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Sudans Pyramiden : Noch eine halbe Stunde bis Meroe

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Lange bevor das alte Ägypten erblühte, entstanden in Nubien die ersten Hochkulturen. Archäologen sehen heute in Meroe eine Wiege der Zivilisation.

Trotz allem lächeln die Menschen, sie sind gastfreundlich und erstaunlich entspannt, sie wissen um ihre großartige Vergangenheit und sind stolz darauf, dass ihr Land einen gewaltigen Kulturschatz besitzt: die phantastischen Pyramiden Nubiens, ein Welterbe der Menschheit. Die Pyramiden stehen in der Nekropole von Meroe, zweihundertzwanzig Kilometer nördlich von Khartum. Hier, in der ehemaligen Hauptstadt des Reiches von Kusch, herrschten tausend Jahre lang die Nachfolger der schwarzen Pharaonen.

Die Raststätte in der Leere der Wüste

Die Straße dorthin ist ein schnurgerades Asphaltband in der Wüste, ein schwarzer Strich im rötlichen Sand voller Löcher und Bodenschwellen. Der Blick findet keinen Halt, er verliert sich in der Leere der Wüste. Manchmal wirft die Erde dunkle Steinhaufen auf, gekappte Berge kommen in Sicht. Lebendig ist nur der Seitenstreifen. Links und rechts der Straße liegen abgeschälte Reifenprofile wie aufgerollte Würmer, zerfetzte Stücke großer Schnecken, Reste von Karkassen, deren Stahlgeflecht in der Sonne glüht. Der Teer glitzert, viele Lastwagen, die zwischen dem Hafen Port Sudan am Roten Meer und der Raffinerie in der Nähe der Hauptstadt pendeln, fahren so lange, bis sich die Reifen ablösen.

Der sandige Wind schmirgelt alles platt: Schild vor der Ausgrabungsstätte der Königsstadt.

Abbas braucht jetzt einen Kaffee. Der Fahrer steuert den Wagen auf den Rastplatz von Shendi. Im Staub sind Zeltdächer zum Schutz vor der Sonne aufgespannt, eine Sudanesin füllt süßen, nach Kardamom und Ingwer schmeckenden Kaffee in Gläser. Die Fahrer machen es sich auf den bunten Plastikstühlen bequem, sie trinken und essen Datteln. Nebenan schichtet ein Junge in weißer Galabeya Zitrusfrüchte auf Basttellern zu Pyramiden, fünf Etagen mit Pampelmusen, sechs mit Limonen, die reifste Frucht drapiert er vorsichtig auf der Spitze. Unwirklich schön sieht das aus an dieser seltsamen Raststätte, hinter deren Dächern die Welt untergeht. Zwischen schiefen Strommasten und Plastikmüll verrotten Karosseriewracks, Tieflader und das umgestürzte Dach einer Tankstelle. Abbas nimmt einen zweiten Kaffee: „Noch eine halbe Stunde bis Meroe“, sagt er.

Das Krokodil bleckt seine Zähne

Wir fahren zur nächsten Straßensperre. An zahlreichen Checkpoints kontrolliert Sudan den Zugang zu seiner Lebensader. Das Land lebt von der Pipeline, in der das Öl aus Südsudan fließt. Auf jedes Barrel erhebt der Staat hohe Durchleitungsgebühren, ein einträgliches Geschäft. Sogar für die Polizisten fällt bei den Kontrollen etwas ab. Wenn die Papiere in Ordnung sind, inspizieren sie das Auto, und dieses Mal stört die Autoverglasung, die zu schwarz ist. Sie wird mit einem vorwurfsvoll gereckten Finger moniert und kostet ein paar Pfund, die in der Tasche des Polizisten verschwinden.

Ein Jahrhundert lang beherrschten die Nubier das gesamte Reich am Nil, bevor sie vertrieben wurden und ihre neue Hauptstadt Meroe gründeten. Eine lange Phase des Friedens und Wohlstands begann.

Nach wenigen Kilometern nähern wir uns einem schwarzen Bergkamm, dessen Zinken abgebrochen sind. Abbas schaltet den Vierradantrieb ein und verlässt die Straße. Wir folgen Reifenspuren zwischen den Sträuchern. Vor uns liegt Meroe. Die Zähne des Kammes beginnen zu wachsen, sie werden schroffer und steiler, und das Abendlicht badet die Pyramiden in ein mildes Maronenbraun, aus dem die hellen, abgehackten Spitzen hervorstechen, die dem Kiefer des ägyptischen Krokodilgottes Sobek ähneln. Das Krokodil bleckt seine riesigen Zähne, wir halten direkt darauf zu, aber ehe es zuschnappen kann, biegt der Fahrer vorsichtshalber ab und parkt vor einem einsamen Haus. Die Wächterin schließt einen kleinen Raum mit Informationstafeln auf. Sie freut sich über Besuch, Touristen sind selten, und Tickets, nein, die bekommt man hier nicht, ihre Handbewegung ist eindeutig, in Meroe zahlen Besucher keinen Eintritt.

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