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Überbuchte Flüge : Immer schön am Boden bleiben

  • -Aktualisiert am

Kein Fortkommen am Flughafen Bild: dpa

Alle Airlines überbuchen ihre Flüge. Dank höherer Entschädigungen lassen sich daraus bald Gratis-Flüge zu Zielen in aller Welt machen. Ein Amerikaner macht daraus einen Sport.

          5 Min.

          Von den Amerikanern lernen heißt umsonst fliegen lernen. So machen es zum Beispiel Russ Elder und seine Familie aus Atlanta. Der Vater von drei Kindern ist nicht wohlhabend und doch bereisen die fünf Elders regelmäßig exklusive Ziele wie Nassau, Las Vegas, die Rocky Mountains oder Forida. "Auf den meisten unserer Trips zahlen wir die Tickets mit Gutscheinen, die wir durch das Zurücktreten von überbuchten Flügen bekommen haben", erzählte Russ Elder kürzlich treuherzig einer amerikanischen Tageszeitung, "die normalen Ticketpreise könnte ich mir niemals leisten".

          Die Elders sind Vertreter einer für Europäer bisher seltsam anmutenden Spezies, die sich auf den Flughäfen herumdrücken und lieber am Boden bleiben als ihre gebuchten Sitze einzunehmen um flugs ans Ziel zu gelangen wie andere Reisende. Das Zurückbleiben und die verspätete Ankunft lassen sich solche Leute gut bezahlen - mit Freitickets oder Bargeld-Gutscheinen der Airlines, die sich auf künftige Flüge anrechnen lassen. "Auf beinahe jeder Reise, die wir in den letzten fünf Jahren gemacht haben, sind wir mindestens einmal abgeladen worden, insgesamt zwölf bis 15 mal" - eine Erfolgsmeldung für Mr. Elder.

          Geizige und großzügige Airlines

          Er weiß genau, wann die Chancen am besten sind - etwa zu Beginn und Ende der amerikanischen Frühjahrsferien, der Spring Break. Auf einer Reise nach Vancouver vor einigen Jahren ließen sich die Elders gleich mehrfach ihre gebuchten Sitze vergolden - insgesamt sammelte die Familie auf dem Trip Gutscheine im Wert von mehr als 3.000 Dollar. Üblicherweise bieten amerikanische Fluggesellschaften heute zwischen 300 und 400 Dollar pro Passagier, der freiwillig von seinem Flug zurücktritt und einen späteren Abflug in Kauf nimmt. Manchmal, wenn sich nur zögerlich genügend Fluggäste finden, die den Zeitverlust hinnehmen wollen, steigern sich die gebotenen Gegenleistungen wie auf einer Auktion.

          "Das höchste Angebot, von dem ich je gehört habe, sind 1.200 Dollar", weiß Andrew Warner. Der Consultant und Vielflieger muß es wissen - er betreibt eine eigene Website (www.bumptracker.com), auf der nach Airlines geordnet nachzulesen ist, welche Kompensationen auf Flügen in oder nach Amerika an einzelne Passagiere gezahlt wurden, die ihren Deal auf der Website offenbaren. Northwest und Southwest Airlines gelten danach mit durchschnittlich 150 bis 300 Dollar als geizig, während American Airlines schon mal 1.000 Dollar lockermacht. United Airlines läßt Passagiere überdurchschnittlich oft stehen, Delta seltener.

          Grundsätzlich überbucht

          Anders als in Europa gibt es in den Vereinigten Staaten seit jeher keine Garantien, welche Entschädigung einem Passagier zusteht, der wegen Überbuchung nicht mitkommt. Dabei ist das Problem überall dasselbe. Vollzahler zu flexiblen Tarifen reservieren oft Sitze auf mehreren Flügen und nutzen schließlich nur einen. Für die auf diese Weise ungenutzten Sitze, bei Lufthansa rund fünfeinhalb Millionen im Jahr, können sich sogenannte "No Shows" bei entsprechender Buchungsklasse den Ticketpreis erstatten lassen, schlecht sowohl für die Airlines, die leere Sitze durch die Gegend fliegen, als auch für reisewillige Passagiere, die keinen Sitz mehr buchen können, weil der Flug ja angeblich ausgebucht ist. Deshalb überbuchen alle Fluggesellschaften ihre Flüge grundsätzlich.

          In immerhin fast einer Million Fällen pro Jahr erhalten so kurzfristig buchende Gäste bei Lufthansa noch eine Reservierung, die sonst nicht hätte vergeben werden können. Wie stark welcher Flug überbucht wird, regelt ein ausgeklügeltes Computersystem, das Erfahrungswerte früherer Flüge und andere Variable zugrunde legt. Dumm nur, wenn die Rechnung nicht aufgeht, und vor Abflug mehr Passagiere mit reservierten Sitzen am Schalter stehen als das Flugzeug Plätze hat. In den Vereinigten Staaten passiert das nach einer Statistik des amerikanischen Verkehrsministeriums 18 von 10.000 Passagieren, Lufthansa gibt den Wert jetzt mit 10 von 10.000 Kunden an - vor sechs Jahren waren es beim Kranich nur sieben von 10.000. Damit können jedes Jahr über 50.000 Lufthansa-Fluggäste trotz einer festen Buchung nicht wie geplant abheben, allerdings verweist die Airline darauf, daß jedem Stehenbleiber 21 Flugwillige gegenüberstehen, die ohne Überbuchung nicht hätten befördert werden können.

          Günstiger Urlaubstrip

          Die EU-Kommission schätzt, das dies in der Gemeinschaft insgesamt rund 250.000 gebuchte Reisende jährlich am Boden bleiben. In den meisten Fällen sind dies allerdings Leute, die freiwillig auf ihren Platz verzichten und dafür von den Airlines entschädigt werden. Seit 1991 gelten in der EU feste Sätze, die je nach Dauer der verspäteten Ankunft am Zielort zwischen 75 und 300 Euro liegen, Lufthansa bot bisher auch die Möglichkeit eines 100prozentigen Aufschlags, wenn der gegroundete Kunde statt Cash auch einen Gutschein für späteren Ticketkauf akzeptierte. Solche Vouchers im Wert zwischen 150 und 600 Euro waren schon mal ein guter Grundstock für einen günstigen Urlaubstrip.

          EU-Verkehrskommissarin Loyola de Palacio allerdings blieb die fortdauernde Praxis der Überbuchung ein Dorn im Auge, sie trieb die massive Verschärfung der Entschädigungen voran. Vor wenigen Tagen billigten die Mitgliedsstaaten eine neue Regelung, bei Stimmenthaltung der Bundesregierung, die Anfang 2005 in Kraft treten wird. Darin enthalten sind erstmals auch Charter- und Ferienflüge sowie lange Flugverspätungen und Flugstreichungen - für derartige Unbilden bekommen Verbraucher in Zukunft Bargeld. Für Flüge unter 1.500 Kilometer Länge erhält ein wegen Überbuchung abgeladener oder bei kurzfristiger Streichung gestrandeter Passagier künftig 250 Euro, für Inner-EU-Flüge von mehr als 1.500 Kilometer und andere Flüge bis zu 3.500 Kilometer Entfernung 400 Euro und für alle anderen 600 Euro. Dazu kommt die schnellstmögliche Beförderung sowie Mahlzeiten, Erfrischungen und eventuelle Hotelübernachtungen - ein guter Deal für den Kunden, der für einen Billigflug oft nur nur wenige Euro ausgegeben hat und von bezahlten Übernachtungen sonst nur träumt.

          Das Ziel: Zweimal nicht mitkommen

          Die Chancen steigen, auch mit der Investition in ein Billigticket einen Gratis- oder Billigst-Flug an ein Traumziel zu erstehen - wobei die sogenannten Low Cost Carrier nach Brancheninformationen weniger stark überbuchen als etwa Lufthansa. Die Airline-Manager schäumen schon wegen der neuen Entschädigungspflichten und drohen steigende Flugpreise an - was sowieso längst überfällig ist. Fliegen ist inzwischen zu billig, sind sich alle Experten einig. Doch schon teilt die Branchenvereinigung Barig mit, daß "der Markt derzeit eine direkte Weitergabe der zusätzlichen Kosten an die Kunden kaum erlaubt". Dabei entstünden der Lufthansa durch die neue Entschädigungsregelung Mehrkosten zwischen zehn und 15 Millionen Euro jährlich, kleinere Firmen seien sogar in ihrer Überlebensfähigkeit bedroht.

          Das muß Gutschein-geile Fluggäste erstmal nicht kratzen. Für sie gilt es, sich die wichtigsten Verhaltensregeln der amerikanischen Gutschein-Jäger einzuprägen: "Am besten 90 Minuten vor Abflug eintreffen und gleich fragen, ob Freiwillige für den betreffenden Flug gesucht werden", erklärt Russ Elder, "in acht von zehn Fällen heißt die Antwort: ,Ja, vielleicht'". Reisen nur mit Handgepäck hilft - bei einem Verbleib am Boden müssen so nicht die Koffer gesucht und ausgeladen werden. Und natürlich der richtige Flugtag - am Vortag vom Ende der großen Ferien oder vor und nach großen Messen zum Beispiel. "Für den nächsten Flug, auf den man umgebucht wird, unbedingt nach einem Upgrading fragen", rät Andrew Warner, "und bei mehr als zwei Stunden Wartezeit Essens-Gutscheine verlangen". Schließlich ist das ultimative Erfolgserlebnis im Auge zu behalten: Ein erneutes Abladen auf dem nächsten Flug. "Ein zweites Freiticket an einem Tag - das kann passieren", verheißt der Überbuchungs-Guru auch seinen neuen europäischen Jüngern.

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