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Tourismus in Ramallah : Die Stadt, in der jedes Wort politisch ist

  • -Aktualisiert am
Ashraf Bakri im Speisesaal des Hostels „Area D“.

In den obersten Etagen eines Büroturms mitten im Zentrum, direkt über dem Markt, liegt das Hostel „Area D“, und es bietet seinen Gästen vor allem Panoramaaussichten auf die Stadt. Es wird Abend, die Sonne senkt sich über dem Jordantal, färbt den Himmel rosa. Während unten die Händler ihre Stände abbauen, prüft oben Ashraf Bakri die neuesten Buchungen. Bakri, groß, kurzes Haar, fester Händedruck, ist so alt wie der Mountainbiker Zarour, die beiden kennen sich und arbeiten zusammen an einem neuen Projekt. „Das Hostel manage ich nur als Vertretung“, sagt Bakri. „Mein Fokus liegt darauf, eine Online-Plattform für lokale Tourguides aufzubauen.“ Bakri stammt aus Ostjerusalem, dort lebt er zusammen mit seiner italienischen Frau und der zweijährigen Tochter. Ihm entgeht nicht, wie die Zahl der Touristen in Israel zunimmt. Jedes Jahr meldet das Land neue Rekorde, die sich nicht nur, aber auch mit dem wachsenden Angebot an Billigflügen erklären lassen. Bakri arbeitete für einen Telefonanbieter, verlegte Kabel und Leitungen, als ihm die Idee kam, in den Tourismus zu investieren. „Wenn immer mehr Leute nach Israel fliegen“, sagt er, „dann ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis sie zu uns kommen.“

Überall im Westjordanland, in Hebron, Nablus, Jericho, werden Wohnungen und Häuser renoviert, eröffnen Guesthouses und Hostels. Das passt nicht jedem. In der Nähe des Arafat-Platzes, versteckt in einem Mehrfamilienhaus, führt Chris Alami sein „Hostel in Ramallah“, mit sechs Jahren das älteste Hostel in der Stadt. „So läuft das hier, einer hat eine gute Idee, und alle machen sie nach“, sagt Alami. Viele hätten keine Erfahrung im Tourismus, könnten den Ruf der Region durch schlechten Service gefährden. Der Mittvierziger sieht mit seinem halb aufgeknöpften Hemd, der getönten Fliegerbrille und dem Männerdutt aus wie der Big Lebowski des Westjordanlandes. Sein Hostel erinnert an ein Ferienlager für politische Aktivisten. Die Wände und Türen sind mit Botschaften bekritzelt, „Free Palestine“, „Support BDS“, „Boycott Antisemitism“.

Schwer, in diesem Konflikt das Richtige zu sagen

Wer ins Westjordanland fährt, braucht keinen Hochschulabschluss in Friedens- und Konfliktforschung. Ein wenig Hintergrundwissen allerdings hilft, eine eigene Haltung zu entwickeln zu den Themen, die an den Wänden und auf der Dachterrasse des Hostels verhandelt werden. Darf man in Tel Aviv am Strand liegen, während in Gaza das Wasser knapp wird? Gibt es eine Verpflichtung, die Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem zu besuchen, oder darf man auch ausschließlich nach Palästina wollen? Sich nur das Arafat-Museum ansehen, in dem die Schoa nicht erwähnt wird? Auf Sofas aus Paletten sitzen zwei Freundinnen aus Berlin und streiten, bis es zu kalt wird, um draußen zu sitzen.

Es heißt, es sei sehr schwer, in diesem Konflikt das Richtige zu sagen. Hanna Ziad ist es deshalb am liebsten, wenn man einfach den Mund hält. „Ich rede nicht über Politik“, sagt die 39-Jährige mit den blonden Locken und dem kräftigen Lachen. Ziad ist Jordanierin, geschieden und die einzige weibliche Barbesitzerin im Westjordanland. Ihr Lokal hat sie nach der Stadt benannt, von deren liberaler Partyszene sie träumt. Ihr „Berlin Pub“ wird von einem Türsteher bewacht, cremeweiße Vorhänge schirmen die Gäste vor neugierigen Blicken ab.

„Hätte hier nicht ein Hostel nach dem anderen aufgemacht, ich hätte mir den Schritt vielleicht nicht zugetraut“, sagt Ziad, während einer ihrer Angestellten ihr ein neues Bier bringt. Selbst im schummrigen Licht ist ihr anzusehen, wie stolz sie auf das ist, was sie sich aufgebaut hat. Eine Muslimin, die im Westjordanland eine Bar eröffnet. Über diese Neuigkeit wollte sogar das israelische Fernsehen berichten, fragte sie für ein Interview an. Sie habe zunächst Lust gehabt, dann aber in Ruhe darüber nachgedacht. „Das Verrückte hier ist ja: Selbst wenn du etwas total Unpolitisches machst, irgendwer legt es dir als politisches Statement aus.“

Die Reise nach Ramallah endet im Rausch der Nacht. Der britische DJ Jamie XX ist zu Besuch in der Region. Übermorgen spielt er in Tel Aviv, heute legt er in der „Radio Bar“ auf. Der Club hat vor drei Jahren eröffnet und sich als Treffpunkt der „Ramallah Bubble“ etabliert, ausländische Studenten feiern mit Palästinensern, die in London, New York, Paris leben. Der Boden vibriert, die Scheinwerfer flackern. Das Publikum tanzt sich in Euphorie, vergisst für eine Sekunde, dass dieser Ort nicht in Berlin, sondern im Zentrum eines ungelösten geopolitischen Konflikts liegt. Körper zucken im Takt, als unter ihnen plötzlich Mohammed Zarour, der Mountainbiker, auftaucht. Er habe gehört, dass auch zwei Israelis hier seien, sagt er. Er freut sich.

Der Weg nach Ramallah

Anreise (von Jerusalem aus): Unweit des Damaskustors, in Ostjerusalem, liegt der arabische Busbahnhof. Die Linie 218 fährt täglich außer freitags direkt bis Ramallah, unregelmäßig zwar, aber länger als 20 Minuten wartet man selten. Auf der Fahrt überquert der Bus den Checkpoint Kalandia, offiziell reist man nun aus Israel aus. Deshalb: Unbedingt Visum einpacken, die Grenzpolizisten kontrollieren bei der Wiedereinreise die Ausweise.

Übernachten Das Hostel „Area D“ liegt direkt am Busbahnhof, wird am ehesten internationalen Standards gerecht und bietet ein großzügiges Apartment mit eigenem Bad und freier Aussicht über die Stadt. Kosten: circa 60 Euro pro Nacht. Die süßesten Zimmer und die gemütlichste Atmosphäre hat das „Habibi Hostel“, hier gibt es nur Zimmer ohne Bad, dafür für nur 30 Euro pro Nacht. Hotelzimmer, etwa im „Taybeh Golden Hotel“, kosten um die 100 Euro pro Nacht. Alle Unterkünfte lassen sich über booking.com buchen.

Touren Auf der Plattform Hantourismus sammelt Ashraf Bakri verschiedene Ausflugsangebote, Stadtführungen und die Fahrradtouren von Mohammed Zarour: hantour.ps. Essen Unter dem Namen „Sacred Cuisine“ organisiert der Koch Izzeldin Bukhari Food-Events in Ramallah, zuletzt hatte er ein Pop-up-Restaurant, über seine aktuellen Projekte informiert er per Facebook: facebook.com/sacredcuisine/.

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