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Überraschungs-Skireisen : Immer dem Neuschnee nach

  • -Aktualisiert am

Hauptsache, es hat gerade geschneit. Wo ist dann schon zweitrangig. Bild: Florian Kern

Ein Bergführer aus dem Schwarzwald schickt seine Gäste dorthin, wo es gerade weiß ist. Denn Skifahrern geht es nicht vor allem um das Reiseziel, sondern um das Glück des frischen Pulverschnees.

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          Sparfüchse kennen das: Man bucht eine Reise und erfährt erst in letzter Minute, wohin es eigentlich geht und in welchem Hotel man landet. Das Konzept heißt „Glückshotel“ oder „Ziel egal“, bei German Wings wird es auch „Blind Booking“ genannt. Es ist nicht unbedingt eine Art des Reisens, die jedem zusagt. Der Schwarzwälder Bergführer Flory Kern hat die Idee trotzdem adoptiert. Er nennt sie „Go with the Snow“: Die Reise geht dorthin, wo der meiste Neuschnee gefallen ist, ganz gleich, wo das ist. „Freerider brauchen für ihr Glück vor allem Pulverschnee, die Destination, das Skigebiet ist für sie zweitrangig“, erklärt Kern. „Darauf haben wir uns eingestellt, denn die Neuschneemengen sind eben sehr unterschiedlich verteilt.“

          Die Idee hat zweifellos ihren Charme, und sie passt zum Zeitgeist: Immer flexibel bleiben und sich alle Optionen offenhalten - vor allem in der Vorsaison, wenn noch nicht in allen Skigebieten meterhoch Schnee liegt. Dabei sondieren Flory Kerns Partner-Bergführer in den Freeride-Revieren vor Ort die Lage, ziehen die Erkenntnisse der Wetterfrösche von Meteoblue, Snow Forecast oder von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Innsbruck zu Rate - und dann fällt kurzfristig eine Entscheidung. Im Preis von 360 Euro inbegriffen: zwei Übernachtungen mit Halbpension, zwei Tage Betreuung durch einen Bergführer, Sicherheitsausrüstung zum Leihen, Reiserücktrittsversicherung. Zusätzliche Ausgaben: Anreise, Skipass, Mittagessen, Getränke. Insgesamt kostet so ein Wochenende also je nach Ziel zwischen 500 und 600 Euro. Nicht gerade ein Schnäppchen, aber auch keine unüberwindliche Hürde für gutsituierte Pulverschnee-Junkies.

          Die E-Mail aus Kerns Büro kommt am Montagabend: Am kommenden Wochenende geht es nach Andermatt in der Zentralschweiz, dort soll die Schneelage noch am besten sein. Ein Blick auf den Routenplaner zeigt: 345 Kilometer einfache Strecke, Vignettenpflicht in der Schweiz und in Österreich. Ganz schön weit für ein Wochenende mit vielen Fragezeichen. Mit der Nachricht kommt auch die Teilnehmerliste: Eine Gruppe Österreicher reist aus dem Raum Salzburg an, andere aus Hanau oder Aschaffenburg. Karsten, ein gebürtiger Schwabe, lebt in Zürich und steht in Diensten der Credit Suisse. Hinzu kommen einige Schweizer, Hans, der Anwalt aus München, Herbert, der BMW-Manager. Und dann ist da noch Kurt, der Belgier, der sich für ein Wochenende Skifahren tatsächlich neun Stunden ins Auto setzt. Die Tatsache, dass die Teilnehmer aus so weit voneinander entfernten Regionen kommen, engt die Auswahl des Ziels zusätzlich ein. Schließlich soll jeder das Gefühl haben, nicht zu weit fahren zu müssen. Trotzdem kann man es auch nie allen recht machen.

          Als Treffpunkt wird das Hotel mitgeteilt. Ein Blick auf die Website dieses typischen Schweizer Mittelklasse-Hauses macht allerdings nur mittelprächtige Laune: Die Sauna gibt es nur gegen Extra-Gebühr, Speisesaal und Zimmer sind „im rustikalen Stil“ gehalten, was so viel heißt wie „lang nicht mehr renoviert“. Nun ja, wenn denn der Schnee in Andermatt so hoch liegt, soll es recht sein, zumal der Gemsstock den Ruf hat, eines der besten Freeride-Reviere der Alpen zu sein.

          Die Abfahrt hielt nicht, was man sich erhofft hatte

          Bei der Besprechung vor Ort am Freitagabend zwischen Suppe und Hauptgang wird klar, dass am Wochenende zwar die Sonne von einem nahezu wolkenlosen Himmel strahlen wird, fürs Freeriden allerdings auch in Andermatt ganz einfach die Unterlage fehlt. Die guten Schneebedingungen, die Flory Kern hier noch vor wenigen Tagen selbst vorfand, sind Vergangenheit. Die Bergführer Bernd, Felix und Dan bringen das ihren Gästen so schonend wie möglich bei. Das Managen von Erwartungen gehört längst zu ihren Kernaufgaben. Weil man heute aber fast alles jederzeit kaufen kann, fällt es einigen schwer zu akzeptieren, dass das Wetter davon noch immer ausgenommen ist.

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