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Thermal-Fasten : Von Wechselbad zu Wechselbad

Vielseitig, mit einzigartigem Panorama: Die Rupertustherme in Bad Reichenhall Bild: ddp

Macht erst Thermalbaden die Fastenzeit erträglich? Gibt es eine Parallelwelt in der Wechselwärme? Eine Reise von Bad Windsheim ins bayerische Bäderdreieck führt zu den Höhen der Dampf-Meditation.

          Es gibt eine Zeit im Jahr, die man am besten im Thermalbad verbringt. Gemeint ist natürlich die Fastenzeit, in der das Wetter gewöhnlich miserabel ist, die Tage zu kurz, zu grau und unangenehm feucht. Es friert einen von allen Seiten her, und man fühlt sich im Freien wie ein Baum ohne Blätter. Und obwohl sich die Menschen mit nassen Haaren sehr ähnlich sehen, beschleicht einen während eines verlängerten Thermalwochenendes in Bayern der Verdacht, dass einige ältere Mitbadende ihre Fastenzeit tatsächlich komplett in einer Thermalparallelwelt verbringen. Im niederbayerischen Bäderdreieck jedenfalls, nahe der österreichischen Grenze, dort, wo das Wasser nach Probebohrungen in der Mitte des 20. Jahrhunderts plötzlich warm aus den Feldern sprudelte, hat sich in Bad Griesbach und Bad Birnbach eine lebendige Winter-Camperszene ausgeprägt. Und Bad Füssing, in dem über Jahrzehnte hinweg nicht nur die Quellen, sondern auch die Krankenkassengelder eifrig sprudelten, hat nach dem Kurenknick im Jahr 2002 die Übernachtungszahlen von mehr als zwei Millionen annähernd wiederherstellen können - mit überwiegend privaten Besuchern.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber auch in den übrigen deutschen Thermalbädern ist im späten Winter die Hölle los. Abends, wenn die Dampfschwaden über den Außenbecken in allen Wellnessfarben leuchten, kommt der Besucher zuweilen nur mit Wartezeiten in jenen Zustand, der trotziges Draußensein mit innerer Ruhe verbindet.

          Die Endstufe des Stoizismus

          Die Geister scheiden sich aber in der Frage, wie dieser Zustand am elegantesten erreicht werden kann. Erlangen ihn die zu Weihnachten mit Gutscheinen beschenkten jungen Menschen, die sich in Bad Ems mit ihren Partnern stundenlang im Whirlpool oder dem 38-Grad-Becken suhlen, dort kuscheln und schnäbeln, bevor sie irgendwann einmal auf die verwegene Idee kommen, einen Fuß ins gegenüberliegende Kältebecken (18 Grad) zu tunken, nur, um dann belustigt wieder zurück ins Warme zu laufen? Werden die älteren Herrschaften belohnt, die in Bad Endorf stundenlang vor modrig riechenden Gradierwerken aus Reisig sitzen, die beharrlich vor Massagedüsen schweben und immer, wenn eine Lampe blinkt, eine Düse weiterrücken? Oder machen die beiden Damen mittleren Alters in der Rupertus-Therme in Bad Reichenhall die glücklichste Figur, die, statt die Sportbecken zum Bahnenschwimmen zu nutzen, mit Gewichten behängt, durch sie hindurchwaten, so als zögen sie einen Pflug übers Feld? Man steckt nicht drin in den Menschen.

          Bayerische Thermalbäder Bilderstrecke

          Wenn die vielen Wasser- und Temperaturwechsel allmählich Müdigkeit und ein leichtes, immer stärker werdendes Gefühl von Hunger erzeugen, setze man sich an eine der höchsten Stellen im Dampfbad, das es heute in fast jeder Therme gibt - es ist dunstig, riecht nach Kräutern oder ätherischen Ölen, der Sitznachbar ist kaum zu erkennen -, man lasse die Schultern sinken und stelle sich nun eine Situation vor, die einen im Alltag garantiert zur Weißglut brächte. Es ist nicht einfach, in dieser benebelten Verfassung einen entsprechenden Popanz aufzubauen. Wenn es aber doch gelingt und sich dabei innerlich emotional nichts, aber auch gar nichts tut, wenn sich allenfalls das Gefühl einstellt, aller Ärger dieser Welt könne mit einem einzigen Durchs-Gesicht-Wischen beseitigt werden, hat man alles richtig gemacht. Die Endstufe des Stoizismus und der Meditation wurde erreicht: Das Ich denkt nichts Bestimmtes mehr und vereint wie nebenbei gleich mehrere europäische und asiatische Denkschulen. Der Körper ist mit Wärme, Entspannung und Mineralien derart durchzogen, dass einem außenweltliche Querelen nur noch belanglos erscheinen. Der Mensch, der zu mehr als sechzig Prozent aus Wasser besteht, geht auf in seinem unreflektiertesten Element, ein Erlebnis wie wahrscheinlich sonst nur im Mutterleib.

          Auch ohne sich näher mit wissenschaftlichen, anthroposophischen oder esoterischen Lehren des Thermalbadens befasst zu haben, kann man vielleicht sagen, dass der Schlüssel des Wohlbefindens in einem gerade noch als natürlich empfundenen Kontrast liegt: Je geringer die Temperatur im Kältebecken, desto gesottener und durch kleine Nadelstiche überzogener fühlt sich der Körper anschließend im zwanzig Grad wärmeren Heißbecken - und desto entspannter später im mitteltemperierten Bewegungspool mit rund dreißig Grad, der die Domäne des antiken Maßhaltens ist. Beim Zeitlupenschwimmen breitet sich ein Gefühl von unerklärlicher Schwerelosigkeit aus.

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