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USA : Magie ist machbar oder Kaffeepause im Bagdad Café

„Thank you for being real“, hat ein Besucher ins Gästebuch geschrieben. Nur darum geht es: der Illusion eine Heimat zu geben. Als in der Fernsehsendung gezeigt wird, wie leicht sich Bilder von fremden Raumschiffen fälschen lassen, ist Brian sichtlich enttäuscht. Und mit ein paar dahingemurmelten Worten deutet er an, dass ja gerade hinter der vermeintlich einfachen Entschlüsselung die viel größere Intrige stecken könnte - nämlich die Absicht, die Menschen in Sicherheit zu wiegen. Prompt nimmt George die Entzauberung zum Anlass, von einer Verschwörungstheorie aus dem Vatikan zu erzählen. Es gebe Erkenntnisse, sagt er, wonach der nächste Papst ein falscher Prophet sei, das habe mit bestimmten Zahlen zu tun. „Und nur deshalb“, ereifert er sich, „ist der vorige überhaupt zurückgetreten: um die Zahlenfolge durcheinanderzubringen.“

Wir verstehen nicht ganz, was er meint. Und seine Erklärungen werden mit jedem Satz konfuser. Brian, immer noch enttäuscht vom Ufo-Geflunker und eindeutig überfordert von Georges Ausführungen, dreht sich wieder zum Fernseher hin, greift nach der Fernbedienung und zappt sich eine Zeitlang durch die Programme, bis John Wayne vom Bildschirm lächelt. Ein Western! Auch kein schlechtes Genre für die Gegend, denke ich und bestelle endlich mein Frühstück, Schinkensteak mit Spiegeleiern und Bratkartoffeln, woraufhin sich George in die Küche verdrückt. Er ist an diesem Vormittag auch für das Essen zuständig - und macht seine Sache sehr gut.

Mehr Gäste als das Hard Rock Café in Las Vegas

Was aus Harold geworden ist, Andrees Sohn, frage ich ihn, als er mir den Teller mit einer solch großen Portion hinstellt, dass ich sie, ohne hungrig zu bleiben, allemal mit ihm, Brian und John Wayne teilen könnte. Harold hatte damals, bei meinem ersten Besuch vor gut fünfzehn Jahren, gerade seine Karriere als Schauspieler gestartet. Immerhin war er bereits neben Rutger Hauer in dem „Space Defender“ zu sehen gewesen, einem Western auf einem fernen Planeten, den ein deutscher Verleih als „Goldrausch im Weltraum“ herausbrachte. Rutger Hauer schien eine sichere Bank. Mit „Blade Runner“ und „Hitcher“ hatte sich der Holländer in Hollywood weit nach oben gearbeitet und schien kurz vor dem Durchbruch zum Star. „Hitcher“ wurde Mitte der Achtziger sogar in unmittelbarer Umgebung des Bagdad Cafés gedreht. In etlichen Szenen erkennt man markante Kurven und Kreuzungen sowie die Hügel der Gegend wieder, und Roy’s Café in Amboy, nur einige Kilometer die Straße runter, spielt eine zentrale Rolle - auch wenn der Film vorgibt, in Texas zu handeln. „Hitcher“ ist ein neunzig Minuten währender Albtraum: ein Thriller, in dem ein wortkarger Anhalter Autos zu Schrott fährt, Häuser in die Luft jagt und Menschen in sehr großer Zahl ins Jenseits befördert - und dabei allen Verdacht auf jemand anderen lenkt.

„Was ist eigentlich aus Harold geworden?“, frage ich noch einmal, weil George etwas herumdruckst. „Der ist tot“, sagt er schließlich knapp. „Irgendwas mit Drogen.“ Das Interesse der Mutter am Kino scheint damit auch nachgelassen zu haben. George weiß nur von einem Musik-Video und einem Pornofilm, die auf dem Gelände gedreht wurden. Aber Fernsehteams aus China und Japan seien kürzlich dagewesen für irgendwelche Dokumentationen, und jetzt schaltet sich Brian wieder ein. „Die kommen ja in Busladungen hierher. Manchmal stehen vier Reisebusse zugleich auf dem Parkplatz“, sagt er und deutet durchs Fenster auf die staubige Leere, in der an diesem Vormittag nur unsere beiden Wagen stehen. Fast so wie Pferde im Western vor einem Saloon. „Andree hat mehr Gäste als das Hard Rock Café in Las Vegas“, sagt er noch, und dass sie neulich von der Idee einer Club-Karte gesprochen habe. Dann wendet er sich wieder John Wayne zu, der genau in dem Moment sein Pferd vor einem Saloon anbindet. Magie ist wirklich machbar!

Das internationale Publikum hat im Bagdad Café seine Spuren hinterlassen: An die Decke sind Dutzende von Flaggen genagelt, an einer Wand hängen Geldscheine aus aller Welt, an einer anderen Visitenkarten, und der Nebenraum ist mit Tausenden von Passbildern dekoriert. Jeder Besucher scheint irgendwie belegen zu müssen, dass er hier gewesen ist. Was er an die Wand getackert habe, frage ich Brian im Spaß. Der lacht bloß, zieht ein Bündel Scheine aus der Tasche und bezahlt. Erst jetzt, da er steht, sehe ich sein Spiderman-T-Shirt. Nicht schlecht für einen Achtzigjährigen, denke ich. Vielleicht das Geschenk eines Enkels. Aber das frage ich nicht mehr. Und ohne mich auf die eine oder andere Weise zu verewigen, mache auch ich mich auf den Weg.

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