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Ferienstadt in Montenegro : Schöne neue Urlaubswelt

  • -Aktualisiert am

Luštica Bay ist in fünf Viertel mit fünf Themenbereichen unterteilt. Bild: Archiv

Luštica Bay, die künstliche Ferienstadt an der Küste Montenegros, ist das größte Tourismusvorhaben des kleinen Landes. Der erste Abschnitt wurde jüngst eröffnet. Doch der Löwenanteil des Projekts folgt erst noch.

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          Ein Zug rauscht durch die Nacht. Im Speisewagen necken sich ein elegant gekleideter Herr und eine sehr schöne Frau: „Ihrem Anzug nach zu urteilen waren Sie in Oxford“, sagt sie. Er ist James Bond und sie, Vesper Lynd, hütet das Geld, das 007 braucht, um beim Pokerspiel den gejagten Le Chiffre zur Strecke zu bringen. Der Zug, der durch die Nacht rauscht, hat ein Ziel: Es heißt Montenegro.

          Bis heute weiß niemand, wie viel der kleine Staat bezahlt hat, um in „Casino Royale“ den Austragungsort des großen Pokers zwischen 007 und Le Chiffre geben zu dürfen. Wobei man wissen muss, dass nicht eine Sekunde in Montenegro gedreht wurde. Der Film lief 2006 an, in dem Jahr, als Montenegro gerade seine Unabhängigkeit von Serbien erlangte. Besser hätte man das nicht kommunizieren können. Schon ein Jahr später rauschte zwar kein Zug mit James Bond durch die Nacht, aber ein gewisser Adrian Zecha flog ein. Mit ihm folgte der nächste Coup: Sveti Stefan, das Inseldorf aus dem fünfzehnten Jahrhundert, ging mit einem dreißig Jahre gültigen Pachtvertrag an die High-End-Hotelgruppe Aman. Der damalige Besitzer Zecha brachte zur Eröffnungsparty im Jahr 2007 Andrea Bocelli mit und Montenegro durch sein Resort auf die touristische Landkarte.

          Sieht aus wie alt, ist es aber nicht: Das Hotel The Chedi an der Luštica Bay in Montenegro gibt sich alle Mühe, nicht durch neureichen Protz aufzufallen.
          Sieht aus wie alt, ist es aber nicht: Das Hotel The Chedi an der Luštica Bay in Montenegro gibt sich alle Mühe, nicht durch neureichen Protz aufzufallen. : Bild: Jochen Müssig

          Der dritte Coup folgte sogleich, nämlich 2008 mit der Gründung der „Luštica Development Company“. Sie signalisierte den Aufbruch in eine neue Zeit. Es ging um nichts weniger als Montenegros größtes touristisches Projekt überhaupt, die milliardenschwere Erschaffung einer künstlichen Urlauberstadt, die in fünf Viertel mit fünf Themenbereichen unterteilt ist. Denn abgesehen vom Aman konnte man den Gästen an der Küste im Großen und Ganzen nur Unterkünfte in den ehemaligen jugoslawischen Betonbauten des Strandortes Budva anbieten.

          Luštica Bay ist Montenegros größtes touristisches Projekt überhaupt.
          Luštica Bay ist Montenegros größtes touristisches Projekt überhaupt. : Bild: Archiv

          Hier lebt niemand, hier sind Urlauber zu Hause

          Seit vergangenem Jahr ist der erste Bauabschnitt rund um die Marina fertig. „Dreißig Minuten dauert die Fahrt“, sagt der Chauffeur des Hotelshuttles vom Flughafen Tivat zum The Chedi in der Luštica Bay. Ohne Bond und Bocelli, stattdessen freuen sich ein paar leger gekleidete Urlauber auf schöne Sommertage. Kurz vor dem Dorf steht eine Schranke. Nach Luštica Bay darf schließlich nicht jeder. Gäste parken außerhalb und werden mit Golfcarts ins Zentrum gebracht. Der Mann an der Schranke kontrolliert sogar den Fahrer des Hotelshuttles, ohne Worte und ohne eine Miene zu verziehen, als gelte es an dieser Stelle, die Grenze der ehemaligen Kriegsparteien Kroatien und Serbien zu bewachen. Dann fährt das Hotelshuttle über die Kopfsteinpflasterstraße hinunter ins Dorf, vorbei an gerade fertiggestellten, verwinkelt gebauten und auf alt getrimmten Häusern. Sie sind Zitate einer regionaltypischen, traditionellen Bauweise, wie sie in vielen Orten an der kroatischen und montenegrinischen Küste zu finden ist. Der erste Eindruck: Hier ist eine schöne neue Welt entstanden, sauber und sicher und hübsch in einer Sichelbucht gelegen. Hier lebt niemand, hier sind Urlauber zu Hause. Wobei das Investmentprojekt auch private Apartments und Wohnungen mit einbezieht. Viele Objekte stehen allerdings noch leer.

          In welchem Fünfsternehotel gibt es noch Hauptgerichte zwischen neun und 16,50 Euro?
          In welchem Fünfsternehotel gibt es noch Hauptgerichte zwischen neun und 16,50 Euro? : Bild: Archiv

          Ein erster Bummel, Beine vertreten, sich umsehen. „Kommen Sie doch herein“, sagt ein Wirt, und bietet einen hübschen Platz in seinem Terrassenlokal an. Das Restaurant ist halb voll. Die Geschäfte zeigen sich noch weniger besucht. Auf der Promenade bummeln ein paar Pärchen und bestaunen so manche Yacht in der Marina. 176 Liegeplätze gibt es, Liegegebühr um die achttausend Euro pro Jahr. In Saint-Tropez bezahlt man 2054, auf Ibiza 3025 Euro – allerdings pro Tag. Luštica Bay will zumindest in den ersten Jahren auf hohe Qualität zum günstigen Preis setzen. Auch ein Doppelbett im 111 Zimmer großen The Chedi kommt mit Preisen zwischen 220 und 400 Euro pro Nacht vergleichsweise günstig daher. Im Flaggschiff der Hotelgruppe, im The Chedi in Oman, beginnen die Preise bei 800 Euro. Architektonisch dem Dorf angepasst, gibt sich The Chedi gar nicht so asiatisch wie sonst, sondern streng mediterran mit Pastelltönen in Türkis und Grün. Auch der eher ungemütlich aussehende Acapulco Chair in der Lobby ist türkis, die bodenlangen Raumteiler sind grün und der sehr hübsche Infinity-Pool mit Blick auf die Promenade und Marina gibt sich elegant dunkelblau. „Unsere Zimmer sind mit fünfzig Quadratmetern sehr geräumig“, betont Marc de Ruijter, Hoteldirektor des Chedi. Es zeigt sich aber auch, dass die meisten Zimmer nur teilweise Meerblick haben. In den drei Restaurants des Hotels isst man dafür nicht nur sehr gut, sondern abermals vergleichsweise günstig: In welchem Fünfsternehotel gibt es noch Hauptgerichte zwischen neun und 16,50 Euro?

          Architektonisch dem Dorf angepasst, gibt sich The Chedi streng mediterran.
          Architektonisch dem Dorf angepasst, gibt sich The Chedi streng mediterran. : Bild: Archiv

          Wahnsinnsprojekt auf knapp siebenhundert Hektar

          Ob das so bleibt? Darauf will sich Marc de Ruijter nicht festlegen. Wenn die Luštica Bay einmal eingeführt und komplett fertig ist, werden die Preise sicherlich steigen. Andererseits – Konkurrenz belebt das Geschäft. Nach dem The Chedi an der Marina sollen noch ein Beachhotel, ein Golfhotel, ein Spahotel sowie ein Inselhotel auf dem vorgelagerten Mamula-Eiland und damit insgesamt an die achthundert Hotelzimmer entstehen. „Bis 2030 wird dann auch Centrale fertig sein, das Stadtzentrum mit Polizei, Feuerwehr, Krankenhaus“, sagt de Ruijter. „Ein Wahnsinnsprojekt auf knapp siebenhundert Hektar! Die Investoren kommen aus Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten, zuletzt auch aus der Türkei, weil sie ihre schwache Lira schnell noch versilbern wollten.“

          Ein Doppelbett im The Chedi kommt mit Preisen zwischen 220 und 400 Euro pro Nacht vergleichsweise günstig daher.
          Ein Doppelbett im The Chedi kommt mit Preisen zwischen 220 und 400 Euro pro Nacht vergleichsweise günstig daher. : Bild: Archiv

          Woher das Geld jedoch genau kommt, will der Niederländer lieber nicht wissen. Neunzig Prozent des gesamten Projekts gehören der ägyptischen Entwicklungsfirma „Orascom“ – zehn Prozent hält Montenegro –, hinter der der schwerreiche Ägypter Samih Onsi Sawiris steht, der schon, dem Projekt Luštica Bay ähnlich, den Bau der ägyptischen Lagunenstadt El Gouna realisierte. Sawiris ist auch Teilhaber an dem Münchner Touristikunternehmen FTI, das für viele deutsche Gäste sorgen soll. El Gouna hat zu fast zwei Drittel deutsche Kunden, in Luštica Bay mit seinem dreihundert Meter langen Naturstrand stellen sie derzeit erst ein Viertel der Gäste. Aller Anfang ist eben schwer, selbst wenn ihn James Bond höchstselbst eingefädelt hat.

          Luštica Bay

          Anreise mit Montenegro Airlines ab München nach Tivat ab rund 300 Euro, im Internet unter www.montenegroairlines.com. Doppelzimmer mit Frühstück im The Chedi, ganzjährig geöffnet, ab 220 Euro. Informationen und Buchung unter www.chedilusticabay.com.

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