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Gesegnete Ruh

Text von KRISTINA PEZZEI
Fotos von RENÉ ZIEGER

6. August 2021 · Hoch oben auf dem Rennsteig können Reisende in einer Kirche übernachten. Anfangs war das Projekt umstritten – mittlerweile ist das Gotteshaus oft der Grund, in die Gegend um Neustadt zu kommen.

Die Kirchenglocken läuten den Stabwechsel ein. „18 Uhr“, sagt Horst Brettel, als die ersten Schläge der Turmuhr ertönen, und drückt dem Schlafgast einen Schlüsselbund in die Hand. „Ab jetzt gehört die Kirche Ihnen.“ Und dann steht man da, in diesem Kirchenschiff, ganz allein. Zuvor hat der Gemeindekirchenratsvorsitzende bei einem Rundgang durch den schlichten Bau die wesentlichen Regeln erklärt. Rechts in der Ecke trennt ein blauer bodentiefer Vorhang das Schlafgemach vom Kirchenraum ab; wer ihn zur Seite zieht, blickt vom Bett aus direkt auf den Altar und die bunten Betonglasfenster darüber, in denen sich noch lang das Tageslicht spiegeln soll. Dusche und Toilette liegen links neben dem Haupteingang, nagelneu eingebaut. Nachts die Tür von innen verschließen, das Licht in den Gängen funktioniert per Bewegungsmelder, im Pfarrhaus gibt es WLAN. Die Schritte hallen auf dem Steinfußboden, ein Klack-Klack der Fahrradschuhe, vorbei an den hinteren Bankreihen, vorbei an dem Regal mit Gebetsbüchern.

Bevor es anfängt, sich komisch anzufühlen, holt einen der Straßenverkehr von draußen zurück in die Banalität des Sonntagabends. In Neustadt am Rennsteig treffen sich Hauptverbindungswege über den Thüringer Wald, während der Woche durchfahren Arbeitspendler den Ort, am Wochenende Ausflügler. Der Rennsteig-Wanderweg führt direkt hindurch und genau an der Michaeliskirche vorbei. Seit 2018 bietet die Kirchengemeinde Reisenden als „Her(r)bergskirche“ ein Dach über dem Kopf an.

Und die Laken duften nach Sonne und Wind: Bett in der Her(r)bergskirche
Und die Laken duften nach Sonne und Wind: Bett in der Her(r)bergskirche

Möglich gemacht hat das Horst Brettel. In seinen Siebzigern, klein, schlank, Bürstenhaarschnitt, engagiert er sich in dem Ort und darüber hinaus, seit er 1996 seiner Lebensgefährtin zuliebe aus dem bayrischen Coburg über die Grenze nach Thüringen gezogen ist. Jahrelang wirkte er als Präses im Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Arnstadt-Ilmenau und war Vorsitzender des Finanzausschusses des Kirchenkreises. Er organisierte das Pfarrbüro, als die Sekretärin in den Ruhestand ging, er hielt die Fäden beim Dorffest zusammen, leitete eine Interessensgemeinschaft für den lokalen Handel und hat sich als Streitschlichter einen Namen gemacht. Stellvertretender Bürgermeister der 950-Seelen-Gemeinde war er auch noch, zehn Jahre lang. Alles im Ehrenamt, alles in der Freizeit: Den „Hutaufsetzer“ nennen sie Brettel, den gelernten Systemprogrammierer, in Neustadt. Die meisten Aufgaben hat er jüngst abgegeben, das Engagement für die Her(r)bergskirche bleibt.

„Die Kirche wird ja nur noch selten genutzt, den Pfarrer teilen wir uns mit einem anderen Ort“, erzählt er bei Kaffee und Pfeife in der Pfarramtsküche. „Wir mussten uns überlegen, wie es mit der Kirche weitergehen soll.“ Zumal sich die Wehwehchen an dem Gebäude häufen und Geld für Sanierungen fehlt. Und so stand während einer Projektwoche zur Zukunft des Gebäudes ein Bett mitten im Kirchenschiff, direkt an den Bankreihen. Eine Provokation.

Der Aufschrei folgte prompt, die Empörung war mindestens genauso groß wie die Angst vor Veränderung. Viele junge Menschen haben die hoch oben über den Wäldern gelegene Ansammlung grau-schwarzer Schieferhäuschen seit dem Mauerfall verlassen, der Fleischer hat aufgegeben, die zwei Gasthäuser strauchelten, und die zweite Kirche im Ort musste wegen ihres maroden Zustands abgerissen werden – trotzdem fanden sich genug Ältere, die am liebsten alles so lassen wollten, wie es war.

Brettel besänftigte die Gemeinde mit dem Versprechen, das Bett werde nach einer Woche verschwinden. Es sei ja nur eine Aktion. Nur hatten da schon Medien von dem Bett in der Kirche Wind bekommen, Fernsehsender, Radios, Zeitungen kündigten sich an.

Zuflucht und Sensation am Rennsteig: Die Her(r)bergskirche Neustadt wird während der Sommermonate vermietet; frühzeitiges Reservieren ist empfohlen.

Der Gemeindekirchenratsvorsitzende beriet sich mit Berliner Architekten, die schon am Ursprungsprojekt beteiligt waren. Nun steht das Bett, erhöht auf einem niedrigen Podest, in der Ecke. Schlichtes Holzdesign, Waschkrug und Schüssel auf einer Anrichte, eine Holzbank. Zwei Menschen finden auf der Matratze Platz. Bei zugezogenem Vorhang ist es nicht einmal zu erahnen, Teilnehmer von Trauerfeiern oder Gottesdiensten müssen sich nicht irritiert fühlen. Die Kritiker gibt es immer noch, aber sie haben die Herberge akzeptiert.

Das Bett ist frisch bezogen und duftet, wie an der Luft getrocknete Wäsche in der Natur duftet: wunderbar. Christel, die im Obergeschoss des sanierten Pfarrhauses wohnt und einem ähnlichen Jahrgang wie Brettel entstammt, wäscht sie, hängt sie im Pfarrgarten auf, bügelt selbst. Oft täglich, denn viele kommen nur für eine Nacht. Mehr als drei Nächte darf ohnehin niemand bleiben.

Einer der Architekten hat Brettel eine Airbnb-Seite angelegt, über welche die allermeisten Buchungen eintrudeln. „Da steht jetzt: Hi, I’m Horst“, sagt er und lächelt. Die App erleichtert dem Rentner den Verwaltungsaufwand, weil er schnell und von unterwegs reagieren kann. Die Auslastung liegt bei 95 Prozent, wer noch eine Übernachtung für diese Saison sucht, muss sich beeilen. Die Gemeinde vermietet nur in den warmen Monaten.

Die Gäste kommen aus dem In- und Ausland, ganz überwiegend zum ersten Mal nach Neustadt und vor allem wegen des ungewöhnlichen Schlafplatzes. Das habe die anderen Gastgeber im Ort beruhigt, sagt Brettel: „Die wissen, dass die Menschen sonst gar nicht gekommen wären, und viele besuchen uns dann vielleicht ein zweites Mal und länger und sehen, wie schön es bei uns ist.“

Das Projekt war in der Gemeinde umstritten, inzwischen haben auch die Kritiker akzeptiert, dass mehr Leben der Rennsteig-Gemeinde gut tut.
Das Projekt war in der Gemeinde umstritten, inzwischen haben auch die Kritiker akzeptiert, dass mehr Leben der Rennsteig-Gemeinde gut tut.

Neustadt liegt auf knapp achthundert Meter Höhe und bietet Ausblicke bis weit nach Thüringen und Bayern hinein, wenn sich der Morgennebel verzogen hat. Hier hat sich der von Fichten und tief eingeschnittenen, dunklen Tälern geprägte zentrale Thüringer Wald gelichtet. In der einen Himmelsrichtung setzt sich der Rennsteig Richtung Eisenach fort, in der anderen Richtung geht es ins bayrisch-thüringische Grenzgebiet und zum Frankenwald hin.

Brettel und sein auf sechs Mitstreiter angewachsenes Team begrüßen jeden Gast persönlich, und so wundert es kaum, dass fast jeder Eintrag in den dicht beschriebenen Gästebüchern mit „Lieber Horst“ oder „Dear Horst“ beginnt. Alle schwärmen von der Nacht und von der Gastfreundschaft, viele kündigen einen nächsten Besuch an.

Die Kirchengemeinde rät zur zeitigen Anreise, dann schickt der Vorsitzende seine Gäste in eines der zwei Wirtshäuser im Ort, in ein Restaurant im Nachbardorf oder in den Einkaufsmarkt schräg gegenüber. Nach 19.30 Uhr bleiben nur selbst eingekaufte Lebensmittel und die Pfarrküche, welche die Neustädter sonst zum Begleiten von Veranstaltungen brauchen. Das Verpflegungsangebot bleibt die große Herausforderung für Rennsteigwanderer – nicht nur, aber auch in Neustadt.

Auch Tambach-Dietharz beteiligt sich an dem Projekt. Dort können Wanderer im Kirchenturm schlafen.
Auch Tambach-Dietharz beteiligt sich an dem Projekt. Dort können Wanderer im Kirchenturm schlafen. Foto: Marcus Glahn

Die Nacht selbst verläuft erstaunlich banal. Wer von früh bis spät mit Gepäck auf dem Rücken läuft oder sich mit dem Rad die steilen Hänge hinaufächzt, schläft immer gut. Der Verkehr nimmt ab, Stille zieht ein. Man stellt sich noch kurz vor, wie die Menschen hier früher zahlreich in die Gottesdienste gepilgert sein müssen, auf die zweistöckigen Holzemporen hinauf, begleitet von den Klängen der Orgel, über deren Sanierung die Gemeinde noch diskutiert. Statt ihrer steht ein Clavinova an der Balustrade und erfüllt bei den zweiwöchentlichen Gottesdiensten seinen Zweck. Dann schlummert man weg.

Morgens wecken einen nicht die Sonnenstrahlen, die sich in den Schilderungen anderer Gäste in den farbigen Fenstern brechen, sondern der aufkommende Autoverkehr. Vergangenes Jahr zählten sie in Neustadt erstmals wieder mehr Geburten als Sterbefälle, junge Familien ziehen in den Ort, kaum ein Haus steht leer. Weil die Arbeitsplätze rar sind, machen sich viele frühmorgens auf den Weg nach Ilmenau, Schleusingen oder Coburg.

Draußen wartet Frühnebel. Nach einem raschen Frühstück in der Pfarrküche setzt sich die Reisende noch eine Weile in eine der Bankreihen. Selbst wer nicht gläubig ist: Die Umgebung wirkt. Die Ruhe zieht in einen hinein, auch ohne Sonnenstrahlen. Bis neun Uhr bliebe noch Zeit, um einfach so sitzen zu bleiben, ganz allein. Dann ist Stabwechsel.

RENNSTEIG: WEG ZUR NACHT IN DER KIRCHE

Die Her(r)bergskirche ist ein Projekt der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen, es gibt eine zweite Übernachtungskirche in Tambach-Dietharz, zwei weitere entlang des Rennsteigs sind in Vorbereitung.

Eine Nacht in der Michaeliskirche kostet ab 25 Euro, gebucht wird über Airbnb. Die Einnahmen fließen unter anderem in die Sanierung der denkmalgeschützten Betonglasfenster, die ein sächsischer Künstler kurz vor der Wende entworfen hatte. Die Metallstäbe rosten. Weitere Informationen: www.herrbergskirchen.org/de.

KUNSTWELT IN DER KRISE: Eine Reise durch das Ökosystem der Kunst
FÜRSTEN DER BRONZEZEIT: Im Reich der Himmelsscheibe

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 06.08.2021 14:53 Uhr

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