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Tropical Islands : Wenn die Tropen Trauer tragen

Sonnenbad vor der Favelasimulation. Auch die Armut ist hier nicht echt, drinnen gibt es komfortable Zimmer.
Sonnenbad vor der Favelasimulation. Auch die Armut ist hier nicht echt, drinnen gibt es komfortable Zimmer. : Bild: Andrea Diener

Gut, was kann man hier also unternehmen? Wir saugen schlumpfblauen Slushie aus einer Plastikananas und schauen uns um. Man kann am Shopping-Boulevard seltsame Dinge einkaufen. Schlumpfblauen Slushie samt Plastikananas, Plüschtiere, Strandbekleidung, Bücher. Da steht interessanterweise auch „Das Tagebuch der Anne Frank“. Man kann sich ein Airbrush-Tattoo machen lassen, aber Achtung, da steht man immer Schlange, denn das will fast jeder. Es gibt einen Kosmetikladen und haufenweise Süßkram, Postkarten, Kaffeebecher von erlesener Scheußlichkeit, rosa Plastikflamingos, fast alles mit Glitzer. Die Begleiterin kauft sich eine hauseigene Einwegkamera, so etwas gibt es noch, sogar mit Palmen drauf. Bezahlt wird alles mit dem Chip, den man uns ums Handgelenk geschnallt hat und den wir immer tragen, denn er ist gleichzeitig der Schlüssel für alles Mögliche.

Das Volk soll konsumieren

Hinter dem irgendwie karibischen Shopping-Boulevard treten wir durchs Bali-Tor, da ist der Bali-Pavillon mit dem Asian Wok House. Es wird sich als der heimliche Renner der örtlichen Kulinarik entpuppen. Gleich hinter Bali liegt Thailand mit dem Jabarimba, was ja irgendwie vage afrikanisch klingt, gegenüber das Borneo-Langhaus (südostasiatisch), dahinter die Wayang-Bühne (javanesisch), die Samoa-Lodge (polynesisch) und die Sambesi-Bar (afrikanisch). Irgendwann gibt man es auf, die Tropen, die hier simuliert werden, lokalisieren und verstehen zu wollen. Man nimmt sie einfach hin als „Länder, die irgendwie heiß sind“, und lässt allen kulturellen Anspruch fahren.

Auch der Anspruch, ansatzweise etwas lernen zu wollen, hält keine anderthalb Stunden. Nichts ist mit lästigen Schildern beschriftet, kein Pflänzchen des immerhin größten Indoor-Dschungels der Welt sagt, wie es heißt, und die Vitrine mit den Dschungeltieren wartet nur mit allerknappsten Erklärungen auf. Das Volk soll konsumieren und nicht über irgendetwas nachdenken. Nicht einmal darüber, wie dieser Baum da heißt. Der Baum ist Dekoration, genau wie die Bauten und die Rumfässer in unserem Playmobil-Piratendorf. Auch die Flamingos, die die angenehme Eigenschaft haben, als Rudel immer dort zu bleiben, wo man sie hinstellt, sind nicht mehr als Selfie-Kulisse. Die renitentesten Lebewesen hier sind die Schildkröten, die immer wieder ausreißen, um ihre Eier am Truman-Show-Strand zu vergraben. Man fängt sie regelmäßig wieder ein.

Südseespaziergang: Der Sand wird den ganzen Tag immer wieder vom Betonpfad gefegt.
Südseespaziergang: Der Sand wird den ganzen Tag immer wieder vom Betonpfad gefegt. : Bild: Andrea Diener

Die beliebtesten Orte sind, der Menschendichte nach zu schließen, die Lagune und die Südsee. Die Menschen liegen dort dicht an dicht auf Ice-Age-Handtüchern und Yoda-Handtüchern und Angry-Bird-Handtüchern. Man sollte nämlich unbedingt eigene Handtücher mitbringen, sonst kostet es, und Kaution noch obendrauf. Eigentlich sollte man so viel wie möglich mitbringen, so schnell, wie man hier das Geld loswird. Die Plastikananas ist allerdings eine gute Investition, denn damit bekommt man die Getränke etwas günstiger, nicht nur Schlumpfslushie. Die meisten hier sehen allerdings aus, als seien sie fest entschlossen, sich darüber keine Gedanken machen zu wollen.

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