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Zum Broadway in Manhattan : Die Vorstellung eines Lebens

Hier gibt es alles und alles auf einmal: Der Times Square in New York City. Bild: Reuters

Gespielt wird hier den ganzen Tag: Im sommerlich überhitzten New York konkurrieren die großen Broadway-Theater und die kleinen Bühnen mit den alltäglichen Dramen, die auf der Straße stattfinden. Eine Reise.

          New York: Stadt ohne Anfang und Ende. Grenzenlose Projektionsfläche. Zu oft schon von zu vielen erträumt, als dass hier noch Träume wahr werden könnten. Jeder, der die Stadt zum ersten Mal betritt, hat schon längst alles gesehen. So viele klassische Filmszenen, Bildmotive und Erzählstränge gibt es, dass beinah jede Ecke, jeder Blickwinkel vertraut scheint. Was also tun in einer Stadt, die selbst keine Realitäten mehr kennt, sondern nur noch aus weltberühmten Phantasmen besteht? Am besten man versucht vor der großen Erzählung in die kleinen Schutzräume der Phantasie zu flüchten, dorthin, wo Manhattan schon immer seine Fiktionen auf die New Yorker losließ, wo die Stadt über sich nachdachte, phantasierte, die Möglichkeiten auslotete: Am besten lernt man New York in diesen Tagen vielleicht in seinen Theatern kennen, am alten Broadway – dort, wo man nur unterhaltungssüchtige Touristen vermutet.

          So viel Tempo

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Ins Theater gehen in einer Stadt, die ganz Bühne ist: Eigentlich finden in dieser Stadt ja überall, auf den Avenues und Straßenkreuzungen, an den Ampeln und auf den öffentlichen Plätzen, andauernd Theatervorstellungen statt, vierundzwanzig Stunden lang wird hier ein Programm mit komödiantischen Einlagen und dramatischen Höhepunkten gegeben. Schon wenn man vom Flughafen kommend zum ersten Mal aus dem U-Bahn-Schacht steigt, weiß der schweifende Blick gar nicht, woran er sich zuerst festhalten soll. Sofort wird er nach oben gerissen, an den glatten Fassaden der dicht aneinandergereihten Hochhäuser entlang, immer höher, dann wieder rast er hinab, springt hin und her über die dichtbefahrene Straße, den Bürgersteig, dessen Gewusel er nicht zu fassen kriegt, zu viel Tempo, zu viele Ich-Tonarten – da eine Kippa, dort ein Sari, hier ein Airpod im Ohr, drüben eine vollverschleierte Frau mit ihren Kindern, daneben ein knutschendes Männerpaar. Es Vielfalt zu nennen wäre eine schamlose Untertreibung; was hier über einem zusammenbricht, ist eine einzigartige, energiegeladene Identitätsflutwelle.

          New York war immer mehr Bühne als Stadt.

          In der Mittagssonne stehen die Banker und lassen sich aus den Foodtracks „Kotti Döner“ reichen. Vor den Bioläden warnen Körperwaagen vor dem heimlichen Kalorienkonsum. Auf dem Boden liegen Menschen neben Mülltüten, ein süßlicher Gestank sticht in die Nase, die Geschäftsleute spucken auf den Gehweg, knapp vorbei an einer älteren schwarzen Frau, die hier ruht. Der Kopf ist ihr von der zerfetzten Tragetasche auf den heißen Beton gerutscht, sie liegt da wie umgefallen, aber dann zuckt sie doch im Schlaf. An hupenden Taxis und schnaufenden Nashörnern ähnelnden Trucks vorbei schiebt ein Wäschereikurier seinen Fahrradanhänger. Auf einer Kleiderstange hängen die frisch gebügelten Hemden, die er seinen reichen Kunden nach Hause bringt. „Nach Hause“, das klingt so, als ob es hier noch irgendwo Gemütlichkeit und ruhige Rückzugsräume gäbe. Dabei ist Manhattan schon lange Schauplatz brutalster Vernichtung von Wohnraum: In so astronomische Höhe sind die Mieten hier inzwischen geschossen, dass sich kaum einer, der sein Geld auf ehrliche Weise verdient, eine Wohnung im Zentrum leisten kann.

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