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Tropical Islands : Wenn die Tropen Trauer tragen

Das Wasser reicht bis zur Taille, manchmal auch nur bis zum Bauchnabel. Zum Planschen reichts, Schwimmen soll man hier besser nicht wollen.
Das Wasser reicht bis zur Taille, manchmal auch nur bis zum Bauchnabel. Zum Planschen reichts, Schwimmen soll man hier besser nicht wollen. : Bild: Andrea Diener

Draußen, also richtig draußen, ist gerade ausnehmend schönes Wetter, eigentlich sollten alle an irgendwelchen echten Seen in echter Natur sein. Aber es gibt anscheinend einen Haufen Leute, die Instant-Natur der echten vorziehen. Wir wären, ehrlich gesagt, jetzt lieber am See. Da riecht die Luft nach warmem Gras, und man hört Vögel. Wir sehnen uns sehr nach Gras und Vögeln und würden auch Ameisen in Kauf nehmen und Kinderpipi im Wasser. Egal.

Man kennt sich mit Wein nicht so aus

Hinter der Riesenrutsche ist der Notausgang. Wir beobachten ein Paar in Badebekleidung, das Hand in Hand vor der Glasscheibe steht und nach draußen schaut. Am Horizont ist Wald, davor ist nichts. Erdhügel türmen sich auf, rotweiße Bänder flattern, hier wird gebaut. Genau genommen: Hier wird expandiert, denn Tropical Islands bekommt ein Außengelände. Man möchte mehr Kunden, die länger bleiben, man möchte den Spreewald mit einbinden, man möchte den „Conference-Bereich“ erschließen.

Deshalb gibt es auch ganz normale Hotelzimmer ohne Pappmachézinnen und Dekorumfässer, und deshalb gibt es auch ein schickes neues Restaurant mit Fine-Dining-Anspruch. „Tropical Garden“ heißt das schicke neue Restaurant, und hier gibt es Tatar vom brandenburgischen Weiderind und Jakobsmuscheln und Risotto mit Wildlachs. Die Bedienung empfiehlt einen Hauswein, weiß aber gerade nicht, was da ausgeschenkt wird, und kennt sich mit Wein generell nicht so aus. Hier gibt es auch eine relativ schicke Bar, aber weil wir noch eine Runde in der abendlich faltigen Südsee schwimmen wollen, die momentan erfreulich leer ist, verpassen wir die Öffnungszeit.

Am besten ist der Kinderbereich, aber da dürfen wir leider nicht mehr mitspielen, wir sind zu groß.
Am besten ist der Kinderbereich, aber da dürfen wir leider nicht mehr mitspielen, wir sind zu groß. : Bild: Andrea Diener

Kurz vor Mitternacht wird’s eng in Sachen Gastronomie. Schließlich finden wir die Raucherlounge, die hat noch offen, und Cocktails gibt es auch. Also, so ähnlich. Als ich der Barkeeperin sage, ich hätte meinen Gin Tonic lieber ohne Gurke, schaut sie mich an, als hätte ich ihn mit Leberwurst bestellt. Sie schüttet No-Name-Tonic auf No-Name-Gin, die Begleiterin bekommt etwas sehr Klebriges mit Mango, zack, auf die nasse Theke geknallt, auf den Chip gebucht, fertig.

Tonbandaffen und Tonbandpapageien

Wir sitzen auf den Loungesofas bei artifiziellen und immer konstanten 25 Grad und trinken schlechte Mischgetränke. Neben uns feiern größere Männergrüppchen irgendwas. Wir hingegen sind vollkommen fertig. Für diese Art von Erholung sind wir nicht gemacht. Für die Sache mit dem Conference-Bereich müssen die noch ein bisschen üben, merke ich an. „An diesem Ort“, meine Begleiterin wird jetzt ein bisschen pathetisch, „ist keine Liebe!“ Dann gehen wir durch den Dschungel nach Hause. Tonbandpapageien und Tonbandaffen aus schlecht kaschierten Lautsprechern säumen unseren Weg. Die Echsen und die Vogelspinnen schlafen schon in ihren dunklen Volieren.

Draußen ist Brandenburg. Und da soll, glaubt man den Plänen, bald ein ausgewachsenes Ressort aus dem Boden gestampft werden.
Draußen ist Brandenburg. Und da soll, glaubt man den Plänen, bald ein ausgewachsenes Ressort aus dem Boden gestampft werden. : Bild: Andrea Diener

Am nächsten Tag verlassen wir mittags das Gebäude. Wir sitzen auf einem Parkplatz, Busse reihen sich aneinander, Tropical-Islands-Fahnen wehen. Es sieht schon wieder alles nach Baumarkt aus. Das Shuttle bringt uns zum Bahnhof. Hier draußen leben echte Menschen. Sie gehen ihrem Tagewerk nach. Wind weht uns an. Eine Elster landet auf der Oberleitung. Wir setzen uns auf den Steinboden des Bahnsteigs, schauen in den blauen Himmel und riechen an der Luft. Das kommt für uns jetzt etwas überraschend, aber dieser Overkill an Attraktionen, der uns unter der Kuppel bespaßen sollte, war eigentlich ein Experiment in Deprivation. Eventuell waren wir ungeeignete Versuchskaninchen.

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