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Transsibirische Eisenbahn : Nichts passiert, und trotzdem verpasst man nichts

Swetlana, Kasachin koreanischer Abstammung, ehemalige Boutique-Besitzerin und nun rubelbedingt Schaffnerin im Wagen dritter Klasse. Trotzdem immer wie aus dem Ei gepellt! Bild: Andrea Diener

Ab Moskau kann ja jeder! Wir rollen das Feld von hinten auf, denn zwischen Wladiwostok und Irkutsk ist die Transsibirische Eisenbahn am interessantesten.

          Kilometer 9288: Wladiwostock

          Der längste Inlandsflug, den man auf der Welt unternehmen kann, führt von Moskau nach Wladiwostock. Dort, am Goldenen Horn, das tatsächlich auch ein wenig aussieht wie die gleichnamige Wasserzunge, um die herum Istanbul gebaut ist, liegt die Stadt auf der Murawjow-Amurski-Halbinsel. Sie ist eingeklemmt auf einer Landzunge gleich neben China und ganz knapp über Nordkorea. Gut sechshundert Kilometer über dem Meer liegt Japan. Das ist nichts verglichen mit den 9288 Eisenbahnkilometern nach Moskau. Wir befinden uns hier nicht mehr in Sibirien, das lerne ich als Erstes, wir befinden uns offiziell im Fernen Osten. Statt uralter Ladas beherrschen hier uralte Toyotas die Straßen; sie kamen mit der Fähre übers japanische Meer.

          Die klassische Strecke europäischer Reisender, die mit der Eisenbahn durch Russland fahren, ist ja eigentlich die Verbindung Moskau – Nowosibirsk. Oder maximal Moskau – Irkutsk. Wir hingegen gehen das anders an: „Na, das wird sicher abenteuerlich“, sagt die Dame am Check-In von Aeroflot, als sie mir mein Ticket nach Wladiwostock über den Tresen schiebt. Und wenn sie das sagt, dann glaube ich das. Die Landschaft sei auch viel schöner, höre ich allenthalben, denn hinter Moskau sei alles flach. Die grünen bewaldeten Hügel, die den fernöstlichen Zipfel Russlands bestimmen, sind tatsächlich recht hübsch anzusehen. Ein bisschen wie hessische Mittelgebirge, nur sehr viel leerer.

          Kilometer 8523: Chabarowsk

          Zugegeben, wir haben geschummelt. Wir sind nicht in Wladiwostock in den Zug gestiegen, obwohl der Zuckerbäckerbahnhof wirklich sehr hübsch ist. Wir haben uns nur gegenseitig vor der Stele fotografiert, die den Anfang der Transsibirischen Eisenbahn markiert, so wie die Touristengrüppchen, die uns umwimmeln. Wir sind dann aus logistischen Gründen die vierhundert Kilometer Luftlinie nach Chabarowsk geflogen und haben dort einen früheren Zug genommen, um den Anschluss in Ulan-Ude zu erwischen.

          Das gibt uns immerhin die Möglichkeit, die größte Stadt des Fernen Ostens zu erkunden. Deshalb sitzen wir nun in einem Bus ohne Stoßdämpfer und lassen uns über schütteren Asphalt rumpeln, bis die Bandscheiben knirschen, während unsere Gästeführerin ohne Unterlass von „unseren Amurvölkerschaften“ berichtet, den einheimischen Minderheiten, die wir dann aber alle nicht zu Gesicht bekommen.

          In eindrucksvoll verstaubten Naturkundemuseen trifft man auf interessante Fauna, wie etwa das Moschusreh.

          Stattdessen fahren wir ins Naturschutzgebiet. In den Wäldern leben jetzt immer mehr Sibirische Tiger, weil sich Präsident Putin sehr für ihre Erhaltung einsetzt. Präsident Putin mag große, wilde Tiere. Man kann sich nicht recht vorstellen, dass er sich auch derart liebevoll für das Moschusreh einsetzen würde, eine windschiefe Angelegenheit mit zu kurzen Vorderbeinen, Stummelgeweih und zwei vorstehenden Vampirzähnchen, das ebenfalls in den Wäldern lebt und vermutlich ab und zu einem Tiger zum Opfer fällt. Bären gibt es auch. Dann gehen wir nach draußen.

          Kilometer 8515: Amur

          Der Amur ist um die zweieinhalb Kilometer breit. Noch nicht mitgezählt sind die endlosen Nebenarme und Altarme, die er in seinem mäandernden Bett um sich herum versammelt. Wir stehen am Ufer, gleich neben der großen Amurbrücke bei Chabarowsk, einem der letzten Endstücke der Eisenbahnlinie, das erst 1916 fertiggestellt wurde. Von der alten Brücke, die in Warschau gefertigt wurde, stückweise per Bahn nach Odessa reiste, auf dem Seeweg nach Wladiwostock gebracht und mit der Eisenbahn die letzten Kilometer nach Chabarowsk gefahren wurde, gibt es nur noch ein einzelnes Bogensegment. Der eiserne Bogen ist Teil eines kleinen, aber feinen Eisenbahnmuseums, das Enthusiasten hier aufgebaut haben und in dem man die Geschichte des Brückenbaus erfährt. Modelle zeigen die Arbeit der Ingenieure, alte Taucheranzüge zeigen, mit welcher Ausrüstung gearbeitet wurde, Fotos verweisen auf die vielen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die für die Arbeiten verpflichtet wurden. Wir dürfen auch den schweren Messinghelm aufprobieren, den die Taucher damals anhatten. Man bekommt nach zwei Sekunden Klaustrophobie und will sofort raus da.

          Der Brückenbau war eine ungeheure Leistung, es gab dafür die Goldmedaille der Pariser Weltausstellung. Die eingleisige Strecke war jedoch auch das Nadelöhr der Transsib. Von den sechziger Jahren an nutzte man zusätzlich einen Tunnel unter dem Amur, in den neunziger Jahren entstand die moderne, inzwischen zweigleisige Brücke aus Beton. Über diese werden wir zum Glück auch fahren, denn den Ausblick über den Amur gönnt man Transsib-Reisenden üblicherweise. Güter- und Nahverkehrszüge werden in den dunklen Tunnel verbannt.

          Am Hauptbahnhof ist alles schnell erledigt, das Gepäck wird überprüft, die Fahrscheine, die Platzkarten, dann dürfen wir unsere Liegewagen beziehen. Es gibt auch Schlafwagenabteile, aber die hat nicht jeder Zug. Die Liegewagen sind, bezieht man das Viererabteil zu zweit, angenehm geräumig und komfortabel. „Waggonbau Görlitz 1974“ steht auf einer Plakette am Eingang. Waggonbau Görlitz hat ganze Arbeit geleistet, denn nichts wirkt hier schäbig, alles ist zweckmäßig eingerichtet, von der klappbaren Kletterleiter über das heimelige Holzimitat an den Wänden bis hin zu Vorhang und Tischdeckchen.

          Wird so schnell nicht langweilig: Draußen die Weite des Fernen Ostens, drin der Mikrokosmos Zug.

          Der Zug ruckelt los, wir schauen aus dem Fenster. Bald erstreckt sich der Amur unter uns, breit wie ein Meeresarm. Dort hinten jenseits des Flusses, so deutet man uns aus, da liegt die Jüdische Autonome Oblast. Die wurde 1928 von Stalin mit großen Erwartungen als „jüdisch-sowjetisches Zion“ gegründet, um - neben ein paar handfesten strategischen Eigeninteressen - eine Option gegen die Abwanderung nach Palästina zu bieten. Jedoch waren die Lebensbedingungen hart und das Klima rauh. Die Entscheidung zwischen sonnendurchfluteten Orangenhainen und mückenverseuchten sibirischen Wäldern fällt doch allzu eindeutig aus. Dann folgten die stalinistischen Säuberungen. Das Gebiet ist heute selbstverwaltet, jedoch ist nur eine kleine Minderheit jüdischen Glaubens.

          Dann tauchen wir in die Wälder ein. Sie sollen uns die nächsten anderthalb Tage begleiten, ebenso wie die russische Schlagermusik aus den Zuglautsprechern, die man zum Glück auch ausschalten kann, die abendlichen Kinderhörspiele, die wir nicht verstehen, weshalb wir dann doch lieber dem monotonen Zugrattern zuhören, bis wir eingeschlafen sind.

          Kilometer 7119: Erofei Pawlowitsch

          Nur ein, zwei Minuten bleibt der Zug an den kleinen Bahnhöfen stehen, an denen stets Uhrzeiten angezeigt sind, die unmöglich stimmen können – der Einfachheit halber gilt auf der Strecke überall Moskauer Zeit. Wie spät es an Ort und Stelle wirklich ist, weiß nur das iPhone, das sich brav bei jeder Überquerung einer Zeitzone umschaltet. Aber Zeit ist ohnehin angenehm egal, man verpasst ja nichts.

          Die Zivilisation ist dünn bis kaum vorhanden und in den kurzen Zughaltezeiten nahezu erschöpfend besichtigt.

          Alle vier Stunden hält der Zug ein wenig länger, und wir dürfen raus auf den Bahnsteig. Das hat damit zu tun, dass alle vier Stunden die Lok gewechselt wird, weil wir an die unsichtbare Grenze eines Bahndistrikts stoßen, und den Distrikten sind die Loks fest zugeordnet. Erster Halt des zweiten Tages ist ein Bahnhof in einer Gegend, die man wohl getrost als Nirgendwo bezeichnen kann. Drum herum Hunderte Kilometer an hügeligen Wäldern, die wenigen Häuser klumpen sich eng zusammen und bilden zuallererst einmal ein Alibi, hier einen Bahnhof hinzustellen. Ansonsten bauen die Menschen hier irgendetwas an (Kohl) oder etwas ab (Uran) oder fällen Holz.

          Inzwischen sind wir auch mit den Regeln des Zuges vertraut. Die Transsibirische Eisenbahn ist ein strenges Matriarchat, das niemand in Frage zu stellen wagt. Unsere Waggonmonarchin heißt Nadeschda und ist eine strenge, aber wohlmeinende Hüterin über Sitte, Moral, leibliche Unversehrtheit und Teegläser. Die Teegläser mit dem Emblem der russischen Eisenbahngesellschaft gibt es leider nicht zum Verkauf als Souvenir, sondern nur leihweise zur Benutzung im Abteil. Der Verlust kostet umgerechnet zehn Euro. Wir verlieren unsere Tassen der Einfachheit halber sofort und drücken Nadeschda das Geld in die Hand. Dann besorgen wir uns Teebeutel, denn einen Samowar gibt es in jedem Waggon ganz vorne zur kostenlosen Benutzung. Der Samowar sieht aus wie ein ziemlich alter Duschboiler und ist vermutlich auch genau das.

          Duschen kann man allerdings nicht im Zug. Wir schrauben unsere hygienischen Ansprüche also herab und tun alles, um mit Hilfe eines Waschbeckens, eines Handtuchs und Deosprays olfaktorisch möglichst unauffällig zu bleiben. Etwas weniger Mühe geben sich die Jungs im nächsten Waggon, dort nämlich liegen zweihundert junge Kerle in Marineuniform, die gerade ihren Wehrdienst in Wladiwostock abgeleistet haben und nun nach Hause fahren, etwas weiter als wir, bis Nowosibirsk. Nach einem Tag hat die Mischung aus Bierdunst und Pubertätsschweiß eine Intensität angenommen, dass wir den Aromawagen, so nennen wir ihn, nur noch mit angehaltenem Atem durchqueren.

          Gestatten: Unsere Mitreisenden. Diese jungen Herren haben gerade ihren Militärdienst abgeleistet und fahren nun heim nach Nowosibirsk.

          Der Aromawagen ist ein Waggon der dritten Klasse, die nennt man „Platzkartny“. Es gibt dort keine Abteile, nur Trennwände, außerdem sind die Betten kürzer, denn es müssen mehr Menschen untergebracht werden. Deshalb ragen manchmal Füße in Kopfhöhe in den Gang, denen man ausweichen muss. Man reist hier günstig, und wer aufs Geld gucken muss – fast alle –, reist „Platzkartny“. Mit Familie ist man im Abteil allerdings besser untergebracht, so wie die vier neben uns. Die beiden Kinder lümmeln auf den Bänken, spielen oder gucken raus. Sie sind erstaunlich brav und ruhig, wie die meisten russischen Kinder, die uns begegnen.

          Kilometer 6155: Tschita

          Langsam dünnen die Wälder aus. Die dunklen Nadelbäume lassen wir hinter uns, schließlich auch die lichten Birken, dann öffnet sich die Tundra. Wir fahren erst oberhalb der Inneren Mongolei entlang, die noch auf chinesischem Staatsgebiet liegt, schließlich oberhalb des Staates Mongolei. In Tschita zweigt die Chinesische Osteisenbahn ab, auch Transmandschurische Eisenbahn genannt. Was in den endlosen Wäldern abgeholzt wird, fährt per Güterzug nach Süden, wird am Grenzbahnhof Manzhouli von russischer auf chinesische Spurweite umgehoben und landet schließlich im eher waldarmen China. Dazwischen liegen Hunderte Kilometer Grasland, Jurten und sehr gerade Straßen, auf denen ab und zu mongolische Rinder stehen.

          Davon sieht man in Tschita nichts. Vom Bahnhof aus blicken wir in staubige, auch sehr gerade Straßen, die wie auf einem Reißbrett angelegt wurden. Nach den winzigen Haufendörfern kommt uns die Dreihundertvierzigtausend-Einwohner-Stadt mit ihren grauen Plattenbauriegeln vor wie eine Metropole. Tschita gibt es schon seit dem 17. Jahrhundert, das ist für ostsibirische Verhältnisse sehr alt. Es gibt eine große blaue Kathedrale mit goldenen Kuppeln, die wie eine glänzende Erscheinung im Morgenlicht auftaucht, und irgendwo angeblich sogar einen Flughafen.

          Ein Zug im Nirgendwo: Außer Wald, Hügel und Bodenschätzen gibt es hier nicht viel. Und das ist gerade das Schöne.

          Allmählich lernen wir auch unsere Mitreisenden kennen. Der Einfachheit halber heißen alle Männer Sascha. Sascha eins hat hoch im Norden, in Kamtschatka, mehrere Monate als Baggerführer gearbeitet. Schön war das nicht, aber man versprach ihm gutes Geld. Nachdem er merkte, dass er um seinen Lohn geprellt wurde, gab er die Arbeit auf und fährt nun wieder nach Hause. Bring mir wenigstens einen schönen Lachs mit, hatte ihm seine Frau aufgetragen. Aber den Lachs hätten ihm seine Mitreisenden im „Platzkartny“-Abteil weggefressen. Saschas Geschichte rührt uns, wir bieten ihm erst einmal einen Wodka an.

          Sascha zwei arbeitet hier im Zug. Er war einst Bergarbeiter, dann Offizier und mit der russischen Armee unter anderem in Leipzig stationiert. Seine Rente ist einigermaßen erbärmlich, reicht wie die meisten in Russland kaum zum Leben und bedurfte dringend der Aufbesserung, deshalb suchte er sich einen Job. Seine Aufgabe ist es nun, die Minibar durch den engen Gang zu fahren und Kekse, kleine Snacks und Getränke zu verkaufen.

          Swetlana ist Schaffnerin im Aromawagen und sieht als Einzige in ihrer Uniform umwerfend aus. Sie ist Kasachin koreanischer Abstammung und betrieb bis vor kurzem in Komsomolsk am Amur eine Damenboutique. Die lohnte sich irgendwann wegen des schwachen Rubels nicht mehr, deshalb heuerte sie bei der Bahn an. Trotz Zwölf-Stunden-Schicht sieht sie aus wie frisch geschminkt und gepudert, der akkurate Pony sitzt, der lange, schwarze Zopf liegt über der Schulter und reicht bis zum Ellenbogen. Sie ist eine zierliche Person, hat aber ihre Jungs gut im Griff.

          Wer sich den Speisewagen nicht leisten kann, deckt sich am nächsten Bahnhof mit chinesischen Cup-Nudeln ein.

          Bei jedem längeren Halt stürzen die Jungs in ihren geringelten Marinehemden nach draußen, rauchen und belagern den stets gut ausgestatteten Bahnhofskiosk. Dort holen sie sich chinesische Nudelbecher, die sie sich mit dem heißen Wasser aus den Samowaren anrühren. Auch das Bier scheint hier draußen günstiger zu sein als im Zug. Ab und zu machen sie auch Liegestützen oder fotografieren sich gegenseitig mit ihren Mobiltelefonen. Zur Aufrechterhaltung der Truppenmoral ist ein hübsches, dunkelhaariges Mädchen dabei, das ab und an mit einem von ihnen in der Toilette verschwindet. Dann auch mal mit einem anderen. Wir erwarten, dass sich früher oder später Eifersuchtsdramen entfalten, aber anscheinend ist der Zug unübersichtlich lang, das Bier viel und alles nicht so wichtig. „Love deserves only the Mother“, hat einer von den Jungs auf seinen Unterarm tätowiert und zeigt es stolz her.

          Wir ignorieren den Bahnhofskiosk und subventionieren lieber eine der Babuschkas, die stets mit buntem Kopftuch am Bahnhof stehen und Fisch, Pelmeni oder Schmalzgebäck verkaufen. Und wir besuchen den Speisewagen. Sascha zwei sitzt dort mit offenem Hemdkragen und hört mit einem kleinen blauen Plastikradio russische Schlagermusik. Die Kellnerin hat lange rote Haare, stets einen sehr kurzen Rock an und ebenso zuverlässig schlechte Laune. Vielleicht Liebeskummer, sie will nicht drüber reden. Aber sie bringt uns, den einzigen Gästen, erstaunlich genießbares Essen. Es gibt Salat, Suppe und eine Hauptspeise, dazu Tee, Bier und ein kleines Täfelchen Schokolade. Man kann sich im Speisewagen wirklich gut ernähren. Früher, so erzählt Sascha zwei, reichte die Schlange bis zum nächsten Wagen, heute kommt keiner mehr. Niemand hat mehr Geld.

          Kilometer 5642: Ulan-Ude

          Am nächsten Vormittag ist die Landschaft wieder ein bisschen kahler geworden, nur noch einzelne Büsche stehen im Gras. Es gibt grellblaue, ruhige Flüsse und Seen, und die Häuser sind nicht mehr ganz so spärlich gesät. Man könnte fast meinen, wieder halbwegs zivilisiertes Gebiet erreicht zu haben, in dem Menschen mit Fahrrädern herumfahren, kleine Geschäfte betreiben und Sozialkontakt zu mehr als einem Dutzend Mitbürgern unterhalten.

          Wir rollen in Ulan-Ude ein, der Hauptstadt der autonomen sowjetischen Republik Burjatien. Ja, das haben wir auch noch nie gehört. Burjatien ist die Heimat mongolischer Stämme, unter anderem der Burjaten, und die sind buddhistischen Glaubens, weshalb in dieser Gegend der Buddhismus vorherrscht. Dennoch gibt es eine prächtige Kathedrale zu besichtigen, „sibirischer Barock“, wie unsere Stadtführerin uns erklärt. Die Kathedrale hat einen Kinderspielplatz im Kirchgarten und wirbt mit „Free WiFi“. Ja, der Priester sei hier sehr modern, sagt unsere Stadtführerin Larissa.

          Skaten unter Lenins wachsamem Blick: Willkommen in Ulan-Ude!

          Überhaupt ist Ulan-Ude die überraschendste Stadt unserer Reise, was auch an der überraschenden Larissa liegt. Die sieht mongolisch aus und spricht ein lupenreines Deutsch, das sie hartnäckig behauptet, an der Universität von Ulan-Ude gelernt zu haben. Erst vor ein paar Jahren habe sie es dann endlich einmal nach Wuppertal und Berlin geschafft und sei bei ehemaligen Besuchern untergekommen, die ihr im Laufe der Jahre Visitenkarten und Einladungen zugesteckt hatten. Doch, doch, die Deutschen seien sehr gastfreundlich und hätten ihr sofort das Gästezimmer angeboten, nickt sie. Der Kollege, der immer die Franzosen führt, habe da weitaus weniger Glück gehabt.

          Larissa kennt sich auch in der Stadtgeschichte bestens aus. Ulan-Ude liegt nämlich an der Kreuzung der Transsibirischen und der Transmongolischen Eisenbahn, die über Ulan Bator nach Peking führt. Diese Lage hat dazu geführt, dass das einst eher kleine Nest seit dem Bau der Eisenbahn prosperiert und heute vierhunderttausend Einwohner hat. Vor allem Händler ließen sich hier nieder, nicht wenige aus Deutschland mit schönen jüdischen Namen wie Rosenbaum und Edelstein. Sie bauten in der heutigen Fußgängerzone ebenso schöne Bürgerhäuser in backsteinerner Gründerzeitoptik, so dass sich die Stadt im Kern heute recht europäisch anfühlt und etwas sehr Entspanntes, geradezu Beschwingtes hat. Außerdem hat Ulan-Ude das östlichste Opernhaus des Landes mit einem Musikorgelbrunnen davor, der im Takt der Arien seine Fontänen orchestriert.

          Ein paar Meter hinter Ulan-Ude besteht die Welt wieder aus kleinen Holzhäuschen. Für die nächsten tausend Kilometer.

          Wem das sowjetische Element fehlt, der begebe sich sofort zum Hauptplatz in der Innenstadt, denn dort steht der größte Lenin-Kopf der Welt. Der Restkörper kinnabwärts wurde nie fertig, nun steht er hier also ohne Torso auf seinem Sockel. Die Stufen, die zu ihm heraufführen, dienen skateboardenden Jugendlichen als Übungsrampe. Eine Hochzeitsgesellschaft, angereist in weißer Hummer-Stretchlimousine, versammelt sich zum Gruppenfoto.

          Leider müssen wir bald wieder abfahren, dabei haben wir längst nicht alle Sehenswürdigkeiten von Ulan-Ude gesehen, und sicher hätte auch die unermüdliche Larissa noch viel über ihre Heimat zu erzählen gehabt. Ulan-Ude, du Perle Burjatiens, ich komme wieder! Und das meine ich todernst.

          Kilometer 5358: Baikal

          In Ulan-Ude sind wir umgestiegen in den luxuriösen Zarengold-Sonderzug. Der dient hohen politischen Tieren als Beförderungsmittel, und wenn er das gerade nicht tut, chartern ihn deutsche Reiseveranstalter. Nach Tagen mit Katzenwäsche und Soljanka kommen uns Dusche und Kaviar gerade recht. Das Publikum besteht aus distinguierten, bestens parfümierten, angenehm plaudernden Herrschaften aus Europa und den Vereinigten Staaten.

          Der Baikalsee ist wunderschön, deshalb gibt es hier auch Tourismus. Und ein paar vielfrequentierte Wunschbäume mit wehenden bunten Stoffbändern.

          Wir verarbeiten noch unseren Kulturschock, aber am nächsten Morgen kommt der Baikalsee in Sicht, der uns bestens ablenkt. Im Gegensatz zum Linienzug darf der Zarengold-Zug nämlich die alte Bahntrasse direkt am Seeufer entlang befahren. Die ist eingleisig und nur noch einigen wenigen Bummelbahnen vorbehalten, aber viel, viel schöner als die neue Strecke. Rechts der See, groß und blau wie ein Meer, links das hügelige Ufer mit haufenweise kurzen Tunneln und kiefernbewachsenen Hängen. Am See sitzen alle paar Kilometer Zelter und Angler und Ausflügler und frühstücken genau wie wir, nur an der frischen Luft.

          An einem der winzigen Bahnhöfe steigen wir schließlich aus und setzen mit der Fähre über den See. Wir kurven um einen Schiffsfriedhof herum, der in morbider Schönheit im Morgendunst liegt, dann liegt ein großer, blauer Spiegel vor uns. Die Gegend rund um den Baikalsee ist von hochalpiner Schönheit, allerdings sind die Sommer kürzer. Im Winter friert der See vollständig zu und erweitert die Landschaft um eine große Wander- und Schlittenfläche aus milchigem, schlierigem Eis. Besonders warm ist der See auch im Sommer nicht. Der Baikalsee ist nämlich sehr, sehr tief, er ist die mit Wasser vollgelaufene Spalte zwischen der Indischen und der Eurasischen Kontinentalplatte. All das kann man im Baikalsee-Museum lernen, einem hübsch verstaubten Naturkundemuseum direkt am Ufer.

          Kilometer 5185: Irkutsk

          Unsere Bahnreise ist zwar schon vorüber, aber dem Zuckerbäckerbahnhof von Irkutsk statten wir dennoch einen Anstandsbesuch ab. Dann besuchen wir Tatjana Timofejewna in der Ulitsa Karla-Marksa, denn dort befindet sich die alte Eisenbahner-Wohnsiedlung. Tatjana ist eine sorgfältig geschminkte alte Dame und Zahnärztin von Beruf, heute ist sie pensioniert. Sie hat die Wohnung von ihrem Vater übernommen, der bei der Eisenbahn gearbeitet hat. Die Mitarbeiter der Staatlichen Eisenbahngesellschaft waren damals ziemlich privilegiert und durften kostenlos Zug fahren. In den Ferien war die Familie deshalb immer unterwegs. Tatjana tischt Rote-Bete-Salat und Eintopf auf und erzählt: Zum ersten Mal fuhr sie 1954 mit der Transsib, da ging es ans Schwarze Meer. Erst nach Moskau, dann umsteigen und weiter nach Sotschi, das sind zehn Tage im Zug, eine Woche Urlaub und wieder zehn Tage zurück. „Schwarz vor Ruß waren wir damals, wegen der Dampflokomotiven“, sagt Tatjana. Trotzdem war das für die Kinder immer ein großes Abenteuer.

          Außerdem muss man unbedingt ins Dekabristenmuseum. Die Dekabristen waren adelige Revolutionäre mit viel zu liberalen Ideen, die 1825 gegen das Zarenregime protestierten und dem neuen Zaren Nikolaus I. den Eid verweigerten. Sie wurden niedergeschlagen und verbannt, hauptsächlich in die Weiten Sibiriens. In Irkutsk ließen sich Sergej Wolkonsk und seine Gattin Marija Wolkonskaja nieder, die darauf bestand, ihren Mann zu begleiten. Im Laufe der Zeit baute das Ehepaar sich eine Holzvilla, sie engagierten sich sozial, hielten Salons, experimentierten mit dem Anbau von Gemüse und brachten, wie viele ihrer adeligen Revolutionsgenossen, ein bisschen Ordnung und Kultur in diesen harschen Landstrich. Noch heute wirkt das Haus mit dem gepflegten Blumengarten fremd zwischen den winzigen Holzhäusern und den Betonklötzen. Die Dekabristen waren wohl das Zweitbeste, was Sibirien passieren konnte. Das Beste war natürlich die Eisenbahn.

          Im Zug

          Lernidee Erlebnisreisen gilt als erfahrenster Veranstalter für Reisen mit der Transsibirischen Eisenbahn. Einzelne Strecken gibt es ab 1200 Euro, Pauschalarrangements samt Flug und Hotelübernachtungen ab 2850 Euro. Auskunft unter Telefon 030 / 7860000, www.lernidee.de, team@lernidee.de; außerdem im Internet unter www.transsibirische-eisenbahn.de

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