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Türkei : Jetzt erst recht?

Die Januarsonne geht unter und lässt die Blaue Moschee in Istanbul in den zartesten Farben erleuchten. Bild: AFP

Kann man nach den Anschlägen noch nach Istanbul reisen? Man sollte es. Denn sonst wäre das Ziel der Terroristen erreicht

          Nach dem Selbstmordanschlag, dem zehn Deutsche zum Opfer gefallen sind, ist der Sultan-Ahmed-Platz in Istanbul nicht mehr das, was er einmal war: perfekter Ausgangspunkt für Spaziergänge durch das Alte Istanbul, unschuldige Kulisse für Fotos, die sofort verraten, in welcher Stadt man gerade ist.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Rund um den Sultan-Ahmed-Platz befinden sich einige der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Istanbuls. Lange wurde er „At Meydani“, „Pferdeplatz“, genannt, schließlich ist er das weltberühmte byzantinische Hippodrom, erbaut im Jahr 203 nach dem Modell des Circus Maximus. Blickt man von ihm aus nach Norden, sieht man die Hagia Sophia. Wendet man sich nach Osten, schaut man auf die Sultan-Ahmed-Moschee, die wegen ihrer blau-grünen Fayencen auch „Blaue Moschee“ genannt wird. Für Muslime ist sie eine der bedeutendsten Moscheen der Welt. Trotzdem sind auch Nicht-Muslime dort willkommen, vorausgesetzt, es ist gerade keine Gebetszeit, Schultern und Beine der Besucher sind bedeckt und die weiblichen Gäste verhüllen ihr Haar mit einem der Tücher, die man am Eingang für diesen Zweck ausleihen kann. Sicherlich hatten sich die Männer und Frauen, die am Dienstag auf dem Sultan-Ahmed-Platz getötet wurden, sehr auf den Besuch gefreut: Die Blaue Moschee ist neben der Hagia Sophia der Höhepunkt jeder Istanbul-Reise.

          Fanatischen Islamisten ist das schon lange ein Dorn im Auge. Sie empfinden es als Frevel, dass Ungläubige einen Fuß in die Moschee setzen. Außerdem fordern sie, dass die Hagia Sophia von einem Museum zurück in eine Moschee verwandelt wird - erbaut im 6. Jahrhundert als Kirche, wurde sie nach der Eroberung Konstantinopels eine Moschee und nach der Gründung der türkischen Republik ein Museum. Der Ort des Anschlags war also in doppelter Hinsicht kein Zufall: Der sogenannte Islamische Staat (IS) wollte nicht nur die Türkei treffen, indem er mit einem Anschlag an diesem bedeutenden Ort dem Tourismus den Boden unter den Füßen wegzieht. Getroffen werden sollten auch all jene Muslime, die Nicht-Muslime Anteil nehmen lassen wollen an den Herrlichkeiten, die muslimische Künstler zur Lobpreisung ihrer Religion geschaffen haben. Fanatische Islamisten halten nichts von einem weltoffenen Islam.

          Mitte der Achtziger am Sultan-Ahmed-Platz

          Von Freunden und Bekannten höre ich in diesen Tagen oft: Auf diesem Platz habe auch ich schon einmal gestanden. Auch ich war schon dort, zum ersten Mal mit elf Jahren, in einem Sommer Mitte der Achtziger. Damals war der Sultan-Ahmed-Platz noch zugänglich für Autos, und so hatten meine Eltern mehrere Tage lang unser Wohnmobil dort abgestellt. Es störte niemanden, dass darin auch übernachtet wurde. Im Gegenteil: Die Istanbuler beglückten uns mit ihrer Gastfreundschaft; sie brachten Tee und Essen, und der Besitzer eines Dönerlokals erlaubte uns, die Waschräume seines Restaurants jederzeit zu benutzen. Schon damals gab es auf dem Platz unzählige Straßenverkäufer, die einem Postkarten, Souvenirs und Ähnliches andrehten. Bis heute ist er ein Ort, an dem man ständig angesprochen wird. In der Reisegruppe, die am Dienstag zum Opfer des Anschlags wurde, wunderte sich deshalb vermutlich niemand, als sich ein Fremder zu ihnen stellte. 33 Männer und Frauen lauschten gerade ihrem Reiseleiter, als er sich in ihrer Mitte in die Luft sprengte. Laut dem Kreuzberger Reisebüro, das die Tour organisiert hatte, war die Gruppe „bundesweit“ gemischt. Es waren Leute, die neugierig sind auf die muslimische Kultur.

          Als wäre nichts geschehen: die Blaue Moschee im Gegenlicht.

          Noch ist offen, ob der IS sein Ziel erreicht hat, Reisenden diese Neugier zu nehmen. Das Auswärtige Amt in Berlin hat für die Türkei eine Reisewarnung ausgesprochen. Der Anbieter Studiosus hat alle Reisen, die bis Ende Januar Istanbul als Ziel hatten, abgesagt. Was mit den für Februar geplanten Touren geschieht, will das Unternehmen zeitnah entscheiden. Der Türkei-Spezialist Öger Tours hat bisher auf Absagen verzichtet. Anfragen wegen Umbuchungen oder Stornierungen wurden bisher kaum gestellt, hieß es aus der Geschäftsleitung. Ähnliches berichten auch Gabi und Erdogan Altindiş von Manzara Istanbul, einem kleinem Unternehmen, das bezahlbare Ferienwohnungen an Leute vermietet, die Istanbul erkunden wollen. Sie haben schon oft erlebt, dass Kunden als Reaktion auf Anschläge - die es in den vergangenen Jahren ja immer wieder in der Türkei gab - ihre Buchungen stornierten. Diesmal hat Manzara jedoch erst eine Absage erhalten, und zahlreiche Gäste hätten sogar am Tag des Attentats gebucht. Einige schrieben, sie wollten nun erst recht nach Istanbul kommen - sich vom IS einschüchtern zu lassen sei das falsche Signal. „Mich freut das sehr“, sagt Gabi Altindiş. „Die Türkei und insbesondere Istanbul sind nach wie vor der beste und schönste Platz, um den Dialog zwischen Ost und West zu führen.“ Auch der deutsche Fußball bleibt der Türkei offenbar treu. Derzeit trainieren sechs Bundesligisten und zehn Zweitligisten in Wintercamps an der türkischen Südküste.

          Der Rückzug der Touristen wäre ein herber Schlag

          Für die türkische Wirtschaft wäre der Rückzug deutscher Touristen ein herber Schlag. Mit über fünf Millionen Besuchern war Deutschland 2015 das zweitwichtigste Herkunftsland von Feriengästen. Die Branche leidet ohnehin schon unter dem Wegbleiben russischer Touristen. 4,5 Millionen Russen kamen zuletzt in die Türkei. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im türkisch-syrischen Grenzgebiet hat Moskau jedoch Charterflüge in die Türkei verboten und russischen Reiseagenturen untersagt, Reisen dorthin zu verkaufen. Ob sich im Sommer die türkischen Hotels und Ferienressorts statt mit russischen weiterhin mit deutschen Touristen füllen werden, bleibt abzuwarten.

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