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Spaniens Tourismus : An Ostern Totenstille

Ein Bild aus glücklicheren Tagen: Die Candelaria-Bruderschaft bereitet sich in der Kathedrale von Sevilla auf ihre Prozession vor. Bild: dpa

Der Tourismus in Spanien ist kollabiert. Auch die berühmten Osterprozessionen finden in diesem Jahr nicht statt. Das ist ein doppelt schwerer Schlag.

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          Heute sollten die Bruderschaften des Gründonnerstags mit der heiligen Muttergottes durch die Straßen von Sevilla ziehen, so wie seit Jahrhunderten, so wie immer begleitet von Abertausenden. Es sind die prachtvollsten Prozessionen der spanischen Karwoche, ekstatische Glaubensmanifestationen mit Büßern in Kapuzenkostümen, Heiligenstatuen in Prunkgewändern, Musikkapellen im Dauerrausch, einer ganzen Stadt in religiöser Ergriffenheit, die nahtlos in eine Massenparty mit viel mehr als nur einem Becher Messwein übergeht. Die Cofradías Los Negritos und Las Cigarreras hätten den Anfang gemacht, dann wäre traditionell Montesión gefolgt, bevor La Quinta Angustia den Abschluss gebildet hätte, die Bruderschaft der Fünften Angst. Heute aber wird es in Sevilla so totenstill sein wie in ganz Spanien, das in Schockstarre verharrt aus Angst vor dem Virus.

          Ostern ist üblicherweise der erste große Höhepunkt des Tourismusjahres in Spanien. Doch jetzt herrschen Stillstand und Depression. Sämtliche Hotels im Land sind geschlossen, alle Reisen mit einem touristischen Zweck bis auf weiteres verboten, selbst die ausländischen Dauercamper mussten in ihre Heimat zurückkehren. Der Tourismus ist nicht nur eingebrochen, er hat sich fast über Nacht in nichts aufgelöst, er existiert nicht mehr, was wiederum eine existentielle Bedrohung für ein Land ist, das mehr als achtzig Millionen Besucher pro Jahr zählt. Für fünfzehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts ist die Reisebranche verantwortlich, in manchen Regionen wie den Kanaren, den Balearen oder den Orten entlang der Mittelmeerküste sind es sogar fünfunddreißig Prozent. Zweieinhalb Millionen Menschen beschäftigt sie, von denen jetzt viele vor dem Ruin stehen, weil sich das Reiseverhalten wohl kaum vor Ende des Jahres normalisieren wird. Die Tourismusverbände rechnen damit, in diesem Jahr sechsundfünfzig Milliarden Euro an Wertschöpfung zu verlieren, und selbst diese gewaltige Summe ist noch eine optimistische Schätzung.

          Jeder hat Schuld auf sich geladen: Die Büßer der Bruderschaft Aguas während der Semana Santa in Sevilla.

          Sieben Jahre des ungebremsten touristischen Aufschwungs sind abrupt zu Ende gegangen, sieben goldene Jahre, in denen Spanien – trotz mancher Exzesse etwa in Barcelona – so stark wie kein zweites Land Europas von den Reisenden profitiert hat. Denn sie konzentrieren sich nicht mehr nur in den Hochburgen entlang der Küsten und auf den Inseln, sondern haben die gesamte Halbinsel erobert und dafür gesorgt, dass selbst in den entlegensten Gegenden eine fabelhafte touristische Infrastruktur entstanden ist. Vor wenigen Jahren noch hatte man größte Schwierigkeiten, in den einsamen Dörfern der Extremadura oder der Mancha, Asturiens oder Aragoniens ein passables Hotel und ein Restaurant mit kulinarischem Minimalanspruch zu finden – eine Pension, die „Bar del pueblo“, mehr gab es meist nicht. Heute haben sich selbst in versprengten Weilern Boutiquehotels in alten Klöstern oder Herrenhäusern eingenistet, während Hunderte von Schülern der spanischen Spitzenköche in ihre Heimatorte ausgeschwärmt sind, um dort eigene Lokale zu eröffnen und so eine flächendeckende kulinarische Hochkultur zu schaffen. Für die Vorstellung, dass all diese wunderbaren Blüten bald nur noch verbrannte Erde sein könnten, gibt es keinen österlichen Trost.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

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