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Typisch deutsch (1) : Einigkeit und Recht und freie Fahrt

Alles glitzert, doch der Anspruch geht über automobilen Glamour weit hinaus: Die Autostadt mit den Schornsteinen der VW-Fabrik, den gläsernen Auslieferungstürmen und dem illuminierten Eingangsgebäude. Bild: LAIF

Die Franzosen haben die Haute Cuisine erfunden, die Italiener den Belcanto, die Griechen die Demokratie. Uns Deutschen ist das Automobil in den Sinn gekommen, dem wir nirgendwo inbrünstiger, ernsthafter und raffinierter huldigen als in der Autostadt Wolfsburg.

          10 Min.

          Was bedeutet der Autonation Deutschland das Auto? Die Autostadt Wolfsburg kennt auf diese Frage eine klare, wenngleich notgedrungen etwas ausschweifende Antwort: Das Auto ist uns Deutschen Allerheiligstes und Unverzichtbarstes, Lieblingsspielzeug und Sehnsuchtsobjekt, Lebenstraum und Sorgenkind, Zukunftsgarant und Zukunftszerstörer, Fetisch und fahrende vier Wände. Es ist so tief in der deutschen Seele verwurzelt, dass man ihm einen kompletten automobilen Themenpark gewidmet hat, den Jahr für Jahr mehr als zwei Millionen Menschen besuchen. Und für Feinschmecker ist das Auto ein wunderbar fadenscheiniger Vorwand, sich in der Autostadt Wolfsburg auf allerhöchstem Niveau den Bauch vollzuschlagen. Doch der Reihe nach.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Der Automobilkonzern Volkswagen und die einzig und allein seinetwegen existierende Stadt Wolfsburg hatten gegen Ende des vergangenen Jahrtausends ein Problem. VW galt als bieder, dröge, spießig und verkörperte damit idealtypisch alle typisch deutschen Untugenden, während Wolfsburg schwer mit seinem Schicksal haderte: eine dunkle Vergangenheit als nationalsozialistische Retortengeburt, 1938 für die VW-Arbeiter gegenüber ihrer Fabrik gegründet und mit dem propagandistischen Namen „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ stigmatisiert; dazu eine graue Gegenwart als Ort ohne Eigenschaften, als Leerstelle im Bewusstsein der Deutschen, zu allem Übel auch noch durch eine Brache voller Kohlehalden und Tanklager von der Fabrik getrennt. Also entschloss man sich, auf dieser Ödnis ein Auslieferungszentrum für die Autos des Konzerns zu errichten, das dem Namen VW ein wenig Glanz und Wolfsburg eine urbanistische Perspektive geben sollte. Man baute zwei fünfzig Meter hohe Glastürme, in denen die fertigen Wagen gestapelt und von Robotergeisterarmen zu den Kunden gebracht werden sollten, hatte noch ein paar andere Ideen, taufte das Ganze Autostadt Wolfsburg, eröffnete sie zur Weltausstellung des Jahres 2000 in Hannover und ahnte damals wahrscheinlich nicht im Entferntesten, was man damit angerichtet hatte.

          Die Maschinisierung des Menschen

          Nach fünfzehn Jahren ist die Autostadt viel mehr als nur das größte Auslieferungszentrum der Welt im Schatten der größten Autofabrik des Planeten und seines Kraftwerks mit den vier kolossalen Schornsteinen, die sich wie die Kulisse eines Fritz-Lang-Films über dem Areal erheben. Sie ist inzwischen Wolfsburgs größte Touristenattraktion und beliebtestes Naherholungsgebiet, dazu Marketingmegalopolis und Kunstraum, Klassenzimmer und Esszimmer, ein Ort des intellektuellen Diskurses und natürlich immer noch der Ort, an dem jedes Jahr 170000 Autos an die Frau und den Mann gebracht werden – eines pro Minute, was zwangsläufig zu einer gewissen Nüchternheit führt und keinen Raum für eine pompöse Inszenierung der deutschen Ingenieurskunst lässt. Wer diese Art von Ehrfurcht sucht, muss schon eine Werkstour dazubuchen, sich in einer Bimmelbahn auf Rädern durch die Fertigungshallen kutschieren und mit Zahlen bombardieren lassen, die so gewaltig sind, dass man selbst klitzeklein wird: 6,4 Quadratkilometer ist die Fabrik groß, so groß wie ganz Gibraltar, fast siebzigtausend Menschen arbeiten hier, und als neulich der dreißigmillionste Golf vom Band lief, feierte man auf dem Werksgelände eine Party mit zweihunderttausend Gästen. Dass Volkswagen nebenbei auch noch 7,8 Millionen seiner sagenumwobenen Currywürste in der werkseigenen Metzgerei produziert, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

          Geschwungene Eleganz: Der Porsche-Pavillon will die typische Formensprache der Marke repräsentieren.
          Geschwungene Eleganz: Der Porsche-Pavillon will die typische Formensprache der Marke repräsentieren. : Bild: Autostadt Wolfsburg

          Tief in den Bauch der Fabrik geht es hinein, zwischen Dutzenden paralleler Fertigungsstraßen hindurch, in denen all die Golf und Touran und Tiguan zusammengebaut werden, zu dreißig Prozent von Robotern, den Rest muss der angeblich so überflüssige Mensch erledigen. Über ein hundertsechzig Kilometer langes Transportsystem an der Decke werden die Autotorsi von Station zu Station gebracht, nehmen verblüffend schnell Gestalt an und verschwinden dann im Untergrund, um in den Glastürmen wiederaufzutauchen. Wie ein riesenhaftes minotaurisches Labyrinth wirkt diese Fließbandfabrik und ist doch bis zum letzten Handgriff so durchdacht, so durchorganisiert wie ein industrieller Ameisenhaufen – und dabei so ruhig, fast still, dass man seinen Ohren kaum traut. Nirgendwo hallen Hammerschläge, sprühen Lötfunken, stinkt es nach Maschinenöl, nirgendwo brüllen Vorarbeiter Befehle, schleppen sich geknechtete Gestalten zu ihren Schraubenschlüsseln, wirken die Menschen in ihrer Maschinisierung entmenschlicht. Die Autos ruhen auf höhenverstellbaren Podesten, damit sich die Arbeiter nicht bücken müssen, während die Männer und überraschend vielen Frauen selbst auf federnden Holzböden stehen, damit ihre Gelenke geschont werden. Hier, denkt man sich im Stillen, hier hätte Karl Marx sein „Kapital“ niemals geschrieben.

          Götzenbild des Geschwindigkeitsrausches

          Vielleicht hätte er stattdessen Lust bekommen, sich von seinem reichen Kompagnon Friedrich Engels einen flotten Wagen aus dem Volkswagenkonzern spendieren zu lassen. Genau das ist immer noch eine zentrale Aufgabe der Autostadt, die in acht Pavillons die einzelnen Marken mit ihren jeweiligen Besonderheiten präsentiert. Bei manchen wie VW oder Porsche fühlt man sich nicht viel anders als in einem Verkaufsraum de Luxe. Andere Marken hingegen betreiben einen gewaltigen Aufwand, um sich ins rechte Licht zu rücken. Im Audi-Pavillon zum Beispiel bekommt man am Eingang eine Plastikkugel, die im Laufe des Rundgangs immer wieder ihre Farbe verändert und an Dutzenden von Bildschirmen und Konsolen in eine Vertiefung gesteckt werden kann, um eine Multimedia-Präsentation in Gang zu setzen. So lernt man unter anderem, dass sich die Audi-Ingenieure bei ihrer Leichtbauweise von Libellen inspirieren lassen, diesen Wunderwesen der Natur mit einer derart raffinierten Anatomie, dass die Flügel nur zwei Prozent ihres Gesamtgewichts ausmachen.

          Alles automatisch: In den gläsernen Auslieferungstürmen erledigen Roboter die Arbeit.
          Alles automatisch: In den gläsernen Auslieferungstürmen erledigen Roboter die Arbeit. : Bild: Autostadt Wolfsburg

          Bei den sportlichen Konzernmarken geht es etwas grobschlächtiger zu als bei Audis Libellen. Im Lamborghini-Pavillon hat man einen gelben Flitzer mit der Unterseite an die Wand geschraubt, lässt ihn von diabolischen Rauchschwaden umwabern und spielt dazu in einer infernalischen Lautstärke von hundertzehn Dezibel eine eigenartige Komposition aus pathetischen Kleisterklängen und aufheulenden Motoren – eindeutig ein Appell an die niederen Benzininstinkte. Und bei Bugatti hat der Konzeptkünstler Olaf Nicolai einen Veyron 16.4 Super Sport – eine Rakete auf Rädern, 1200 PS, 431 km/h Höchstgeschwindigkeit – zu einer vollständig versilberten, auf einem silbernen Podest thronenden Skulptur verfremdet. Jetzt steht die Kiste dort wie die silberne Schwester des goldenen Kalbes, das Götzenbild einer ad absurdum getriebenen Mobilität.

          Elvis Presleys Traumauto

          Doch ein solches Glaubensbekenntnis des Geschwindigkeitsrausches, eine solche Form der automobilen Glorifizierung bleibt in der Wolfsburger Autostadt die Ausnahme, selbst wenn in einem weiteren Pavillon die Meilensteine der Automobilgeschichte mit geradezu sakralem Ernst ausgestellt werden – der Benz Velo, das erste Serienfahrzeug der Welt, und der Kabinenroller von Messerschmitt, der aussieht wie ein fahrender Eierkocher; ein goldener VW Käfer im glitzernden Strasskleid und ein hochglanzpolierter Cadillac Eldorado, ein Schiff von Auto mit Heckflügeln wie von den Erzengeln Michael und Gabriel, das in Elvis Presleys Garage gleich in dreizehnfacher Ausführung stand.

          Die Zukunft der Mobilität: In der Ausstellung „Level Green“ macht man sich darüber Gedanken, wie es mit der Welt und den Menschen weiter geht.
          Die Zukunft der Mobilität: In der Ausstellung „Level Green“ macht man sich darüber Gedanken, wie es mit der Welt und den Menschen weiter geht. : Bild: Autostadt Wolfsburg

          Gleich nebenan aber beschäftigt man sich ganz seriös mit der Zukunft nicht nur der Mobilität, sondern des Planeten Erde überhaupt. In der Ausstellung „Level Green“ lassen Dutzende interaktiver Terminals den Besuchern gar keine andere Wahl, als sich Gedanken über das Überleben der Erde zu machen. Eine schematisierte Weltkarte mit unterschiedlich starken Fontänen zwischen den Kontinenten veranschaulicht den virtuellen Wasserverbrauch in der Konsumgüterproduktion, also die Menge Wasser, die man zur Herstellung eines Baumwollhemdes oder Kalbsschnitzels benötigt – und demonstriert, dass Südamerika mit dem Amazonas eines Tages austrocknen wird, wenn wir so gedankenlos weitermachen wie bisher. An einem anderen Terminal kann man sich anhand verschiedener Indikatoren seinen eigenen „Carbon Footprint“ und den aller Durchschnittsdeutschen ausrechnen lassen – mit dem Ergebnis, dass wir gleich drei Erdbälle brauchten, wenn alle Menschen auf so großem Fuß lebten wie wir.

          Krachschleuder im Lamborghini-Pavillon

          Kritik ist erwünscht in der Autostadt, und so wird man schon im Foyer mit seinen zweiundzwanzig Meter hohen Glasfronten von einem gigantischen Globus des Medienkünstlers Ingo Günther empfangen. Unter der Monsterskulptur hat er achtzig kleine Globen so bearbeitet, dass sie Wohl und Wehe der Welt veranschaulichen; eine Weltkugel zum Beispiel wird kreuz und quer hundertfünfzehnmal von einer leuchtenden Linie umrundet – es ist der Stau, der zustande käme, wenn man sämtliche Autos des Planeten Stoßstange an Stoßstange parkte. Mitunter hat man sogar den Eindruck, dass die Autostadt gar keine Autostadt mehr sein will, sondern lieber der Wegweiser in eine bessere Zukunft, etwa wenn sie die Besucher für die Gefahren des Klimawandels sensibilisiert, Kochkurse für Kinder veranstaltet, die sich im autostadteigenen Kräutergarten bedienen können, oder Eltern einlädt, Probleme ihres pubertierenden Nachwuchses mit Pädagogikexperten zu besprechen. Und besonders stark ist dieser Eindruck, wenn man das imposante Kulturprogramm betrachtet, das für die Autostadt inzwischen repräsentativer ist als die Krachschleuder im Lamborghini-Pavillon.

          Jedes Jahr wählt sie sich ein Generalmotto für ihre zweihundertfünfzig Veranstaltungen – Frieden, Glück, Toleranz, Schönheit –, lädt Jazzmusiker, Tanzensembles, Theaterkompagnien und Rockbands ein, veranstaltet die Festwochen Movimentos in einem Teil des Kraftwerks, installiert im Sommer Wasserspiele und im Winter einen Weihnachtsmarkt samt Eislaufbahn. Dabei geht es immer auch darum, die Lebensqualität der Wolfsburger zu verbessern, die zu gefühlten neunundneunzig Prozent Autos aus dem Konzern fahren und deren Loyalität VW gegenüber so bedingungslos wie alternativlos ist. Das scheint zu funktionieren, denn mittlerweile verkauft die Autostadt achtzigtausend Jahreskarten an Menschen aus der Region, denen dieser Ort zum Wohnzimmer und gemeinsam mit den Kickern des VfL wohl zum größten Identitätsstifter der jüngeren Vergangenheit geworden ist.

          Einer der besten Köche Deutschlands

          Auf keinem anderen Feld ist der Autostadt die Steigerung der Lebensqualität so spektakulär gelungen wie bei der kulinarischen Kultur – nicht nur, weil in allen Restaurants inzwischen fast ausschließlich mit Bioprodukten gekocht wird und man selbst der VW-Currywurst, die hier kultische Verehrung genießt, eine Biovariante zur Seite gestellt hat. Viel mehr noch ist das einem Mann zu verdanken, der die Wolfsburger Autostadt auf der Weltkarte der Feinschmecker felsenfest verankert hat, ganz so, als wolle er beweisen, dass die Deutschen auch in der Küche und nicht nur in der Werkstatt Meister der Feinmotorik sind.

          Zauberkugeln für fortgeschrittene Feinschmecker: Sven Elverfeld als Aromenalchimist in seinem Restaurant Aqua.
          Zauberkugeln für fortgeschrittene Feinschmecker: Sven Elverfeld als Aromenalchimist in seinem Restaurant Aqua. : Bild: Marcus Höhn

          Sven Elverfeld hatte keine imposante Biographie, sondern nur einen soliden Werdegang in der Haute Cuisine hinter sich, als er bei der Eröffnung der Autostadt die Küche des Restaurants Aqua im Luxushotel Ritz-Carlton mitten auf dem Gelände übernahm – eine Schicksalsfügung, die Elverfeld in den Olymp der Küchengötter geführt und ihm drei Michelin-Sterne samt Höchstnoten in sämtlichen anderen Gourmetführern beschert hat. Dass er an diesem jungfräulichen Ort bei Null anfangen musste, war keine Bürde, sondern ein Segen. So konnte er sich seine kulinarische Unkonventionalität und unbändige Freiheitsliebe am Herd bewahren. Er sei impulsiv, sagt Elverfeld von sich, passe in keine Schublade und tauge für kein Etikett. Er folge nur seiner Phantasie und lasse sich allenfalls von den Jahreszeiten inspirieren, und überhaupt wolle er nicht über seinen Kochstil sprechen, weil er sich ja ständig weiterentwickle – um dann mit fast verschämtem Stolz zuzugeben, dass die Assoziationskette zu Wolfsburg in Deutschland und der Welt mittlerweile Volkswagen – Autostadt – VfL – Aqua laute.

          Wolfsburgs schönster Stadtteil

          Seine Gerichte sprechen für sich, für die Weltoffenheit eines Lokalpatrioten, der sich seine Butter von Bauer Banse aus der Lüneburger Heide liefern lässt und seine Gerichte genauso selbstverständlich mit Kimchi aus Korea und Yuzu aus Japan, mit mexikanischer Guacamole und peruanischer Quinoa abschmeckt, der Mutter aller Getreide für die Inkas in den Anden. Elverfeld schafft das Kunststück, lauter widerstreitende Aromen wie Spargel, Senf, Garnele und Blutwurst in einem einzigen Gericht wundersam zu verbrüdern, stiftet eine glückliche Ehe zwischen Schneckenkaviar und Frankfurter Grüner Sauce, nobilitiert das Schweinekinn, einen wahrlich groben Geschmacksgesellen, durch den exakt richtigen Grad der Parierung zu ungeheurer aromatischer Noblesse und lässt zum Abschluss den Kellner ein Ei auf dem Dessertteller zerdeppern – das in Wahrheit aus Schokolade, Eierlikör und Kakaoschaum besteht und dessen schwere Süße von der pikanten Säure eines Sellerie-Eises gezähmt wird, kunstvoll dargereicht mit den charakteristischen Rillen wie bei einer echten Selleriestange.

          Hell, licht, weit: das Eingangsgebäude der Autostadt mit seinem Gigantenglobus.
          Hell, licht, weit: das Eingangsgebäude der Autostadt mit seinem Gigantenglobus. : Bild: Autostadt Wolfsburg

          Man lebe übrigens sehr gut in Wolfsburg, sagt der gebürtige Hessen-Bub Sven Elverfeld. Er jedenfalls wolle hier nicht mehr weg, habe nicht zufällig eine Wolfsburgerin geheiratet, zwei Wolfsburger Kinder mit ihr gezeugt und wohne da drüben, knapp hinter dem Mittellandkanal in Alt-Hesslingen, dem schönsten Teil Wolfsburgs, den müssten wir uns unbedingt anschauen. Große Worte sind das, die genauso große Skepsis erzeugen, weil das Begriffspaar Wolfsburg und Schönheit ganz gewiss nicht zum Repertoire des typisch Deutschen gehört. Und doch braucht man zu seiner eigenen Verblüffung nur ein paar Minuten, um den Vorhang aus Vorurteilen zu zerreißen und Sven Elverfeld recht zu geben.

          Der Vater des Deutschlandliedes

          Hinter den beiden gläsernen Auslieferungstürmen der Autostadt lugt ein dritter hervor, der weiß verputzte Wohnturm einer Wasserburg im Stil der Weserrenaissance. Er ist die Krönung der Wolfsburg, deren Fundamente im vierzehnten Jahrhundert gelegt wurden und die der Stadt ihren Namen gab, nachdem sie das Nazi-Stigma abgeschüttelt hatte. Die prachtvolle Burg zollt ihrer Geschichte mit Jagdzimmern voller Flinten, Felle und Trophäen Respekt, zeigt aber auch zeitgenössische Kunst, hat es sich wie ein Märchenschloss in einem verwunschenen, englischen Landschaftspark bequem gemacht und ist von alten Fachwerkhäusern mit einem schönen Wechselspiel aus braunen Balken und roten Backsteinen umgeben. In einem dieser Häuser, so verkündet es eine Plakette, versteckte sich Hoffmann von Fallersleben, der Freiheitskämpfer und Dichter der deutschen Nationalhymne, vor seinen Häschern. Und das uralte Dorf, dem er seinen Namen verdankt, liegt auch nur einen Steinwurf entfernt. Wolfsburg mag eine Retortenstadt sein, aber sie wurde zwischen lauter Ortschaften gepflanzt, die über Jahrhunderte gewachsen sind und heute alle zu Wolfsburg gehören – entzückende Dörfer voller Fachwerk, die sich um Backsteinkirchen scharen, unter alten Linden Schatten finden und auf ihren Schornsteinen Störchen ein Zuhause geben.

          Das Raumschiff ist gelandet: Zaha Hadids Wissenschaftsmuseum Phaeno.
          Das Raumschiff ist gelandet: Zaha Hadids Wissenschaftsmuseum Phaeno. : Bild: dpa

          Auch Alt-Hesslingen ist ein solcher Ort. Wie Zeitreisende, die sich ins falsche Jahrhundert verirrt haben, dösen eine Handvoll Häuser gleich hinter dem Wolfsburger Hauptbahnhof entlang stiller Sackgassen mit Kopfsteinpflaster vor sich hin und tun so, als gäbe es das moderne Wolfsburg nicht – all diese urbanistischen Scheußlichkeiten aus den fünfziger bis neunziger Jahren, die man entlang der Porschestraße aneinandergereiht hat, aus keiner vorangegangenen Sünde reumütig lernend, sondern sie immer nur noch übertreffend. Der Gerechtigkeit halber muss aber auch gesagt werden, dass die Wolfsburger Fußgängerzone keineswegs missratener ist als ihre Geschwister in den meisten anderen deutschen Städten. Und sie kämpft tapfer gegen ihr Schicksal, Geld ist schließlich genügend da in dieser immer tadellos zurechtgemachten Stadt, die dank VW niemand in Deutschland an Wirtschaftskraft pro Einwohner übertrifft, nicht einmal Frankfurt oder München. Mit Platanen und Skulpturen heulender Wölfe oder grasender Giraffen wird die Porschestraße verhübscht; mit Blumenkübeln und Glockenspielen, die zu jeder vollen Stunde Beethovens „Ode an die Freude“ intonieren; mit Schachspielen und Straßencafés, die hochoriginelle Namen wie „Café & Bar Celona“ tragen; oder mit Gebäuden weltberühmter Architekten, die sogar noch ein bisschen origineller sind als das Cafébarcelona.

          Heimat der Heimatlosen

          Am oberen Ende der Porschestraße hat Hans Scharoun ein Theater gebaut, das wie die kleine Schwester der Berliner Philharmonie in Grau statt Gold aussieht; im mittleren Abschnitt stößt man auf ein Kunstmuseum von Alvar Aalto, das immer noch ein Bistro mit dem Originalmobiliar des Meisters beherbergt. Und am unteren Ende, gleich gegenüber der Autostadt und dem VfL-Stadion, hat Zaha Hadid ein Wissenschaftsmuseum in Form eines Star-Trek-Raumschiffs geschaffen. Lauter Wahrzeichen sind das, deren sich kaum eine andere deutsche Stadt mit wenig mehr als hunderttausend Einwohnern rühmen kann – und die doch den Schatten der vier Schornsteine des VW-Kraftwerks niemals abschütteln können.

          Zwischen Raumschiff und Hauptbahnhof steht einsam und verloren eine Bronzeskulptur. „L’emigrante“ heißt sie und stellt lebensgroß einen italienischen Gastarbeiter dar, einen der Abertausende von Arbeitsemigranten, die einst mit kleinem Gepäck und großen Erwartungen in eine Stadt kamen, in der nach dem Zweiten Weltkrieg alle fremd waren, in ein Sammelbecken der Entwurzelten und Heimatlosen, der Vertriebenen und Notgetriebenen. Das ist Geschichte. Jetzt scheint sich Wolfsburg, diese deutsche Autostadt schlechthin, dieses Aschenputtel mit seinem Blaumannprinzen, endlich selbst Heimat geworden zu sein.

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