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Zum Broadway in Manhattan : Die Vorstellung eines Lebens

Hier gibt es alles und alles auf einmal: Der Times Square in New York City. Bild: Reuters

Gespielt wird hier den ganzen Tag: Im sommerlich überhitzten New York konkurrieren die großen Broadway-Theater und die kleinen Bühnen mit den alltäglichen Dramen, die auf der Straße stattfinden. Eine Reise.

          10 Min.

          New York: Stadt ohne Anfang und Ende. Grenzenlose Projektionsfläche. Zu oft schon von zu vielen erträumt, als dass hier noch Träume wahr werden könnten. Jeder, der die Stadt zum ersten Mal betritt, hat schon längst alles gesehen. So viele klassische Filmszenen, Bildmotive und Erzählstränge gibt es, dass beinah jede Ecke, jeder Blickwinkel vertraut scheint. Was also tun in einer Stadt, die selbst keine Realitäten mehr kennt, sondern nur noch aus weltberühmten Phantasmen besteht? Am besten man versucht vor der großen Erzählung in die kleinen Schutzräume der Phantasie zu flüchten, dorthin, wo Manhattan schon immer seine Fiktionen auf die New Yorker losließ, wo die Stadt über sich nachdachte, phantasierte, die Möglichkeiten auslotete: Am besten lernt man New York in diesen Tagen vielleicht in seinen Theatern kennen, am alten Broadway – dort, wo man nur unterhaltungssüchtige Touristen vermutet.

          So viel Tempo

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Ins Theater gehen in einer Stadt, die ganz Bühne ist: Eigentlich finden in dieser Stadt ja überall, auf den Avenues und Straßenkreuzungen, an den Ampeln und auf den öffentlichen Plätzen, andauernd Theatervorstellungen statt, vierundzwanzig Stunden lang wird hier ein Programm mit komödiantischen Einlagen und dramatischen Höhepunkten gegeben. Schon wenn man vom Flughafen kommend zum ersten Mal aus dem U-Bahn-Schacht steigt, weiß der schweifende Blick gar nicht, woran er sich zuerst festhalten soll. Sofort wird er nach oben gerissen, an den glatten Fassaden der dicht aneinandergereihten Hochhäuser entlang, immer höher, dann wieder rast er hinab, springt hin und her über die dichtbefahrene Straße, den Bürgersteig, dessen Gewusel er nicht zu fassen kriegt, zu viel Tempo, zu viele Ich-Tonarten – da eine Kippa, dort ein Sari, hier ein Airpod im Ohr, drüben eine vollverschleierte Frau mit ihren Kindern, daneben ein knutschendes Männerpaar. Es Vielfalt zu nennen wäre eine schamlose Untertreibung; was hier über einem zusammenbricht, ist eine einzigartige, energiegeladene Identitätsflutwelle.

          New York war immer mehr Bühne als Stadt.

          In der Mittagssonne stehen die Banker und lassen sich aus den Foodtracks „Kotti Döner“ reichen. Vor den Bioläden warnen Körperwaagen vor dem heimlichen Kalorienkonsum. Auf dem Boden liegen Menschen neben Mülltüten, ein süßlicher Gestank sticht in die Nase, die Geschäftsleute spucken auf den Gehweg, knapp vorbei an einer älteren schwarzen Frau, die hier ruht. Der Kopf ist ihr von der zerfetzten Tragetasche auf den heißen Beton gerutscht, sie liegt da wie umgefallen, aber dann zuckt sie doch im Schlaf. An hupenden Taxis und schnaufenden Nashörnern ähnelnden Trucks vorbei schiebt ein Wäschereikurier seinen Fahrradanhänger. Auf einer Kleiderstange hängen die frisch gebügelten Hemden, die er seinen reichen Kunden nach Hause bringt. „Nach Hause“, das klingt so, als ob es hier noch irgendwo Gemütlichkeit und ruhige Rückzugsräume gäbe. Dabei ist Manhattan schon lange Schauplatz brutalster Vernichtung von Wohnraum: In so astronomische Höhe sind die Mieten hier inzwischen geschossen, dass sich kaum einer, der sein Geld auf ehrliche Weise verdient, eine Wohnung im Zentrum leisten kann.

          Aber auch in Harlem und den umliegenden Randbezirken müssen langjährige Bewohner ihre winzigen Apartments räumen, überall wird noch der letzte Profitrest aus den Gebäuden herausgepresst. Auch die Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen gehören zum New Yorker Straßentheater, und die Angst vor Vertreibung und Abstieg ist allerorts mit Händen greifbar. Die Menschen arbeiten wie wild, um sich Wohnungen leisten zu können, in die sie spätabends völlig erschöpft heimkehren, so dass sie den Komfort gar nicht genießen können. Kein Wunder, dass die Selbstmordrate in dieser Stadt proportional zu den Mieten angestiegen ist. An jeder U-Bahn-Station gibt es Werbeschilder für psychologische Telefonseelsorge, „Sie sind nicht allein“ steht da oder: „Denken Sie bitte ein zweites Mal nach“.

          Noch immer am Broadway: Hotel Algonquin.

          In einem Hauseingang boxt einer mit seinem Schatten, das T-Shirt hat er sich um die Hüften geknotet und die Bluetooth-Box auf volle Lautstärke gestellt für seine Trainingsstunde. Aus den Gullideckeln und Röhren daneben steigt der Dampf immer noch so selbstverständlich hervor, als hätte sich seit den Tagen, an denen hier der junge Stanley Kubrick als Fotoredakteur des „Look“- Magazins auf Motivsuche ging, nichts verändert. Eine phantastische Ausstellung seiner Bilder ist noch bis Ende Oktober im New Yorker Stadtmuseum zu sehen. All die alten New-York-Requisiten, die das Bild der Stadt im Kino und in der Literatur geprägt haben, sind auch heute noch da: Die Feuerleitern, aus tausend Filmen vertraut, versprechen noch immer eine schnelle Nummer, ein Drogengeschäft, einen Zungenkuss – wann sie das letzte Mal wegen Feuergefahr betreten wurden, weiß keiner mehr.

          Die Wege sind lang in New York – als Faustregel gilt: Fünf Minuten von Avenue zu Avenue, eine Minute von Street zu Street –, aber nie lang genug, um dabei alles zu sehen. Wer mit der Subway fährt, wird durchgeschüttelt und von dröhnenden Lautsprechern vor sexuellem Fehlverhalten und schließenden Türen gewarnt. Das hastige Laufen – Flanieren im südlichen Sinne ist hier eigentlich nirgendwo möglich – ist auf dem schachbrettartigen Straßenmuster die einzig mögliche Art der Fortbewegung.

          Längste Straße der Stadt

          Der Broadway ist die längste Straße der Stadt. Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts schlängelte er sich als Pfad durch die dichten Wälder der Insel. Kontinuierlich ist der sogenannte „Theatre District“ in den letzten Jahrzehnten stadtaufwärts, also „uptown“, gezogen: War er zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch um den Herald Square konzentriert, sind heute eigentlich alle zentralen Bühnen um den Times Square mit seinen Tag und Nacht blinkenden Werbebannern und Plakatwänden verteilt. Was es allerdings nach wie vor gibt, ist der sogenannte Off- oder sogar Off-off-Broadway. Darunter werden all jene kleinen Studiobühnen gezählt, die in New York neben den kommerziellen Marktführern ihr kleines, widerständiges Programm machen. Eine Vielzahl inzwischen international renommierter Theaterkompagnien wurde hier gegründet. Eine der traditionsreichen abseitigen Bühnen ist das sogenannte „Nuyorican Poets Cafe“ in der Lower East Side.

          1973 aus einem Literaturzirkel um den Schriftsteller Miguel Algarín entstanden, wurde das „Cafe“ schnell zu einem Mehrspartenhaus, in dem insbesondere puerto-ricanisch-lateinamerikanische sowie afroamerikanische Kultur präsentiert wurde. Allen Ginsberg nannte das kleine Theater den „höchstintegrierten Platz auf Erden“. Inzwischen liegt die beste Zeit des Hauses hinter ihm. An diesem Abend ist ein Stück mit dem Titel „Life among the Aryans“ angekündigt. Am Eingang begrüßt der Direktor des Hauses jeden einzelnen der etwa zehn Besucher mit Handschlag und einem Plastikbecher Bananenpudding – eine „Delikatesse der Südstaaten“, wie er betont und damit gleich in die tagesaktuellen Themen des Abends einführt: Rassismus, Kulturkampf, das politische Amerika.

          Bevor der Vorhang sich hebt, hält der Direktor eine kleine Rede, dankt jedem einzelnen Besucher für sein Kommen und betont, dass seine Schauspieler alle „working class people“ seien, also zur Arbeiterschicht gehörten und daher die Probleme, die sie auf der Bühne verhandelten, aus eigener Erfahrung kennen würden. Ungefähr fünfzehn Schauspieler kommen auf die Bühne und spielen leidenschaftlich die etwas arg pädagogisierende Parabel der Verführbarkeit ihres Milieus – Trumps berüchtigte „forgotten men and women“ – durch einen rassistischen Quacksalber vor. Einige haben Textprobleme, andere sprechen ihre Zeilen so innig bebend, als hätte ihnen Peter O’Toole persönlich die Intonation beigebracht. Als auf der Bühne die Rede davon ist, dass die Gewerkschaften einen massiven Mitgliedereinbruch verzeichnen – von 35 auf 19 Prozent ist die Zahl der in den „Unions“ organisierten amerikanischen Arbeiter gesunken –, geht ein Raunen durch die dünn besetzten Besucherreihen. Das Identifikationsgefühl ist groß an diesem Abend, größer als das Interesse an „schöner Kunst“.

          Ein paar Schritte entfernt vom kleinen Theater ist der berühmteste Pastrami-Laden der Stadt. „Katz’s Delicatessen“ heißt er und wurde 1888 gegründet. Kurz vor Mitternacht findet man hier kaum einen Platz, Taxifahrer und Professoren bestellen nebeneinander ihre Sandwichs.

          Epizentrum des derzeitigen Theaterbooms: Hamilton.

          Eines der wichtigsten Theatererlebnisse in New York ist das alljährlich im Central Park stattfindende Open Air Festival „Shakespeare in the Park“. Seit 1961 spielen hier die besten englischsprachigen Schauspieler Shakespeare unter freiem Himmel in einem Amphitheater mitten im Central Park. Al Pacino konnte man hier schon als Shylock sehen und Meryl Streep als Katharina in „Der Widerspenstigen Zähmung“. Die Besonderheit ist, dass die Karten für die Vorstellungen von der Stadt gezahlt werden, der Eintritt ist also für jedermann frei.

          Der Andrang auf die Gratiskarten für die Abendvorstellungen ist erheblich, so dass sich im Sommer schon frühmorgens in der Nähe des „National History Museums“ an der Westseite des Central Park eine lange Schlange bildet. Es wird Zeitung gelesen, Schach gespielt, Musik gemacht, über Trump geredet – immer wieder kommen Lieferanten aus den umliegenden Restaurants und bringen frischen Kaffee und Bagels vorbei. Um Punkt zwölf beginnt dann die Ticketvergabe, und alle stellen sich in die Schlange, die einmal nicht die soziale Hierarchie, sondern die Hierarchie der Frühaufsteher widerspiegelt.

          Stadt der Theaterwunder

          Über fünf Millionen Zuschauer sind bisher schon in den Genuss von Shakespeare-Klassikern gekommen. An diesem Abend wird „Othello“ gegeben, mit dem „House of Cards“-Schauspieler Corey Stoll in der Rolle des Iago. Der Abend ist sommerlich lau, die Vögel zwitschern, oben am Himmel fliegen die letzten Boeings zurück nach Europa. Ein bisschen herrscht Salzburger „Jedermann“-Stimmung. Vorn auf der Bühne werden Kulissen geschoben und historische Kostüme präsentiert. Das Stück wird für den europäischen Theaterbesucher überraschend traditionell vorgespielt, fern jeder Andeutung einer Regie-Idee – stattdessen gibt es Lichteffekte, Musikeinspielungen und konzentriertes Texttheater.

          Auf der Bühne wird gefochten und geschrien, getäuscht und gemordet. Chukwudi Iwujis Othello hat ein argloses, fast friedfertiges Gesicht, aber als Iago mit dem verfänglichen Tuch wedelt, verzieht es ihm die Züge, zittert und bebt er, weil das „grünäugige Monster“ Eifersucht von ihm Besitz ergreift. Inzwischen ist es ganz dunkel geworden, im Scheinwerferlicht tanzen Mücken und Falter, während das Publikum mit ängstlicher Anteilnahme mitverfolgt, wie der sadistische Iago seinen Herrn durch Andeutungen und vorgetäuschte Beweise quält. Was hierzulande, wo man dem alten Identifikationsversprechen nicht mehr so recht glauben will, schnell als expressives „overacting“ abgekanzelt würde, feiert an diesem Abend einen großen Erfolg.

          New York: Stadt der Wunder, aber auch der Wunden. Was am Theaterabend im Park deutlich wurde, die große Lust an der gemeinsamen Identifikation, begegnet einem im städtischen Alltag auf Schritt und Tritt. Auch am vielleicht theatralischsten Ort des frühen 21. Jahrhunderts – der Erinnerungsstätte an Ground Zero. Hier, wo am 11. September 2001 die Doppeltürme des World Trade Center von islamistischen Terroristen in Schutt und Asche gelegt wurden, hat die Stadt zwei große Becken angelegt, an dessen Seiten klares Wasser hinabläuft, sich kurz am Boden sammelt und dann in einem dunklen Loch verschwindet. Der Ort hat eine besondere Aura, nicht der Bedrückung, sondern von stolzer Trauer. Um die Becken herum sind die Namen der über dreitausend Opfer eingraviert. An ihren Geburtstagen lässt die Stadtverwaltung eine Rose in ihre Namensgravur stecken – gerade wird an „Patricia und ihr ungeborenes Kind“ erinnert.

          Das Broadhurst Theatre.

          Auch wenn die Wunde des Anschlags längst noch nicht geschlossen ist: Die New Yorker verstehen es gut, Krisen zu überstehen und sich den Alltag zurückzuerobern. Die Drogenkrise der siebziger und achtziger Jahre, die Bandenkriege, Einbruchsserien und vielen Mordfälle, dann „9/11“ – all das hat man irgendwie in den Griff gekriegt. Aber was jetzt droht, ist ungleich schwerer zu fassen: Es ist der totale Ausverkauf der Stadt an den pompösen Reichtum. Die harsche Verdrängung des Lebens durch das Geld, die in den achtziger Jahren einsetzte. Als Symbol dafür steht der „Trump Tower“ auf der Fifth Avenue mit seinen 58 Etagen und seinem protzenden Interieur, das der Innenausstattung in einer russischen Neureichen-Toilette gleicht. Das Verhältnis zu seiner Heimatstadt fühle sich an wie nach einer Scheidung, sagt ein gebürtiger New Yorker, ein Künstler, der hier sein Leben verbracht, eine Zeitschrift für schwierige Jugendliche gegründet und die Höhen und Tiefen der Drogenzeit miterlebt hat. Jetzt ist er fünfzig und kann seine Einzimmerwohnung in Harlem nicht mehr bezahlen, nächste Woche zieht er nach Spanien um; seinen kranken Vater muss er in einem schlecht geführten Altersheim zurücklassen. Die Stadt, die von Urzeiten an wie keine zweite für Einwanderung stand, macht heute ihre eigenen Bewohner zu Flüchtlingen.

          1500 Dollar für eine Theaterkarte

          Apropos Urzeit: Es gibt wohl keinen Ort, an dem man im Moment das Herz Amerikas deutlicher schlagen hören könnte als im Zuschauerraum des Richard Rodgers Theatre, unweit des Times Square. Hier ist man endlich angekommen am „richtigen“ Broadway. Schon lange vor Vorstellungsbeginn des umjubelten Musicals „Hamilton“ drängeln sich aufgekratzte Besucher in der kleinen Lobby des Bühnenhauses. Sie sind von weither angereist, aus Kansas und Alaska, um sich die Lebensgeschichte von Alexander Hamilton, des ersten amerikanischen Finanzministers und Vertrauten von George Washington, erzählen zu lassen. Die Euphorie, die um dieses Musikstück entstanden ist, kennt keine Grenzen mehr. Im Mai 2009 war der junge Musical-Sänger und Komponist Lin-Manuel Miranda zu Gast im Weißen Haus und präsentierte dort einen Rap-Song über Hamilton, dessen Biographie er in den Sommerferien gelesen hatte. Barack Obama soll den jungen Sänger danach dazu ermutigt haben, das Ganze zu einem Musical auszuarbeiten. Was dann 2015 zunächst in einem Off-Broadway uraufgeführt wurde, entwickelte sich schnell zum absoluten Publikumsmagneten. Karten für die täglichen „Hamilton“-Aufführungen sind inzwischen bis ins Jahr 2020 ausgebucht, die Kartenpreise auf dem Schwarzmarkt liegen bei ungefähr 1500 Dollar. Damit wird eine alte Tradition weitergeführt, denn New York war die erste amerikanische Stadt, in der auf Theaterkarten nicht nur drei-, sondern sogar vierstellige Preise standen. Da die Theater keine staatlichen Subventionen bekommen, ist die Produktion eines Broadwaystücks ein gigantisches finanzielles Risiko. Viele Aufführungen spielen ihre Anfangsinvestition, die sich durchaus auf Millionensummen im zweistelligen Bereich belaufen können, nie ein.

          Allerdings ist gerade in der aktuellen Broadway-Saison so viel Geld eingenommen worden wie nie zuvor. Rund vierzehn Millionen Zuschauer haben 2017/18 eines der rund dreißig Theater besucht und dafür insgesamt 1,7 Milliarden Dollar ausgegeben. An dieser Zahl hat „Hamilton“, das allein pro Woche etwa zwei Millionen Dollar einspielt, einen großen Anteil. Die mitreißende Art und Weise, mit der die Lebensgeschichte des ehrgeizigen sozialen Aufsteigers erzählt wird, verbindet Hiphop, klassische Broadway-Musik und verschiedene andere Pop-Stile zu einer energisch-unterhaltsamen Unterrichtsstunde im bestmöglichen Sinn. Der Umstand, dass die Gründerväter ausnahmslos von schwarzen Sängern dargestellt werden, verleiht dem Ganzen auch noch eine politische Dimension. Wem gehört die amerikanische Nation, wer hat das Recht auf Erinnerung und Patriotismus? „I am not throwing away my shot“ oder „I want to be in the room where it happens“ heißen die entscheidenden Liedzeilen des Abends. Im Publikum sitzen junge Schulmädchen und alte Rechtsanwälte und kennen jede Zeile der anspruchsvollen Liedtexte auswendig. Gebannt verfolgen sie die lustvoll choreographierten Szenen, jede Bewegung hier, so scheint es, ist eine für Freiheit, für das Recht auf Teilhabe an der Nation und ihrer Geschichte.

          Gründungsort des „New Yorker“

          Seit „West Side Story“ hat wohl kein Musical mehr die amerikanische Seele so tief getroffen. Das hat auch der amtierende Präsident Trump bemerkt, der das Musical-Ensemble öffentlich beschimpfte, als dieses den Vizepräsidenten Mike Pence von der Bühne aus dazu aufrief, die Werte und die Vielfalt des Landes zu bewahren. Der Verfassungskämpfer Hamilton, der für die Stadt New York auch insofern eine wichtige Rolle spielte, als er verhinderte, dass sie Hauptstadt des Landes wurde, liegt auf dem Trinity Churchyard am oberen Ende des Broadways begraben. Einige Besucher machen sich nach der Vorstellung dorthin auf, um den wiederentdeckten Helden zu ehren. Andere ziehen in das nahegelegene „Algonquin“ weiter, jenes 1902 eröffnete Hotel am Times Square, in dessen Bar sich früher alles traf, was im Kulturbetrieb Rang und Namen hatte. Gertrude Stein, Marian Anderson, Sinclair Lewis waren hier zu Gast, 1950 schrieb William Faulkner in einem der Zimmer seine Nobelpreisrede. Nach dem Ersten Weltkrieg fanden hier die berühmten Round-Table-Treffen statt, bei denen Kritiker und Autoren zusammenkamen und Gossip austauschten. An einem der alten runden Tische gründeten Dorothy Parker und Harold Ross 1925 den „New Yorker“, der bis heute weltweit gelesen und bewundert wird. In jedem Zimmer des mittlerweile ziemlich mittelklassigen (aber nach wie vor sehr teuren) Hotels liegt die aktuelle Ausgabe aus.

          Die historische Bedeutung des Ortes tröstet über seinen recht profanen Charakter hinweg: An der Bar sitzen keine Künstler mehr, sondern nur noch dicke Banker mit dünnbeinigen Begleitungen. Im dritten Stock läuft auch hier Tag und Nacht ein Laufband und verdirbt die Stimmung. Vom „Swagger“, der stolz-coolen Haltung eben auf der Bühne, ist hier nichts mehr zu spüren. Dafür bekommt man einen guten Gin Fizz und kann sie in Gedanken noch einmal Revue passieren lassen, diese Hauptstadt der Träume, dieses verblendete, triumphale, so sehr gefährdete New York.

          Der Weg an den Broadway in Manhattan

          Anreise Als erste Maschine hebt Singapore Air in Frankfurt täglich nach New York ab (Preis in der Economy ab 460 Euro, Premium Economy 1240 Euro, Business ab 2140 Euro). Bei Vorlage der „Bordkarte Plus“ gibt es bis zu 20 Prozent Rabatt (u. a. New York Pass, Central Park Zoo, Broadway-Shows, diverse Touren). Vergünstigungen gibt es auch im berühmten Kaufhaus Bloomingdale’s. Sogar in der Economyclass dürfen zwei Gepäckstücke kostenfrei mitgenommen werden. Zu buchen unter flug-new-york-singapore-airlines.de oder in jedem Reisebüro.

          Unterkunft Der Broadway ist ein teures Pflaster, das traditionsreiche „The Algonquin Hotel Times Square, Autograph Collection“ kostet ab 400 Euro (algonquinhotel.com).

          Broadway Zwei Mal im Jahr finden Aktionswochen statt, die nächste ist vom 3. bis 16. September. Während der sogenannten „Broadway Week“ gibt es zwei Tickets zum Preis von einem (nycgo.com/broadway-week); zwei Wochen später, vom 24. September bis 7. Oktober, sind dann die Off-Broadway-Weeks (nycgo.com/off-broadway-week), wenn man rechtzeitig online bucht, erhält man ebenfalls zwei Tickets zum Preis von einem.

          Weitere Informationen unter nycgo.com

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