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Typisch deutsch (3) : Speeddating mit King Ludwig

Deutscher wirds nicht: Das Schloß des Bayernkönigs muß man gesehen haben. Bild: dpa

Die ganze Welt versucht diesem exzentrischen König auf die Spur zu kommen. An Neuschwanstein, diesem deutschesten aller deutschen Schlösser, führt deshalb kein Touristenweg vorbei.

          8 Min.

          Die Tour Nummer 432 startet um 10.40 Uhr. Und zwar auf die Sekunde genau. Dann geben die Drehkreuze dem Drängen der elektronischen Tickets nach und machen den Weg frei. Eine international bunt gemischte Gruppe schiebt sich in das Zugangsgatter, ein bisschen wie beim Viehtrieb, fünfzig Menschen aus Korea, Schweden, England, Italien, Spanien. Vor dem Treppenaufgang zum Viereckturm stehen zwei Männer, einer sagt: „Please put your backpacks in front.“ Das ist „Hr. Schranner“, so steht es auf seinem Namensschild. Die Besucher tun, wie ihnen geheißen, und hängen sich die Rucksäcke vor die Brust. Herr Schranner ist ein junger, schlanker Mann mit gebräuntem Teint, weißem Hemd, Weste, silberfarbener Krawatte. Er ist für die Tour 432 der Schlüssel zum Märchenkönig.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Der Schlosshof ist erfüllt von Stimmengemurmel. So muss sich Babel angehört haben. Die Gruppe folgt Herrn Schranner ins Gebäude, noch ist nicht viel zu sehen, nackte Wände, Steinfußboden, es dauert, bis alle versammelt sind. Dann beginnt der Aufstieg über eine Wendeltreppe in die zweite Etage. Quälende zwei Minuten später sind endlich alle oben angelangt, seit dem Einlass sind schon vier Minuten unserer kostbaren Zeit vergangen. Man ahnt: Selbst Sekunden können sich hier zum Programmhänger auswachsen. Schließlich schließt Herr Schranner die schwere Holztür mit energischem Ruck und begrüßt die Gäste in fließendem britischen Englisch.

          Er erzählt von der siebzehnjährigen Bauzeit des Schlosses, von den hundertzwanzig Zimmern, dem nicht ausgebauten dritten Stock, vom Plan des Königs, was er mit diesem Bau wollte – seine Ruhe vor den Menschen haben –, den er aber nicht mehr wirklich erlebte. Denn, sagt Herr Schranner und hält einen spannungssteigernden Augenblick inne, „he died under mysterious circumstances.“

          Ü-30-Party im Festspielhaus

          Das war 1886, und seither löst der tote König weltweit eine Faszination aus, die dazu geführt hat, dass das ohnehin von bayerischen Sehenswürdigkeiten geprägte Bild Deutschlands in Neuschwanstein seine ikonographische Zuspitzung gefunden hat: Das Schloss ist nicht nur der Prototyp der deutschen Burg, sondern auch eine rund um den Planeten verwendete Folie für die amerikanische Unterhaltungsindustrie – insbesondere weil Disney Versatzstücke des Baus in seinem Signet und in seinen Märchenfilmen verwendet. Im vergangenen Jahr wurden knapp 1,6 Millionen Karten verkauft, an Spitzentagen werden in hundertzwanzig Führungen bis zu achttausend Besucher abgefertigt.

          Es ist 10.46 Uhr, der Blick geht durch die geöffneten Fenster mit den Zinnrippen auf den Forggensee hinunter. Das Festspielhaus steht dort, vor fünfzehn Jahren für ein Musical über Ludwig II. errichtet – ein geplatzter Traum; in diesem Sommer spielen dort Unheilig und Revolverhead, und eine Ü-30-Party gibt es auch. Herrn Schranners Mahnung erinnert seine Schützlinge daran, wo sie sich befinden. Bitte nichts berühren, „the palace authority doesn’t allow it.“ Alles sei mehr als hundertdreißig Jahre alt. Der Spruch zieht aber höchstens bei Amerikanern. „Gee, that’s really old!“

          Bis heute hat der Bayernkönig, der unter ungeklärten Umständen ums Leben kam, eine treue Anhängerschaft.

          Ein grauer Tag. An der Kasse im Tal mäandert die Ticketschlange. Fünfzig Prozent der Karten gehen in den Vorverkauf, die andere Hälfte wird frei verkauft. Es soll die Chance geben, spontan zu besichtigen, aber auf Wartezeit muss man sich dann schon einstellen. Zwölf Euro kostet der Eintritt, Kinder und Jugendliche bis achtzehn dürfen umsonst zum Kini. Neuschwanstein ist hochprofitabel; dass Ludwig im Bankrott endete, ist längst vergessen, bis heute nährt er die Nachfahren seiner Untertanen mühelos.

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