhaube seines amerikanischen Schlittens. An den holzgetäfelten Wänden hängen alte Fotos von Sundance, Butch und Etta. Eines von angeblich 1903 zeigt Butch, Etta und zwei gesattelte Pferde vor ihrer Farm. Der Mann trägt Westernkleidung mit Pistolengurt und Cowboyhut, die Frau ein langes Kleid. Neben ihr hockt ein Hund. Ein interessantes Paar. Sundance scheint fort zu sein. Angeblich hat der leidenschaftliche Wagnerianer auch mal Bayreuth besucht.

Die Hütte des flüchtigen Bankräubers Butch Cassidy: hier lebte er mit Etta Place um die Jahrhundertwende eine Zeit lang

Als sie nach Patagonien kamen, war das Restaurant „El Boliche“ schon zehn Jahre alt, sie könnten es besucht haben. „Klar waren sie hier“, sagte Milan. Und der Koch nickte beflissen. Dann fuhren wir weiter. Die Polizisten winkten uns zum Abschied. Als Milan mit seiner BMW-Enduro kurz vor Cholila plötzlich rechts abbog und nach ein paar hundert Metern Feldweg stoppte, da sahen auch wir das handgemalte Schild am Zaun: „Cabana Butch Cassidy“. Ein einfaches Holztor verschloss den Zugang zum Gelände. Kaum machten wir uns daran zu schaffen, kam ein sandfarbener Hund herbei. Ein friedlicher Kerl, vielleicht ein Ururenkel von Ettas Hund auf dem Foto. Es schien, als wolle er uns bloß abholen. Wir folgten dem Tier durchs dürre, kniehohe Gras.

Chatwin ließ die Geschichte keine Ruhe

Dann sahen wir einige verwitterte Holzhütten, einen alten Schuppen. Hier hatten sie gelebt. An einem der Bäume hingen, mit Draht befestigt, ausgebleichte Rinderschädel. In einem anderen stak, zu zwei Dritteln eingewachsen, ein Hufeisen. Ich erinnerte mich an die Geschichte von Bruce Chatwin, der Patagonien in den siebziger Jahren bereist hatte, eigentlich auf der Suche nach einem Plesiosaurus. In einem Kaff in der Nähe hatten ihm zwei arabische Gauchos erzählt, dass an der Straße nach Cholila zwei nordamerikanische Banditen gelebt hätten. Chatwin ging am nächsten Morgen dorthin „und fand das perfekte Exemplar eines Blockhauses im Stil des amerikanischen Westens“ vor, das von Pappeln und einem Viehgehege umgeben war. An den Wänden bekam Chatwin damals noch Tapetenreste zu sehen, heute ist da nur blankes, vom Wind gegerbtes Holz. Der Besitzer erzählte Chatwin: „Si, Señor, über diese beiden Gentlemen ist ein Film gemacht worden.“ Etta Place zählte offenbar nicht sehr viel, oder man hatte sie für das gehalten, als was sie sich öfters ausgab: einen Mann.

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