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Tourismus in Ramallah : Die Stadt, in der jedes Wort politisch ist

  • -Aktualisiert am

Blick aus dem Hostel „Area D“ in Ramallah. Bild: Steffi Hentschke

Während der Nahostkonflikt festgefroren wirkt, entwickelt sich das Westjordanland zum Reiseziel. Was ermutigt junge Palästinenser, in den Tourismus zu investieren?

          5 Min.

          Die Luft riecht nach Benzin und Kardamom. Ein Sommermorgen auf dem Markt in Ramallah, der Asphalt glüht in der judäischen Wüstensonne. Mohammed Zarour schlängelt sich mit seinem Mountainbike durch die Gassen. Junge Männer laufen mit Tabletts voll frischem Kaffee über die Straße, kreuzen seinen Weg, ohne nach links oder rechts zu schauen. Taxis hupen, Kleinbusse stoppen abrupt, hier geht eine Fahrertür auf, dort missachtet jemand die Vorfahrt. Der 33-jährige Zarour trägt Helm und Sonnenbrille und wirkt wie ein Hasardeur im Großstadtgewirr. „Das ist für mich Freiheit“, ruft er, lacht, dann muss er sich wieder auf die Straße konzentrieren.

          Man kommt nicht unbedingt zum Fahrradfahren nach Ramallah. In der inoffiziellen Hauptstadt des Westjordanlandes hat die palästinensische Autonomiebehörde ihren Sitz, trifft die politische und wirtschaftliche Elite der Palästinenser ihre Entscheidungen. Für internationale Delegationen, Diplomaten, Politiker, Journalisten gehört ein Besuch in Ramallah zum Pflichtprogramm während einer Israelreise, man muss schließlich beide Seiten sehen. Morgens ein Briefing bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, mittags das gemeinsame Essen mit Human Rights Watch. Ernste Gespräche über die aktuellen Entwicklungen in der Region.

          Fahrradfahren? Das ist etwas für Arme

          Der seit 70 Jahren andauernde Nahostkonflikt gilt als festgefroren. Beobachter sprechen davon, dass es keinen Gestaltungsraum mehr für Friedensverhandlungen gibt. Den beiden Regierungen fehlt es an Willen, der jeweiligen Bevölkerung an Hoffnung und Kraft. Umfragen zeigen, dass beide Seiten innenpolitische Probleme mehr umtreiben als die Frage, ob es jemals eine Zwei-Staaten-Lösung geben wird. In dieser Phase des Stillstands wollen junge Palästinenser wie Mohammed Zarour beweglich bleiben.

          Mohammed Zarour vor Graffiti aus lokaler Produktion.

          Vor einem Jahr hat sich der Betriebswirt als Touristenführer selbständig gemacht, nun bietet er Stadtrundgänge und Fahrradtouren an. Die Route führt quer durch die 30 000-Einwohnerstadt auf dem Hügel, mit dem Mountainbike lassen sich die steilen Höhen leichter meistern als zu Fuß. Es geht vorbei am alten christlichen Viertel und an den Flüchtlingssiedlungen, in denen die nach der Staatsgründung Israels geflohenen Palästinenser leben. Weiter zum Regierungsviertel mit dem Jassir-Arafat-Museum und wieder zurück zum Markt. Unterwegs legt Zarour eine Mittagspause ein. In dem schlichten Imbiss mit vier Tischen und einem Gericht auf der Karte kochen zwei junge Frauen heute Hühnchen mit Reis.

          Zarour legt den Helm ab, wischt sich die schwarzen Haare aus der Stirn. Er sieht erschöpft und zufrieden aus. Der muslimische Palästinenser wuchs in Nablus auf, im Norden des Westjordanlandes. Die Stimmung dort ist deutlich konservativer als in Ramallah. Die Töchter werden schnell verheiratet, und auch die Söhne haben eine Familie zu gründen. Zarour ist nicht verheiratet. Er widersetzt sich den Konventionen. „Ein Mann, der mit Anfang 30 allein lebt und sein Geld mit Fahrradfahren verdient“, sagt er. „Das kann sich in Nablus keiner vorstellen. Dort fahren nur Kinder und Arme Fahrrad. Wer Geld hat, kauft sich ein Auto.“

          Jedes Jahr neue Rekorde

          Dass der Guide mittlerweile vom Tourismus leben kann, liegt vor allem an dem steigenden Angebot an Unterkünften in Ramallah. Fünf Hostels haben in den vergangenen vier Jahren eröffnet. Über Plattformen wie Airbnb und booking.com lassen sie sich unkompliziert buchen. Die Preise sind niedrig, die Standards auch. Aber ins Westjordanland reist man nicht wegen der luxuriösen Unterkünfte, des exquisiten Essens und der unberührten Landschaft, sondern um sich einen Eindruck von der anderen Seite zu verschaffen. In Hostels, mit ihren Gemeinschaftsküchen und Sofalandschaften, kommt man schneller mit dem Personal oder anderen Gästen ins Gespräch als in Hotels oder Ferienwohnungen.

          Ashraf Bakri im Speisesaal des Hostels „Area D“.

          In den obersten Etagen eines Büroturms mitten im Zentrum, direkt über dem Markt, liegt das Hostel „Area D“, und es bietet seinen Gästen vor allem Panoramaaussichten auf die Stadt. Es wird Abend, die Sonne senkt sich über dem Jordantal, färbt den Himmel rosa. Während unten die Händler ihre Stände abbauen, prüft oben Ashraf Bakri die neuesten Buchungen. Bakri, groß, kurzes Haar, fester Händedruck, ist so alt wie der Mountainbiker Zarour, die beiden kennen sich und arbeiten zusammen an einem neuen Projekt. „Das Hostel manage ich nur als Vertretung“, sagt Bakri. „Mein Fokus liegt darauf, eine Online-Plattform für lokale Tourguides aufzubauen.“ Bakri stammt aus Ostjerusalem, dort lebt er zusammen mit seiner italienischen Frau und der zweijährigen Tochter. Ihm entgeht nicht, wie die Zahl der Touristen in Israel zunimmt. Jedes Jahr meldet das Land neue Rekorde, die sich nicht nur, aber auch mit dem wachsenden Angebot an Billigflügen erklären lassen. Bakri arbeitete für einen Telefonanbieter, verlegte Kabel und Leitungen, als ihm die Idee kam, in den Tourismus zu investieren. „Wenn immer mehr Leute nach Israel fliegen“, sagt er, „dann ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis sie zu uns kommen.“

          Überall im Westjordanland, in Hebron, Nablus, Jericho, werden Wohnungen und Häuser renoviert, eröffnen Guesthouses und Hostels. Das passt nicht jedem. In der Nähe des Arafat-Platzes, versteckt in einem Mehrfamilienhaus, führt Chris Alami sein „Hostel in Ramallah“, mit sechs Jahren das älteste Hostel in der Stadt. „So läuft das hier, einer hat eine gute Idee, und alle machen sie nach“, sagt Alami. Viele hätten keine Erfahrung im Tourismus, könnten den Ruf der Region durch schlechten Service gefährden. Der Mittvierziger sieht mit seinem halb aufgeknöpften Hemd, der getönten Fliegerbrille und dem Männerdutt aus wie der Big Lebowski des Westjordanlandes. Sein Hostel erinnert an ein Ferienlager für politische Aktivisten. Die Wände und Türen sind mit Botschaften bekritzelt, „Free Palestine“, „Support BDS“, „Boycott Antisemitism“.

          Schwer, in diesem Konflikt das Richtige zu sagen

          Wer ins Westjordanland fährt, braucht keinen Hochschulabschluss in Friedens- und Konfliktforschung. Ein wenig Hintergrundwissen allerdings hilft, eine eigene Haltung zu entwickeln zu den Themen, die an den Wänden und auf der Dachterrasse des Hostels verhandelt werden. Darf man in Tel Aviv am Strand liegen, während in Gaza das Wasser knapp wird? Gibt es eine Verpflichtung, die Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem zu besuchen, oder darf man auch ausschließlich nach Palästina wollen? Sich nur das Arafat-Museum ansehen, in dem die Schoa nicht erwähnt wird? Auf Sofas aus Paletten sitzen zwei Freundinnen aus Berlin und streiten, bis es zu kalt wird, um draußen zu sitzen.

          Es heißt, es sei sehr schwer, in diesem Konflikt das Richtige zu sagen. Hanna Ziad ist es deshalb am liebsten, wenn man einfach den Mund hält. „Ich rede nicht über Politik“, sagt die 39-Jährige mit den blonden Locken und dem kräftigen Lachen. Ziad ist Jordanierin, geschieden und die einzige weibliche Barbesitzerin im Westjordanland. Ihr Lokal hat sie nach der Stadt benannt, von deren liberaler Partyszene sie träumt. Ihr „Berlin Pub“ wird von einem Türsteher bewacht, cremeweiße Vorhänge schirmen die Gäste vor neugierigen Blicken ab.

          „Hätte hier nicht ein Hostel nach dem anderen aufgemacht, ich hätte mir den Schritt vielleicht nicht zugetraut“, sagt Ziad, während einer ihrer Angestellten ihr ein neues Bier bringt. Selbst im schummrigen Licht ist ihr anzusehen, wie stolz sie auf das ist, was sie sich aufgebaut hat. Eine Muslimin, die im Westjordanland eine Bar eröffnet. Über diese Neuigkeit wollte sogar das israelische Fernsehen berichten, fragte sie für ein Interview an. Sie habe zunächst Lust gehabt, dann aber in Ruhe darüber nachgedacht. „Das Verrückte hier ist ja: Selbst wenn du etwas total Unpolitisches machst, irgendwer legt es dir als politisches Statement aus.“

          Die Reise nach Ramallah endet im Rausch der Nacht. Der britische DJ Jamie XX ist zu Besuch in der Region. Übermorgen spielt er in Tel Aviv, heute legt er in der „Radio Bar“ auf. Der Club hat vor drei Jahren eröffnet und sich als Treffpunkt der „Ramallah Bubble“ etabliert, ausländische Studenten feiern mit Palästinensern, die in London, New York, Paris leben. Der Boden vibriert, die Scheinwerfer flackern. Das Publikum tanzt sich in Euphorie, vergisst für eine Sekunde, dass dieser Ort nicht in Berlin, sondern im Zentrum eines ungelösten geopolitischen Konflikts liegt. Körper zucken im Takt, als unter ihnen plötzlich Mohammed Zarour, der Mountainbiker, auftaucht. Er habe gehört, dass auch zwei Israelis hier seien, sagt er. Er freut sich.

          Der Weg nach Ramallah

          Anreise (von Jerusalem aus): Unweit des Damaskustors, in Ostjerusalem, liegt der arabische Busbahnhof. Die Linie 218 fährt täglich außer freitags direkt bis Ramallah, unregelmäßig zwar, aber länger als 20 Minuten wartet man selten. Auf der Fahrt überquert der Bus den Checkpoint Kalandia, offiziell reist man nun aus Israel aus. Deshalb: Unbedingt Visum einpacken, die Grenzpolizisten kontrollieren bei der Wiedereinreise die Ausweise.

          Übernachten Das Hostel „Area D“ liegt direkt am Busbahnhof, wird am ehesten internationalen Standards gerecht und bietet ein großzügiges Apartment mit eigenem Bad und freier Aussicht über die Stadt. Kosten: circa 60 Euro pro Nacht. Die süßesten Zimmer und die gemütlichste Atmosphäre hat das „Habibi Hostel“, hier gibt es nur Zimmer ohne Bad, dafür für nur 30 Euro pro Nacht. Hotelzimmer, etwa im „Taybeh Golden Hotel“, kosten um die 100 Euro pro Nacht. Alle Unterkünfte lassen sich über booking.com buchen.

          Touren Auf der Plattform Hantourismus sammelt Ashraf Bakri verschiedene Ausflugsangebote, Stadtführungen und die Fahrradtouren von Mohammed Zarour: hantour.ps. Essen Unter dem Namen „Sacred Cuisine“ organisiert der Koch Izzeldin Bukhari Food-Events in Ramallah, zuletzt hatte er ein Pop-up-Restaurant, über seine aktuellen Projekte informiert er per Facebook: facebook.com/sacredcuisine/.

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