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Zum Broadway in Manhattan : Die Vorstellung eines Lebens

Stadt der Theaterwunder

Über fünf Millionen Zuschauer sind bisher schon in den Genuss von Shakespeare-Klassikern gekommen. An diesem Abend wird „Othello“ gegeben, mit dem „House of Cards“-Schauspieler Corey Stoll in der Rolle des Iago. Der Abend ist sommerlich lau, die Vögel zwitschern, oben am Himmel fliegen die letzten Boeings zurück nach Europa. Ein bisschen herrscht Salzburger „Jedermann“-Stimmung. Vorn auf der Bühne werden Kulissen geschoben und historische Kostüme präsentiert. Das Stück wird für den europäischen Theaterbesucher überraschend traditionell vorgespielt, fern jeder Andeutung einer Regie-Idee – stattdessen gibt es Lichteffekte, Musikeinspielungen und konzentriertes Texttheater.

Auf der Bühne wird gefochten und geschrien, getäuscht und gemordet. Chukwudi Iwujis Othello hat ein argloses, fast friedfertiges Gesicht, aber als Iago mit dem verfänglichen Tuch wedelt, verzieht es ihm die Züge, zittert und bebt er, weil das „grünäugige Monster“ Eifersucht von ihm Besitz ergreift. Inzwischen ist es ganz dunkel geworden, im Scheinwerferlicht tanzen Mücken und Falter, während das Publikum mit ängstlicher Anteilnahme mitverfolgt, wie der sadistische Iago seinen Herrn durch Andeutungen und vorgetäuschte Beweise quält. Was hierzulande, wo man dem alten Identifikationsversprechen nicht mehr so recht glauben will, schnell als expressives „overacting“ abgekanzelt würde, feiert an diesem Abend einen großen Erfolg.

New York: Stadt der Wunder, aber auch der Wunden. Was am Theaterabend im Park deutlich wurde, die große Lust an der gemeinsamen Identifikation, begegnet einem im städtischen Alltag auf Schritt und Tritt. Auch am vielleicht theatralischsten Ort des frühen 21. Jahrhunderts – der Erinnerungsstätte an Ground Zero. Hier, wo am 11. September 2001 die Doppeltürme des World Trade Center von islamistischen Terroristen in Schutt und Asche gelegt wurden, hat die Stadt zwei große Becken angelegt, an dessen Seiten klares Wasser hinabläuft, sich kurz am Boden sammelt und dann in einem dunklen Loch verschwindet. Der Ort hat eine besondere Aura, nicht der Bedrückung, sondern von stolzer Trauer. Um die Becken herum sind die Namen der über dreitausend Opfer eingraviert. An ihren Geburtstagen lässt die Stadtverwaltung eine Rose in ihre Namensgravur stecken – gerade wird an „Patricia und ihr ungeborenes Kind“ erinnert.

Das Broadhurst Theatre.

Auch wenn die Wunde des Anschlags längst noch nicht geschlossen ist: Die New Yorker verstehen es gut, Krisen zu überstehen und sich den Alltag zurückzuerobern. Die Drogenkrise der siebziger und achtziger Jahre, die Bandenkriege, Einbruchsserien und vielen Mordfälle, dann „9/11“ – all das hat man irgendwie in den Griff gekriegt. Aber was jetzt droht, ist ungleich schwerer zu fassen: Es ist der totale Ausverkauf der Stadt an den pompösen Reichtum. Die harsche Verdrängung des Lebens durch das Geld, die in den achtziger Jahren einsetzte. Als Symbol dafür steht der „Trump Tower“ auf der Fifth Avenue mit seinen 58 Etagen und seinem protzenden Interieur, das der Innenausstattung in einer russischen Neureichen-Toilette gleicht. Das Verhältnis zu seiner Heimatstadt fühle sich an wie nach einer Scheidung, sagt ein gebürtiger New Yorker, ein Künstler, der hier sein Leben verbracht, eine Zeitschrift für schwierige Jugendliche gegründet und die Höhen und Tiefen der Drogenzeit miterlebt hat. Jetzt ist er fünfzig und kann seine Einzimmerwohnung in Harlem nicht mehr bezahlen, nächste Woche zieht er nach Spanien um; seinen kranken Vater muss er in einem schlecht geführten Altersheim zurücklassen. Die Stadt, die von Urzeiten an wie keine zweite für Einwanderung stand, macht heute ihre eigenen Bewohner zu Flüchtlingen.

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