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Typisch deutsch (4) : Die wahre Geschichte der Kuckucksuhr

Trachtenmädchen Jana leidet bei 39 Grad im Schatten nicht schlecht – alles fürs Foto im Heimatmuseum Vogtsbauernhof. Bild: Andrea Diener

Bollenhutmädchen, Schwarzwaldklinik und natürlich die Kuckucksuhr – das sind die Symbole, die nicht nur den Schwarzwald, sondern das Bild von ganz Deutschland geprägt haben.

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          Ganz im Ernst: Ich habe mir eine Kuckucksuhr gekauft. Ein schlichter Kasten aus schön gemasertem Kirschholz ohne Zierrat, aber ansonsten mit allem, was eine Kuckucksuhr ausmacht: Pendel, zwei Gewichte für Uhr- und Schlagwerk, alles mechanisch und natürlich ein Kuckuck hinter einem Kläppchen. Echte Handarbeit aus dem Schwarzwald und überhaupt nicht vom Aussterben bedroht, im Gegenteil: Die Nachfrage nach Kuckucksuhren ist momentan so groß, dass man mit der Fertigung von Uhrwerken kaum nachkommt. Zehn Manufakturen gibt es heute noch, etwa sechshundert Menschen leben von der Uhrenproduktion.

          Wie konnte das passieren, dass aus dem Symbol deutscher Kleingeistigkeit, diesem Kitschaccessoire des Gelsenkirchener Barock, ein Objekt wird, das man sich wieder guten Gewissens in die Wohnung hängt? Und wie konnte aus diesem etwas albernen Holzkasten mit Blasebalg und Zweitonflöte das – also: das! – deutscheste aller deutschen Produkte werden? Gefertigt, geht es nach der Phantasie der Käufer, tief im Wald in strohgedeckten Holzhäusern von rotwangigen Mädchen, die auf ihren Köpfen riesige Bollenhüte balancieren und tagein, tagaus Schwarzwälder Kirschtorte futtern? Es gibt entsetzlich viele Klischees, die sich um den Schwarzwald ranken und ihn allzu oft als die urdeutscheste Region überhaupt erscheinen lassen. Mein Bild vom Schwarzwald war von ebendiesen Vorstellungen geprägt, gestützt durch jahrelangen Schwarzwaldklinik-Konsum mit meiner Mutter auf dem heimischen Frankfurter Sofa. All das sorgte bislang für eine gesunde Distanz zu dieser Gegend.

          Bollenhutkitsch an der Schinkenstraße

          Und auf den allerersten Blick erscheint alles genau so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe: Die Menschenmassen, die sich durch das Örtchen Triberg wälzen und stöckchenbewehrt in Kolonnen zu den berühmten Wasserfällen hochkeuchen, die neonbeleuchteten Kuckucksuhren-Kaufhallen am Wegesrand, die vom winzigen China-Imitat bis hin zur penibel rekonstruierten historischen Uhr für Tausende Euro alles anbieten, dazu körbeweise Schneekugeln und Trachtenpüppchen und natürlich Bollenhutkitsch. Nebenan die hölzernen Verkaufsbuden, die sich „Schinkenstraße“ nennen – allein die Vorstellung! –, darüber stapeln sich Terrassencafés, die so tun, als seien sie totally german Biergärten. An den Wirtschaften hängen Schilder, auf denen „We don’t have Pizza“ steht – unqualifizierte Nachfrage nach italienischen Fladen scheint hier ein ärgerliches Dauerproblem zu sein. Der Schwarzwald mag schön sein, den Auftrieb in Triberg hingegen kann man nicht unbedingt zur Erholung anempfehlen.

          Nebenan im gleich viel ruhigeren Schonach sitzt ein Trüppchen im Garten vor der „Ersten Weltgrößten Kuckucksuhr“ der Familie Dold, die so lange die weltgrößte war, bis man im unersättlichen Triberg eine noch größere baute. „Lovely“ und „very cute“ finden die amerikanischen Damen den behäbigen Kuckuck in Dobermanngröße, der sich schnarrend aus seiner Luke quält. Opa Dold war Uhrmacher und bastelte einst dieses Wunderwerk, nun lebt seine Familie von der Besichtigung und dem Verkauf von Souvenirs: Uhren, Kühlschrankmagnete, alles mit Bollenhut.

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