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Tourismus an der Ostsee : Das Ende des Inseldaseins

  • -Aktualisiert am

Romantischer als die Costa de la Luz: Strand von Usedom Bild: Barbara Schaefer

Von Montag an ist Usedom wieder für alle zu haben. Die Insel gibt einen ersten Ausblick auf die neue deutsche Urlaubsrealität.

          3 Min.

          Zwei Monate war Usedom nicht mehr das, was es seit Jahrzehnten, auch zu DDR-Zeiten, gewesen war: ein beliebtes Ferienziel der Deutschen. Am morgigen Montag soll es nun wieder los gehen. In der vergangenen Woche durften Urlauber aus dem heimischen Bundesland und Geschäftskunden anreisen, in Bansin hatte das Atlantic geöffnet.

          „Möchten Sie Zimmerservice?“ fragt die Rezeptionistin. Sie steht hinter einer Plexiglasscheibe, der Gast trägt Mundschutz. Sie reicht den Meldeschein und dazu einen Kugelschreiber, den könne man behalten. 10 000 Stück haben die Seetel-Hotels bestellt, ein hygienisch unbedenkliches Werbegeschenk, weil sie nicht weitergereicht werden. Betten machen und durchfeudeln, das gibt es nur auf Wunsch, sonst betritt nur der Gast das Zimmer während seines Aufenthaltes. Das Zimmer sieht sehr aufgeräumt aus: keine Prospekte, keine Fernsehzeitschrift, keine Deko-Kissen, statt Gläsern stehen einzeln verpackte Plastikbecher bereit, die Bademäntel sind in Plastiktüten eingepackt, die Fernbedienung steckt in Plastik, mit einem Siegel darauf. So sieht sie aus, die neue Hotelrealität.

          „Wir haben immer die Fernbedienung nach der Abreise desinfiziert, der Gast hat es nur nicht gesehen“, sagt Rolf Seelige-Steinhoff, geschäftsführender Gesellschafter der Seetel-Hotels. Das Familien-Unternehmen betreibt 16 Häuser und ist mit gut 450 Angestellten der größte Arbeitgeber der Insel. Nun wollen sie stärker zeigen, wie sie die Auflagen umsetzen

          Sommer des Überlebens

          Doch wie zigtausend andere Gastronomen und Hoteliers kämpften auch die Seetel-Hotels ums Überleben. Die Hotelgruppe habe „weit über eine Million Personalkosten im Monat“, Saisonkräfte gebe es auf Usedom nicht, jeder sei froh, gute Mitarbeiter zu halten. Die Seetel-Gruppe baue zudem gerade sieben Häuser um, mit 34,2 Millionen Euro Investitionsvolumen, in zwei Jahren. So viel Liquidität sammle niemand an. Die fast drei Monate machten ein Fünftel des Jahresumsatzes aus – und nun dürfen die Hotelbetten nur zu 60 Prozent gefüllt werden. Pfingsten sei super gebucht gewesen, um die 80 Prozent, und nun müssen sie Gästen absagen. Und ja: Einige Betriebe auf Usedom würden das nicht überleben, sagt Seelige-Steinhoff. Denn auch wenn der Deutschlandtourismus jetzt boome, nütze das der Insel kaum, weil der Sommer ohnehin immer gut gebucht sei. Hier hoffen alle, dass sie bald wieder mit einer 100-prozentigen Belegung wirtschaften dürfen – wie in Schleswig-Holstein. Und während dort die Gaststätten bis 22 Uhr geöffnet sind, ist in Mecklenburg-Vorpommern um 21 Uhr Schluss.

          Was kann man sich mehr wünschen als ein Schiff und einen Strandkorb am Meer?

          Da Gäste aus Mecklenburg-Vorpommern weniger als zehn Prozent im Jahr ausmachen, war es in der ersten Woche sehr ruhig auf Usedom. Man konnte alleine am Strand spazieren, die ersten Schritte in Freiheit, es fühlt sich an, als sei man lange bettlägrig gewesen und traut sich nun das erste Mal wieder hinaus. Man kann ein Schokoladeneis im Rialto auf der Seebrücke essen, die Kormorane sitzen so dicht wie Hühner auf den schwarzen Pfählen im Wasser. Hier in Heringsdorf kurbeln die Idens ihren Strandkorbverleih an, schwere Traktoren bringen die Körbe, das Büdchen wird aufgebaut. Normalerweise gehe es an Ostern los, der Monat fehle ihnen. Einen besseren Platz als einen Strandkorb kann es gerade kaum geben, „wir lüften stetig“, sagt Natascha Iden. Natürlich müsse desinfiziert werden, „wir hoffen, das Material hält das gut aus“. Seit 20 Jahren verleihen sie Strandkörbe, und sie servieren im Winter Glühwein am Strand, beteiligen sich am „Grand Schlemm“, einer kulinarischen Wanderung, „es darf nicht langweilig werden“, sagt Andreas Iden, „wir wollen immer wieder das eigene Tun hinterfragen, das machen wir jetzt auch“. So überlegen sie, mit einem Sternekoch zusammen Catering im Strandkorb anzubieten. Die Menschen seien jetzt eben lieber draußen als drinnen. Andreas Iden sagt: „Man kann die Zeit jetzt mit Jammern oder Verzweifeln verbringen, oder eben überdenken, was man so macht. Aber Jammern, das ist das Schlimmste.“ Unlängst habe ihn eine Vermieterin von 15 Ferienwohnungen angesprochen, als sei sie fast am Verhungern. „Wenn jemand nach einem Monat Ausfall zu weinen anfängt, also dann hat man auch irgendwas falsch gemacht“, sagt Iden. Zudem habe die Regierung so viel Geld ausgeschüttet, da müsse man sich auch mal überlegen, „auf welchem Niveau man da jammert“.

          Das Fahrrad, Verkehrsmittel der Stunde

          Radfahren ist in Corona-Zeiten eine der sichersten Aktivitäten. Und Usedoms Radwege sind zu jeder Jahreszeit eine Tour wert. UsedomRad hat 2000 Leih-Räder an 140 Stationen, man leiht ein quietschgelbes Rad übers Mobiltelefon mit Codes, und an einer beliebig anderen Station lässt man es stehen. Das System startete 2009 mit Fördergeldern des Bundeswettbewerbs „Innovative öffentliche Fahrradverleihsystem – Neue Mobilität in Städten“. In einem der wenigen geöffneten Cafés in Bansin erklärt Geschäftsführer Axel Bellinger, auch die Einheimischen nutzten die Räder, „wenn sie mal den Bus verpasst haben“, Gäste führen lange Strecken damit. Wichtig für ihn waren die Werbeeinnahmen, die Räder sind fahrende Litfaß-Säulen für lokale Betriebe. Nun befürchtet Bellinger, dass denen bald das Geld fehlen könnte für Werbemaßnahmen.

          „85 Prozent der Menschen auf Usedom leben vom Tourismus“, sagt Rolf Seelige-Steinhoff von den Seetel-Hotels. Auch Bäckereien und Bauunternehmer, Einzelhändler und Installateure. Man müsse mit dem Coronavirus leben, sagt Seelige-Steinhoff. Im Atlantic weisen sie die Gäste auf Vorschriften und auf die Mundschutz-Verordnung hin und man hält Abstand. Und falls doch jemand das Virus einschleppen sollte? Wenn es den Gästen gut geht, könne man darüber nachdenken, so der Hotelier, „dass sie 14 Tage die Quarantäne hier machen“. Frühstück gibt es dann auf dem Zimmer.

          Der Weg nach Usedom

          Anreise Mit der Bahn kommt man unkompliziert nach Usedom (ab Berlin in vier Stunden nach Bansin) und hält in allen Kaiserbädern auf Usedom.

          Am morgigen Montag, 25.5., dürfen wieder auch Touristen aus anderen Bundesländern wieder nach Usedom. Touristische Betriebe und Hotels, wie etwa das Atlantic in Bansin, ein Designhotel in historischen Mauern (seetel.de) sind wieder geöffnet. Mehr unter usedom.de.

          Mehr zum Radverleih UsedomRad unter usedomrad.de

           

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