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Verreisen in die Vorstädte : Geh wo du wohnst

Altstadt Bergen Bild: Eckhart Nickel

Fernreisen sind bis auf weiteres ein Traum geworden. Der Ausflug in die Vorstädte kann aber nicht weniger aufregend sein: Man kennt sich genau aus, selbst wenn man noch nie dort war. Eine Aufbruchsgeschichte.

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          Alles sieht von weitem größer aus, Berge, Meere, Städte. Das kann ein Motor sein. Da, wo ich gerade bin, ist es mir zu klein, aber dort hinten, in der Ferne, weit weg, wo es leuchtet, heller als hier: Dort will ich hin. Dort zieht es mich aber nicht nur hin, dorthin gehöre ich auch, sonst würde ich es ja auch nicht so laut nach mir rufen hören.

          Tobias Rüther
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Je näher man dann aber kommt, desto mehr verliert man den Überblick. Wenn etwas zum Greifen nah ist, kann es auch seinen Reiz verlieren. Oder seine Ausmaße. Die Spitze des Berges sieht man auf dem Berg nicht mehr. An der Ecke von der 99. Straße und der Lexington Avenue kann man nur noch ahnen, wie groß New York wirklich ist. Man hat dann ja nur diese Ecke vor der Nase. Man weiß trotzdem, wie riesengroß New York ist, weil man es von weitem gesehen hat, auf Bildern, im Anflug, in Filmen.

          Irgendein Bergsteiger wurde einmal gefragt, warum er auf die Berge steigt, und er hat geantwortet: „Weil sie halt da sind.“ Sie stehen wie große Fragezeichen in der Landschaft herum und wollen, dass wir kommen. Jedenfalls bilden wir uns das ein. Wir sind den Bergen ja vollständig egal. Oder den Städten. Oder dem Nordpol. Das Fragezeichen, das sind wir immer nur selbst.

          Alle großen Entdeckungsreisen haben so begonnen, mit dieser Frage: Was ist da hinten, was wartet am anderen Ende? Selten, dass Leute mal aufgebrochen wären, weil es dort, wo sie waren, genau richtig groß und schön gewesen oder gerecht zugegangen wäre. Wir brechen auf, wir hauen ab, wir klettern drauf und segeln davon, und wir reden und schreiben und schreiben Songs darüber, weil wir genug haben von dem, wo wir sind, und was anderes haben wollen – und zugleich nie genug kriegen können.

          Es gibt eine wundervolle Geschichte, und man kann sie gar nicht oft genug erzählen: dass Frank Sinatra deswegen so blaue Augen bekommen hat, weil er immer so sehnsüchtig von Hoboken auf New York starrte. Ein kleiner Junge aus New Jersey und die Hochhäuser auf der anderen Seite des Flusses. Bis Frank Sinatra dort drüben dann irgendwann selbst ankam. Und groß wurde, mindestens so groß wie New York. Und trotzdem weiterzog. Alles sieht von weitem größer aus, Städte, Berge, Meere. Das kann ein Motor sein, der nie ausgeht, für die Kunst, für das Leben, für das Reisen.

          Im Augenblick des Rückzugs auf den kleinsten Kreis, den die Corona-Pandemie bedeutet hat, sieht man fast alles nur noch von weitem. Fernreisen sind bis auf weiteres ein Traum geworden. Es tut deswegen fast schon körperlich weh, sich die Ecke 99. Straße/Lexington Avenue in New York mit Google Street View anzusehen, weil da jetzt sofort ein anderes Fragezeichen in der Landschaft steht: Wann werde ich je wieder selbst an dieser Ecke stehen? Nicht dass es der Plan gewesen wäre, es ist ja nur irgendeine New Yorker Adresse, als Beispiel gewählt. Aber jetzt, da man nicht so weit verreisen kann, will man umso mehr dort hin, weit weg.

          Stattdessen: seit Wochen Ausflüge auf dem Rad in die nähere Umgebung. Oder mal die Simulation eines Roadtrips, mit dem Auto über die Autobahn zum Drive-through, Cheeseburger auf dem Parkplatz, und schnell wieder heim. Und wenn man dann von weitem die Stadt wieder sieht, in der man seit Wochen schon mehr oder weniger festgesteckt hat, die Stadt mit ihren Türmen und Hochhäusern und Lichtern, dann erneuert sich da ein Versprechen, das man fast vergessen hätte. Die große Stadt. Und alles, was sie verheißt, an Freiheit und Eigensinn und Selbstbestimmung.

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