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Übernachten im Waggon : Transsib in Brandenburg

  • -Aktualisiert am

Zugzimmer: Waggon Nr. 1 in Rehagen Bild: Paul Stänner

In Rehagen bei Berlin stehen Waggons, die für die Transsibirische Eisenbahn bestimmt waren. Nun kann man in ihnen übernachten.

          Wenn man den Berliner Ring überquert hat, ist das Schlimmste überstanden. Die Staus, die Fahrbahnverengungen, die Baustellen. Wir trödeln durch kleine Orte, biegen irgendwann links ab. Noch ein paar hundert Meter Rüttelpiste mit rötlichen märkischen Feldsteinen und – es ist geschafft. Das Haus aus dunkelroten Klinkern liegt in der weichen Nachmittagssonne. „Bahnhof Rehagen“ steht über dem Eingang zum Restaurant. Die Bahnhofsuhren gehen erfreulich falsch – es ist Wochenende.

          Auf den Gleisen ruhen drei Waggons. Einer in Grün, einer in Rot – beide sehen aus, als wären sie eben erst aus dem Ausbesserungswerk gekommen. Daneben eine Konstruktion in dunkelgrünem Tarnanstrich der Deutschen Reichsbahn und so verrostet wie die DDR Ende 1989. In jenem Jahr sollten der schmucke grüne und der schmucke rote Waggon eigentlich an die Transsibirische Eisenbahn ausgeliefert werden, als Schlafwagen der eine, als Restaurantwagen der andere. Die politischen Umstände ließen das Interesse der Käufer erlahmen, die Wagen mit kyrillischen Zeichen blieben in Deutschland und sahen nie die Taiga. Der dritte Waggon, der wohl aus guten Gründen Donnerbüchse genannt wird, stammt von 1926 und wurde 1996 zum 70. Geburtstag einer industriellen Führungspersönlichkeit zu einem Salonwagen aufgewertet. Wie die gestrandeten Sibirjaken ist auch er jetzt ein Schlafwagen mit mehreren Abteilen. Insgesamt können in den drei Waggons 29 Personen übernachten, dazu 16 Gäste im Bahnhof.

          Der Blick schweift über die bewegungslosen Waggons, die stillen Gleise und weiter hinten die graue Metallbrücke, auf der in großen Lettern „Le Bourget“ steht. Wir erklären uns das als einen Tribut an das Heimweh des Betreibers von Rehagen. Christophe Boyer stammt aus Bourg-en-Bresse und war zunächst einmal Geograph. Seine Frau Manja stammt aus Berlin und studierte Betriebswirtschaft und Literatur. Eigentlich hatte sie in Frankreich ins Verlagswesen einsteigen wollen. Aber bei ihrer Hochzeit im Beaujolais, in einem Keller voller Weinfässer, kam ihnen die Idee, dass sie beide doch lieber Events veranstalten würden. 2010 haben sie den Bahnhof gekauft und jahrelang umgebaut. Jetzt haben sie ein Restaurant mit französisch inspirierter Küche und ein Eisenbahnhotel.

          Eine Hinterlassenschaft der Dreharbeiten zu „Monuments Men“

          Der Bahnhof Rehagen liegt in der Gemeinde Am Mellensee. Man lässt sich ungern hauptstädtischer Arroganz bezichtigen, aber ernsthaft: Wir sind im Outback von Brandenburg. Die Strecke gehörte seit den 1870er Jahren zur Königlich Preußischen Militär-Eisenbahn und führte von Berlin bis Jüterbog. Nach 37,5 Kilometern traf die sogenannte Kanonenbahn auf die Haltestelle Rehagen-Klausdorf. 1998 wurde die Trasse stillgelegt. Nur noch ein Gleis wird von der Erlebnisbahn genutzt, die mit Draisinen Teile der Strecke befährt. Der Fahrgast hat dabei das kontrovers diskutierte Vergnügen, das Gefährt mit eigener Muskelarbeit zu bewegen – das liegt nicht jedem.

          Beim Abendessen (Perlhuhnbrust, Saibling) erfahren wir auch, was es mit Le Bourget auf sich hat – keine Reverenz an die Heimat von Monsieur Boyer, sondern eine Hinterlassenschaft der Dreharbeiten zu „Monuments Men“. Die Brücke lag in einem Vorort von Paris, auf den Gleisen standen mehrere Dampfloks, die beunruhigenden Qualm ausstießen und oben auf der Brücke Cate Blanchett, die aus einem der Züge heraus beschossen wurde (es war aber gar nicht Cate Blanchett, denn die hatte Höhenangst, sondern eine Statistin). Für die Nahaufnahme wurde die Brücke in Babelsberg noch einmal nachgebaut.

          Die Frage beim Frühstück auf dem Bahnsteig

          Wir übernachten im roten Waggon Nr. 1, der eigentlich ein transsibirischer Restaurantwagen hätte werden sollen. Wir betreten unser Abteil über den Perron. Die Tür ist schwer und radikal wie eine Tresortür. Rechts die Dusche, dahinter Bad und Toilette, dann der große Schlafraum. Die Fenster lassen sich nur einen Spalt weit öffnen, den Luftaustausch übernimmt – mangels Fahrtwind – ein großblättriger Ventilator. Noch ein Glas Wein, noch eine Seite Lektüre, dann umfängt uns die Geräuschlosigkeit der brandenburgischen Einsamkeit. Nicht eine Mücke summt. Der Ventilator kreiselt uns in den Schlaf. Flap, flap, flahap, flap.

          Man träumt von der Zugzusammenführung in Hamm und dass es gleich mit Ruckeln und Quietschen weitergeht. Aber nichts ruckelt, nichts quietscht. Die Ruhe ist vollkommen. Beim Frühstück auf dem Bahnsteig taucht die Frage auf: Was mache ich hier? Boyer sagt, Radfahrer auf den Fernstrecken in Richtung Berlin seien häufige Gäste. Dazu Reisende, die nach außergewöhnlichen Übernachtungsstätten suchen, und Touristen, die zu den nahen Badeseen wollen. Wieder andere zieht es zum Flaeming-Skate, einer Skaterstrecke von 230 Kilometern Länge. Man kann auch einfach nur den ruhigen Bahnhof hüten. Seine Küche gilt als kulturelle Aufwertung der Region. Christophe Boyer ist diplomierter Tanzlehrer und gibt Kurse (Standard und Lateinamerika), eines Tages sollen im Festsaal des Bahnhofs richtige Bälle stattfinden.

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