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Sudans Pyramiden : Noch eine halbe Stunde bis Meroe

  • -Aktualisiert am

Im Wohnzimmer der Beduinen

Touristen können auf Dromedaren die Nekropole erkunden – vorausgesetzt, die Beduinen haben aufgepasst und rechtzeitig ihre Tiere gesattelt. Heute haben sie nicht mehr mit Besuch gerechnet. Als sie eilig angeritten kommen, stapfen wir schon eine feinsandige Düne hinauf. Der Wind hat sie aufgeriffelt und endlose Muster gezeichnet. Wir legen die ersten Spuren in den rötlichen Sand, der die Pyramiden umfließt und dabei wunderbare Bilder schafft. Dann sind wir oben. Vom Dünenkamm fällt der Blick in eine weite Senke. Wir blicken in ein menschenleeres Totenreich. Der Wind hat sich gelegt, es ist heiß und still, und die Zeit stockt. Sie geht langsamer, das Bild steht für einen langen Moment, dann kommen die Beduinen in Sicht, die um die Düne herumgeritten sind und sich jetzt an ihrem Fuß niederlassen. Sie breiten Tücher aus, als erwarteten sie Gäste zum Abendessen. Die Beduinen leben in der Nekropole von Meroe, sie sind hier zu Hause, und wir haben den Eindruck, in ihrem Wohnzimmer herumzulaufen. Als wir hinabsteigen und näherkommen, heben die Männer geschnitzte, schwarze Holzschalen in die Höhe, die sie verkaufen wollen.

Eine intime Atmosphäre liegt über dem Ort mit seinen hundert großen und kleinen Pyramiden, die steil sind und eine ungewöhnliche Neigung von siebzig Prozent haben.

Eine intime Atmosphäre liegt über dem Ort mit seinen hundert großen und kleinen Pyramiden, die steil sind und eine ungewöhnliche Neigung von siebzig Prozent haben. An ihren Ostseiten schließen sich Grabtempel an, deren Wände die Waage zeigen, mit der die Taten der Verstorbenen gewogen werden. Auch die Totenfresserin, die sie verschlingt, wenn sie für das ewige Leben als zu leicht befunden werden, fehlt nicht. Doch die Gravuren sind bedroht. Stürme schleifen die Inschriften ab, und der allgegenwärtige Sand wird immer mehr zum Problem. Versteppung und Wüstenbildung machen der Anlage zu schaffen.

Die schwarzen Pharaonen aus Nubien

Archäologen sehen heute in Meroe eine Wiege der Zivilisation. Lange bevor das alte Ägypten erblühte, entstanden in Nubien die ersten Hochkulturen. Im Königreich von Kusch keimten die afrikanischen Wurzeln der ägyptischen Kultur. Den stolzen Ägyptern war diese profane Vergangenheit nicht geheuer. Sie kappten bald ihr afrikanisches Erbe und schauten auf die Nubier herab. Darstellungen zeigen ihre südlichen Nachbarn gern mit wulstigen Lippen und flacher Stirn. Die rassistischen Erniedrigungen waren weit verbreitet. Auch Pharao Tutanchamun beteiligte sich daran. In seiner Gruft lagen Sandalen, in deren Sohlen Bilder gefesselter Nubier geprägt waren. Die Botschaft ist eindeutig. Diese Nachbarn treten wir mit Füßen. Offenbar schwelten zwischen den Völkern lange Jahre Konflikte, die meistens zugunsten der Ägypter ausgingen.

Fund aus Meroe: Ein Kopf des Augustus Bronzeskulptur mit Marmor und Glaseinlagen, um 27 v. Christus. Heute ist er im British Museum ausgestellt.

Doch 750 vor Christus schlug die Stunde der Nubier. Sie besiegten die Ägypter und stiegen als schwarze Pharaonen auf den Thron von Memphis. Ein Jahrhundert lang beherrschten die Nubier das gesamte Reich am Nil, bevor sie vertrieben wurden und ihre neue Hauptstadt Meroe gründeten. Eine lange Phase des Friedens und Wohlstands begann. Das nubische Reich von Kusch war über Jahrhunderte stabil. Es tauschte Waren mit arabischen und indischen Händlern entlang des Roten Meeres und nahm griechische, sogar hinduistische Einflüsse auf. Erst 350 nach Christus ging Kusch unter, als im heutigen Äthiopien das Königreich von Axum erstarkte, nach Norden drängte und die Macht von Meroe für immer zerschlug.

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