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Sudans Pyramiden : Noch eine halbe Stunde bis Meroe

  • -Aktualisiert am

Pyramiden von Meroe: Das nubische Reich von Kusch war über Jahrhunderte stabil. Bild: Picture-Alliance

Sudan ist nicht nur ein Land voller Leid und Gewalt. Es hütet auch einen ungeheuren Schatz: eine Nekropolis in der Wüste, die zu den Wiegen der Zivilisation gehört.

          Die Erinnerungen setzen mit einem Mausklick ein, ein Raunen läuft durch die Reihen, als der Film startet und Männer ins Bild laufen, die sich Weizensäcke auf den Rücken wuchten und fast unter ihrer Last verschwinden, ja damals, dieser Aufbruch, bauchige Lastwagen, Staatsgäste in Limousinen, palmengesäumte Alleen, alle bewegen sich in diesen alten Schwarzweißfilmen, winken, die Filmcity ist eröffnet, Hollywood in Afrika, jetzt liegt Ton auf den Lautsprechern, donnernd hebt ein Flugzeug von Sudan Airways nach London ab. „Vorbei“, sagt Sara Gadalla, „diesen Sudan gibt es nicht mehr.“

          Sie steht auf der Bühne des Goethe-Instituts in Khartum und lächelt. Ihr Vater, der gefeierte Dokumentarfilmer Gadalla Gubara, hat die Filme gedreht, jahrzehntelang hat er die Entwicklung des Landes dokumentiert, und sie dankt Deutschland, das den größten afrikanischen Filmschatz digitalisiert und dadurch rettet. Jeder hier kennt Sara Gadalla. Die Frau ist eine Legende. Mit drei Jahren infizierte sie sich mit Polio, die Kinderlähmung verkrümmte ihre Beine, und ihr Vater tröstete sie: „Wenn du nicht mehr gehen kannst, dann schwimme.“ Sie hat diesen Satz oft gesagt und auch den Wunsch, den ihr Vater damit verknüpfte: „Schwimme und werde berühmt.“ Das Mädchen schwamm. Es sprang ins Wasser und trainierte. Neunzehn Jahre in Folge wurde sie sudanesische Meisterin, sie kraulte Marathons im Nil und nahm am Rennen von Capri nach Neapel teil. Das Olympische Komitee ehrte Sara Gadalla für ihre außerordentliche Lebensleistung, und der Vater wich mit seiner Kamera in all den Jahren nicht von ihrer Seite. Er filmte bis zum Jahr 2000, dann schloss das islamistische Regime sein Studio. An diesem Tag erblindete er. Die Menschen, die zur Feier in das Goethe-Institut gekommen sind, wissen um die Familientragik. Sie sehen wie mühselig Sara über die roten Teppiche humpelt, die den weiten Hof füllen, gestützt auf zwei Krücken, ein Sinnbild für den Niedergang des Landes.

          Die phantastischen Pyramiden Nubiens

          Heute ist die einstige Kornkammer Afrikas geplündert, und Weizen muss eingeführt werden. Nach einem blutigen Bürgerkrieg hat sich Südsudan abgespalten, der Völkermord in Darfur brachte Staatschef Omar al Baschir einen Haftbefehl des Internationalen Gerichtshofs ein. Seitdem sind al Baschirs Auslandsreisen sorgfältig geplante Termine bei Staatschefs, deren Länder die Entscheidungen des Gerichtshofs nicht anerkennen und Menschenrechte kleinschreiben. Al Baschir ist in Russland und in der Türkei gerngesehener Gast. International hat er Sudan weitgehend isoliert, die Menschen leiden. Die Krise im Land ist augenfällig. Ersatzteile fehlen, das Geld verliert an Wert, und obendrein überwacht der Staat seine Bürger. Kommen junge Frauen wegen eines Fotos auf einen Touristen zu, sind umgehend Moralwächter zur Stelle, die sich dazwischenstellen. Das Leben verläuft mühselig, und auch das Fliegen ist nicht mehr das, was es war. Sudan Airways hat seit Jahren einen unrühmlichen Stammplatz auf der schwarzen Liste der unsicheren Fluggesellschaften.

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